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Kategorien > Alltag >

Ein Traum

von Rosemarie Möller

Es gibt einen Traum und es gibt das Leben. Träume begleiten uns durch das
Leben, in guten und in schlechten Zeiten. Sie haben die Macht, alles
lebendiger zu gestalten. So zu sagen bleiben Träume oft im Verborgenen und
spielen uns jeden Tag das Theaterstück vom schöneren Leben vor. Sie machen
unser Leben bunter und schenken uns Hoffnung. Hoffnung darauf, das unser
Traum uns eines Tages im Leben begegnet, dass er eines Tages wahr wird und
uns den Lohn für unser geduldiges Warten auszahlt.
Manchmal ziehen wir uns in unsere Welt der schönen Träume zurück und sind im
Leben nur anwesend als verschleierte Gestalten, die Tag ein Tag aus
existieren. Es geschieht oft zum Eigenschutz unsere Seele, wenn sie dem
Druck im täglichen Leben nicht mehr Stand hält. Oft ist es auch die
Hoffnungslosigkeit unserer Situation. Gibt es dann noch einen Grund zu
Träumen vertrauen zu haben, oder ist es dann besser, sich von den eigenen
Visionen zurückzuziehen? Diese Frage kann sich nur jeder selber beantworten.
Oft ist es eine Qual, sich damit auseinander zu setzen.
Oft ist eine schwere Aufgabe oder eine Stärke unserer selbst, die Antwort
darauf zu finden?

Führe ich ein Leben im Traum, oder lebe ich für meinen Traum? Diese Frage
stellte sich Anna immer öfter. Sie war nun schon ein Mädel in reiferen
Jahren und hatte schon eine ganze Portion Leben hinter sich. Doch nun war
sie mit sich alleine und konnte sich keine Zukunft vorstellen. Anna sah zu
oft in den Spiegel und entdeckte zu viel Grau in ihrem Haar. Der Blick in
ihren Spiegel verriet ihr, wie viel Uhr es war und sie hatte nicht mehr so
viel Zeit für Träume. Bei diesen Blick in dieses manchmal grausame Ding, ist
es schwer, noch auf seine innere Stimme zu hören. Sie flüstert ganz leise,
das was man gerne laut hören möchte.
Oft stellte sie sich vor, jung und hübsch zu sein und wollte noch einmal das
Gefühl verspüren, ein begehrtes Wesen zu sein.
Einmal, nur noch einmal, würde Anna gerne die Zeit zurück drehen und mit all
ihrer Schönheit und Ausstrahlung den Mann, den Sie so verehrt, zum Tanz
bitten. Doch so wie sie aussah, und all die Jahre, die sie erlebt hatte,
spiegeln sich in ihrem Gesicht wieder und ihr Lächeln, das noch eben da
gewesen war, löste sich auf und verschwand. Anna blieb nur der Traum, in dem
sie jede Nacht mit diesem schönen Mann tanzte. Wenn sie sich ganz verlor,
dann fing ihr Herz Feuer, so das Anna`s Fantasie mit Ihr durchbrannte.
Sie gehörte zu den einsamen Menschen, die ihren Partner gehen lassen mussten
und keinerlei Hoffnung hatten, das er wieder zurückkehrt. Denn von dort wo
er war, gab es keine Rückkehr.
Anna war nun wieder frei und ungebunden, denn der Tod hatte ihrer Ehe
aufgelöst. Doch das war ihr noch nicht richtig bewusst, denn sie hat es noch
nicht verstanden, dass das ausgerechnet ihr passierte.
Anna fühlte sich allein und das Vermissen ihres Mannes schmerzte sehr. Sie
hatte Träume, doch die lies sie nur zu, wenn der Schmerz unerträglich wurde.
Sie benutze Träume als Schmerzmittel, ohne darüber nachzudenken, dass
Schmerzmittel zur Sucht werden und Sucht unser Leben blockiert. Im innern
ihrer selbst wusste Anna, was sie sich antat und sie wollte weg von dieser
Sucht. Sie wollte die Stärke finden, um das Suchtmittel zum Genuss zu
machen. In ihr befand sich diese Ruhelosigkeit und viel Temperament. Nur die
Worte „Ich will Leben“ könnten in Anna die Begegnung mit ihrem
Traum verwirklichen.
Doch da gibt es immer wieder Gründe für die Verzögerung dieser Begegnung
ihres Traumes.
Die Angst vor der eigenen Courage. Die Angst vor dem, was die Leute sagen
könnten und zum guten Schluss auch der Blick in den Spiegel.
Anna`s Ängste gehören zum Leben. Sie sind da und machen sich immer wichtig,
wenn wir Veränderung herbei wünschen. Sie können Macht ausüben, doch sie
sind nicht so Mächtig, dass wir sie nicht besiegen könnten. In Anna war die
Angst, doch wohnte in ihr auch der Mut.
Ihr war nur noch nicht bewusst, das ihr Mut stärker war und ihre Angst
keine Chance gegen diesen Mut hatte.

