Ein netter Abend
von
Raziel
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Sie saß mir gegenüber, am anderen Ende der Theke und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Ihr langes, dunkelblondes Haar fiel glatt auf ihre Schultern. Ihre blauen, von Schlaflosigkeit gezeichneten, Augen blickte gedankenverloren in den Cuba Libre. Sie trug eine ziemlich knapp sitzende Jeans und ein enganliegendes Oberteil, das ihre Oberweite sehr deutlich abzeichnete. Es war hellgelb und hatte einen beachtlichen Ausschnitt. Sie wirkte so traurig auf mich. Ich fragte mich, ob ich mich zu ihr setzen und sie ansprechen kann. Der Gedanke wirkte absurd. Sie war eine klassische Schönheit. Zwar schon knapp über die vierzig, aber was kümmert mich das Alter, wenn ich es aufrichtig meine? Sie würde mich wahrscheinlich auslachen. Ich bin doch nur ein mittelgroßer, einigermaßen aussehender Mitdreißiger. Das einzig hochwertige an mir, war meine teure Verkäuferkluft. Im Hintergrund besang Phil Collins sein Land der Konfusion. Ich mochte Collins schon immer. Ich raffte die wenigen Reste an Mut und Hoffnungen zusammen, nahm meinen Brombeerwein und setzte mich neben sie. Eine Zeit lang starrte ich unbeweglich in mein Glas, so wie sie. Mir wollte einfach nichts kluges einfallen. Was sollte ich sagen? Wie wäre es mit: Hey du. Ich bin ein bibabutzemann? Nein! Das wäre keine so gute Idee. Sie erledigte das dann, für mich und sprach als Erste.
"Willst du mich nachäffen, Kleiner?"
"Hä?"
"Das heißt nicht: Hä! Das heißt: Wie bitte!"
"Oh, ähh.. ´tschuldigung! Nein. d...das ist es nicht. Ich habe mir nur gedacht, weil sie so... Ich dachte, vielleicht ich könnte ihnen ein wenig... Ähhhmmm... Gesellschaft leisten."
Sie lachte. Aber nicht unangenehm. Es war kein gemeines Lachen. Sie bedeutete dem Barkeeper, ihr Glas neu zu betanken.
"Bist du immer so schüchtern, wenn du dich an Frauen rann machst?"
Ich spürte regelrecht, wie mir die Schamesröte ins Gesicht stieg. Jetzt musste ich mir schnell etwas lustiges, schlagfertiges einfallen lassen. "Ich koche tolle Spagetthi!!!!!"
(Suuuuper! Damit hast du sie beeindruckt, Idiot.)
Es schien ihr zu gefallen. Sie lachte amüsiert. "Ich mag deinen Humor, Kleiner."
Nun begutachtete sie mich genauer. Ihr Blick wanderte von meinem Gesicht, bis zu meinem Schritt. Mir wurde ganz anders. Sie hatte Augen, die mich komplett scannen konnten. Unglaublich intensiv.
"Wie heißt du?"
"Mein Name ist Armin. Armin von Rüstner."
"Oha! Dann bist du ein Blaublütiger?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nö! Mein Vater hat nur diesen Namen geerbt. Das ist alles. Was das andere betrifft, ist meine Familie relativ normal. Naja! Bis auf Onkel Klaus. Der denkt immer noch, er sei Herbert Grönemeyer."
Sie nickte und blickte wieder in ihren Drink.
Diesmal wurde ich mutiger. "Du? Warum habe ich den Eindruck, dass du etwas zu vergessen versuchst?"
Ihr Blick verriet Überraschung. Sie hatte nicht mit meiner Beobachtungsgabe gerechnet.
"Er war groß, stark, gut gebaut, gebildet und verheiratet. Er versprach mir das Blaue vom Himmel. So wie es alle Männer tun. Zum Schluss hat er mich dann doch verlassen und mein Herz in Fetzen liegen lassen."
Ich schüttelte traurig den Kopf. Einerseits tat sie mir furchtbar leid. Andererseits machte es mich wütend. Er war verheiratet.
"Warum müsst ihr Frauen euch bloß immer die Falschen aussuchen? Ihr sucht nach Sicherheit, wählt aber einen Playboy. Ihr wollt Stärke und schließt euch einem Feigling an. Ihr geht mit dem Gedanken an den Mann, dass ihr ihn euch schon zurechtbiegen werdet. Das ist so falsch. Mach Platz? Sitz? Gib Laut? Man kann uns nicht abrichten. Wir werden immer die Selben bleiben. Unsere animalischen Urinstinkte sind nicht auszulöschen. Und einer dieser Instinkte ist es, uns unsere Freiheit zu bewahren. Wir passen nicht in das enge Gefängnis eurer Vorstellungen."
