Ein Wochenende auf dem Land
von
Juuulie
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Ein Wochenende auf dem Land
„Ich liebe dich“, hat Paul gesagt. „Ich liebe dich wirklich. Und nächstes Wochenende fahren wir zusammen aufs Land.“
Und jetzt sitzen wir da, nebeneinander gemümmelt in seinem alten Käfer. Paul tritt das Gaspedal durch und pfeift vergnügt, während ich das Gefühl habe, der Wagen würde bei der nächsten Kurve auseinanderfallen.
Aber Paul soll ruhig schnell fahren, er soll ruhig seinen Spaß haben, denn dies hier wird sein Wochenende. Nun ja, eigentlich ist es unser Wochenende, das lang ersehnte Wochenende auf dem Land.
Aber für Paul ist es etwas ganz besonderes. Er hat echt alles daran gesetzt, sich dieses Wochenende frei zu nehmen. Für uns, für mich hat er das getan. Und dafür liebe ich ihn.
Paul ist nämlich Top-Manager. Sitzt im Vorstand bei Cody, die machen irgendwas mit Halbleitern.
Ich muss schon sagen, es fühlt sich nicht schlecht an, einen Top-Manager zum Freund zu haben.
„Eine halbe Stunde nur noch, Schatz“, lacht Paul und strubbelt mir durchs Haar. Ich grinse zufrieden.
Paul geht es gut. Er hat natürlich Geld, wie alle Manager bei Cody, aber trotzdem habe ich darauf bestanden, die Hälfte der Kosten für dieses Wochenende zu zahlen. Zwei Übernachtungen im Landhaus, die könnte ich ihn doch wohlt übernehmen lassen, hat Paul gemeint. Aber ich bin selbständig.
Genauer gesagt besteht meine Selbständigkeit aus ständigen langen Abenden in der Bovo-Bar. Ich bin nämlich Barkeeperin. Und ich liebe diesen Beruf, anders kann man das nicht sagen.
„Wir waren so lang nicht mehr auf dem Land“, sage ich zu Paul und er nickt. Klar, Paul ist ständig auf Geschäftsreisen. Aber da fährt man nicht aufs Land. Man fährt nach Berlin oder auch nach München und residiert im Ritz oder im Four Seasons.
„Ich freue mich, ich freue mich wirklich“, lächelt Paul und wir winken einem Landarbeiter zu, der Raps von seinem Feld erntet.
Düdel-düdel-dü. Oh nein, jetzt soll mein Handy bloß Ruhe geben. Ich hätte es abschalten sollen.
Susi neben mir zwirbelt nervös eine blonde Locke zwischen den Fingern.
„Herr Mainhof, sie müssen sofort ins Büro fahren. Ich sage nur ein Wort: Sumens.“
Ich nicke ernst und Susi neben mir schlägt sich mit der Hand auf die Stirn. Ich versuche, sie zu beruhigen. Dieser verdammte Koschkonsky, nur weil er als Vorstandsvorsitzender das doppelte Gehalt bekommt als der 0/8/15 Manager bei Cody, braucht er noch lange nicht das Wochenende auf dem Land zu zerstören.
Unser Wochenende. Susis Wochenende. Ich weiß genau, wie lange sie für dieses Wochenende gespart hat, wie sie darauf hingearbeitet hat. In dieser Bovo-Bar ist es zwar ganz nett, aber besonders viel verdient sie da nicht. Und trotzdem ist sie zu stolz, sich von mir einladen zu lassen.
Jetzt sieht sie mich mit traurigen Augen an.
„Was machen wir denn jetzt?“, frage ich. Unser gemeinsames Wochenende auf dem Land. Ich habe mich so darauf gefreut.
„Es tut mir Leid, Schatz.“ Paul sieht mich mit seinem Dackelblick an und ich weiß genau, dass er traurig ist. Immerhin hat er so auf dieses Wochenende hingearbeitet. Die ganze letzte Woche waren Überstunden angesagt, an gemeinsame Stunden nicht zu denken. Und jetzt muss er sogar an diesem, seinem einzig freien, Wochenende ins Büro fahren?
„Du weißt doch, die Arbeit ist immer und überall.“
Ich stampfe wütend mit dem Fuß auf. Meine Schicht für dieses Wochenende hat nach langem hin und her schließlich Mandy übernommen.
„Es tut mir wirklich leid“, sage ich leise und werfe Susanne einen vorsichtigen Seitenblick zu. Seit meinem Telefonat hat sie kaum ein Wort gesagt und ich weiß genau, wie traurig sie ist. Wie lang sie für dieses Wochenende gespart hat. Den ganzen letzten Monat ist kein einziges Paar Schuhe dazugekommen, von Handtaschen ganz zu schweigen. Und wer meine Freundin kennt, weiß, dass das in der Tat sehr ungewöhnlich ist.
„Schon gut“, murmelt Susi jetzt und drückt meine Hand. Ich weiß genau, sie meint es nur gut mit mir, will mir keine Schuldgefühle bereiten. Aber es tut mir leid für sie, ich kann nicht anders.
In der Ferne sehe ich schon die grauen Häuser unserer Stadt auftauchen. Wie schön es doch auf dem Land war. Paul hält vor meinem Haus. Ich nehme meine Tasche und öffne die Beifahrertür. Paul hält mich an der Hand zurück. „Es tut mir echt leid für dich Schatz“, sagt er und schaut mir mit seinem Dackelblick fest in die Augen. „Und ich bin auch traurig. Aber ich liebe dich. Ich liebe dich wirklich. Und nächstes Wochenende fahren wir zusammen aufs Land“
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