Es war Freitag und das Wochenende spielte sich ein. Anna wurde ganz mulmig
mit dem Gedanken, das sie am Wochenende zu viel Ruhe und Stille hatte. Zu
Unternehmungen hatte sie keinerlei Lust. Es nervte nur zu sehr und machte
sie traurig, wenn sie daran denken musste, alleine durch die Straßen zu
ziehen. Die vielen Familien, denen sie dann über den Weg läuft, stimmen sie
dann nur zu traurig und machen ihr noch mehr bewusst, wie alleine sie ist.
So nahm sie sich das Fernsehprogramm unter die Lupe und sagte zu sich:
„ Weist Du was Anna, heute machen wir uns es richtig gemütlich“.
„Wir zünden uns Kerzen an und sehen uns was schönes im Fernsehen
an“.
Sie fühlte sich ruhig und traf alle Vorbereitungen, um es Gemütlich werden
zu lassen. Doch als sie den Fernseher anmachte, gab dieser ein seltsames
Geräusch von sich und blieb aus. Erschrocken sah Anna ihren elektrischen
Partner an und ihr wurde klar, er hat sie wohl auch im Stich gelassen.
„Nein, bitte tue mir das nicht an, nicht jetzt“!
„Es ist Wochenende. Oh nein, das kann doch nicht wahr sein“!
Ihr wurde ganz mulmig im Bauchraum und sie überlegte, was sie noch tun
könnte, um diesen Kasten in Gang zu bringen. Im Innern aber wusste Anna, das
es wohl ein sehr einsames Wochenende wird ohne ihren Freund Namens
Fernseher. Jetzt saß sie da und es liefen ihr die Tränen herunter.
Zum guten Glück hatte sie noch ihre Musikanlage, so konnte sie die Stille
etwas vertreiben.
Sie legte sich auf ihre Couch und lauschte der Musik im Radio und hörte dem
Sprecher im Radio aufmerksam zu. Von Minute zu Minute wurde sie ruhiger, so
dass sie sich ganz entspannen konnte.
Anna bemerkte nicht wie sie von Zeit zu Zeit einnickte, ohne sich dagegen zu
wehren. Sie hörte der Stimme weiter zu. Es kam ihr vor, als spräche diese
Stimme zu ihr. Sie sprach von Liebe und Leben und das war ein Thema, das
Anna immer berührte.
Diese Stimme sagte ihr:

„Vielleicht bedeutet Liebe auch lernen,
jemanden gehen zu lassen.
Wissen, wann es Abschied nehmen heißt.
Nicht zulassen, dass unsere Gefühle dem im Weg stehen,
was am Ende wahrscheinlich besser ist für die, die wir lieben“.