Ich wunderte mich über meinen Mut. Ich hatte ihr richtig die Meinung gegeigt. Dabei war es nicht mal ihre alleinige Schuld. Der Kerl war ja auch beteiligt. Ich wollte mich gerade bei ihr entschuldigen, da sah sie mich mit traurigen Augen an. Sie nahm meine Hand und blickte mir tief in die Augen. "Lass mich heute Nacht nicht allein", bat sie.
Ich schluckte. Mein Blick wanderte panisch hin und her. Was sollte ich tun? Ich würde ihre Situation ausnutzen, wenn ich sie mir nähme. Zudem war sie ziemlich angetrunken. Bei wachem Verstand noch, dennoch.... Aber, da war natürlich noch dieser Hunger. Sie roch so herrlich nach mehr. Und mein Körper sehnte sich nach Befriedigung.
So lächelte ich glücklich und nahm ihre Jacke. Die übliche Frage erübrigte sich. Wir würden nicht zu ihr gehen. Das stand, für mich, fest. Sie war beinahe so groß wie ich. Das gefiel mir. Ich mochte große Frauen. Nun sah ich ihr in die Augen. Mein Blick ging tiefer als tief. Ich profitierte von einer Fähigkeit, die andere nicht haben. Ich fesselte ihre Seele. In meinem Blick waren Versprechungen, die köstlicher nicht sein könnten. Ihre Augen verrieten entfesselte Sehnsüchte. Unbefriedigt und ohne Beachtung, waren diese mentalen Schätze brach gelegen. Das würde ich ändern. Ich wusste ganz genau, was sie wollte. Sie sollte es bekommen und noch viel mehr. Meine Verunsicherung war wie verflogen. Nun hatte ich nur noch einen Gedanken. Wir verließen die Kneipe. Wortlos zog ich sie um die nächste Ecke. Hier war alles still und dunkel. Einzig eine einsame Katze durchwühlte die Mülltonne. Nun packte ich sie ein wenig härter und drückte sie gegen die Wand. Es gefiel ihr. Sie wollte es hart und energiegeladen. Ihr Kuss war leidenschaftlich und zart zugleich. Dieser Geschmack. Ihre Lippen schmeckten nach Rum. Kleine Schweißperlen entstanden auf ihrer Stirn und an ihrem Hals. Nicht nur die Nacht war viel zu heiß. Ich nahm ihren Duft in mich auf und schmeckte ihr Fleisch. Dann schlug ich meine Zähne in ihren Hals und trank sie. Sie wusste nicht, was ihr geschah. Sie genoss es einfach nur. Ihr Körper zuckte, in einem endlosen Orgasmus, während ich ihren Lebenssaft in mich aufnahm. Gegen diese Ekstase konnte sie nichts ausrichten. Ihre jämmerlichen Versuche, sich zu verteidigen vergingen in ihrem lustvollen Stöhnen. Schließlich wurde ihr Körper schwächer. Ihre Arme fielen von mir und baumelten. Noch ganz schwach spürte ich ihren Atem, auf meiner Haut. Ich löste meine Zähne, sah sie an und strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Zärtlich hob ich ihren Kopf. Ihre Augen waren noch hell und betrachteten mich fragend. Ihre Frage sollte nicht unbeantwortet bleiben. Ich lehnte sie gegen die Wand und drehte mich um. Langsam ging ich zu meinem Auto. Spätestens am folgenden Tag, würde sie wieder auf den Beinen sein und ihren Ex aufsuchen. Ich war mir sicher, dass sie sich ausgiebig rächen würde. Er würde ihr sicher gut schmecken. Somit habe ich ihr gegeben, was sie wollte.
Gute Nacht, liebe Freunde.
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Kommentare
petra schrieb am 2008-11-03 19:18:18:
Das Beste was Du je geschrieben hast....geht mir verdammt nahe....Du weißt warum!
Schattenschalk/Raziel schrieb am 2008-09-06 02:54:29:
Danke Leute. Eure positiven Worte bestärken mich.
@Gimmliy
Es ist mir immer eine Freude, wenn ich überraschen kann. "Umballern" finde ich zum schießen lustig *lol*
Marika schrieb am 2008-09-02 15:40:22:
Eine kurze.. kompakte.. witzige.. Geschichte...ich glaube aber dass sie eigentlich was ganz anderes wollte :-) LG
Isabella Bauch schrieb am 2008-09-01 22:55:02:
Das ist eine echt unglaublich gut geschriebene Story.
Hut ab. Ich kenne jemanden, der könnte ganz genau
diese Rolle gut verkörpern. Du kennst ihn auch.
Mache weiter so. Du hast das Zeug dazu.
Bella
Gimliy schrieb am 2008-09-01 22:53:14:
Hi, du hast echt einen Treffer gelandet! Ehrlich gut die Story, ich hab schon gedacht, was wird das denn jetzt? … - Aber du hast einen extrem unerwarteten Schluss gefunden, der mich sehr umgeballert hat. Der Überraschungsmoment liegt auf deiner Seite, so was mag ich an Kurzgeschichten!
lg: Gimliy
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