Mit diesen Worten, schlief Anna ein und fing an zu träumen.
Sie lief auf einen hohen Berg. Es duftete nach verschiedenen Blumen und die
Luft war voll mit Frische. So, als wenn die Sonnenstrahlen am Morgen das
Leben begrüßen und die Vögel mit ihrem Gesang ein Loblied singen. Für Anna
war es wunderbar, dieses Gefühl wahrnehmen zu können. Sie ging den schmalen
Pfad über Stock und Stein den Berg hinauf und erfreute sich auf dem Weg
dorthin. Sie hatte keinerlei Ahnung, warum sie dorthin ging. Mit jedem
Schritt, den sie ging, kam sie sich ein wenig leichter vor. Sie fühlte sich
so, als wuchsen ihr Flügel.
Sie lief und lief hinauf, ohne darüber nachzudenken, warum und wieso sie es
tat. Ihre Schritte waren nicht zu bremsen. Ihr Herz klopfte und sie gewann
Energie in Körper und Geist. Die letzen Meter, zum Ende dieses Berges, hatte
sie das Gefühl, zu Spät zu kommen und sie konnte es nicht erwarten, die
letzen paar Meter hinter sich zu bringen. Eine unglaubliche Macht trieb
ihren Motor an und rief sie diesen Berg hinauf.
Endlich war Anna da! In ihren Augen war zu lesen, was sie in diesem Moment
empfand. Anna´s Augen sind blaugrün, doch wenn sie glücklich war und nicht
wusste, wie sie das sagen sollte, dann sprachen ihre Augen und verfärbten
sich in ein strahlendes Grün.
In Anna´s strahlenden grünen Augen fand sich die Sonne wieder und der Himmel
erwiderte ihr in einem wunderschönen Farbenspiel. Sie stand dort oben, ganz
allein und fühlte sich dem Himmel sehr nahe. Sie setzte sich auf einen Stein
und ließ die Stille in sich einmarschieren und dann brach ihr Schweigen.
„Warum hast Du mich alleine zurückgelassen“?
„Ich will nicht mehr leiden und ich will nicht mehr so traurig
sein“!

Bei diesen Worten senkte sie ihren Kopf, damit der Himmel nicht sehen
konnte, wie sich die Farbe ihrer Augen veränderte. Die Tränen liefen über
ihr Gesicht und verloren sich auf dem Stein, der sie sofort verdunsten lies.
Eine Stimme aus dem innern ihrer Seele sprach zu ihr:
„Anna, erhebe dein Gesicht und sieh´ mich an“!
„Schau zu mir, wenn ich mit Dir spreche“!
„All das was Du siehst bin ich, denn ich bin das Leben, in dem Du Dich
befindest.
Du lebst, weil Du mich sehen sollst und Du atmest, weil Du leben sollst.
Erhebe Dein Gesicht und schenke ihm ein Lächeln.
Verschwende keine Minute, denn Du lebst in jeder Minute und in Sekunden
erfährst Du Dein Glück.
Ich werde Dir nicht sagen, wann Deine letzte Minute schlägt, damit Du nicht
nach ihr suchst und nicht nach ihr lebst.
Geh nun Anna!
Geh hinab, packe Deine Sachen und Setze Dich in den Zug, der mit Dir durchs
Leben fährt.
Nimm nicht den Zug nach irgendwo, denn er hat kein Ziel und seine Fahrgäste
sind ohne Glück.
Für dich ist ein Platz im Zug der Liebe und der Zuversicht, denn er bringt
Dich zu Deinem Glück.
Hab keine Angst und dreh Dich nicht um, denn was hinter dir liegt ist nur
Vergangenheit und der Bahnhof heist Nirgendwo.
Geh und verschwende keine Minute...“

Anna stand auf und ging. Ihre Tränen waren weg, denn sie lagen hinter ihr
und verpackten ihre Vergangenheit. Stolz und voller Mut ging sie nach hause.
Schritt für Schritt ohne zurückzusehen. Sie packte ihre Sachen und machte
sich auf den Weg zum Bahnhof. Sie hatte viel Gepäck, es waren all die vielen
Dinge, die sie so sehr liebte, nur den Spiegel, den lies sie zurück, als
Geschenk für ihre Vergangenheit.
Von nun an hat er nicht mehr die Gelegenheit, ihr den Tag zu verwürzen mit
ihrem Bild.
Anna war nun in Eile, den sie wollte keine Minute mehr verbummeln. Sie ging
zur Tür, sah hinaus und dann nicht mehr zurück...

Ein lautes Geräusch riss Anna aus ihrem Traum und sie sah verwirrt zur Uhr.
Es war 9:00 Uhr am Morgen. Sie ging zur Tür um nachzusehen, doch dort war
niemand. Verdutzt schloss sie die Tür und machte sich Frühstück. Während des
Frühstücks dachte Anna über ihren Traum nach und sammelte ihre Gedanken. Was
Anna aus ihrem Traum machen wird, das wird sie mir eines Tages erzählen.

16. Februar 2002 – Rosemarie Möller

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