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Kategorien > Seniorengeschichten > Zwischenmenschlichkeit

Ein schöner Abschied

von Lothar Cremer

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Ein schöner Abschied





Wie jeden Abend sitzen Paul und Irene in ihrer kleinen Wohnstube vor dem knisternden Feuer in ihrem Kamin. Das letzte Holzscheit legte Paul vor etwa einer Stunde in die immer kleiner werdende Glut. Auch jetzt gab es keine Flammen mehr zu sehen und beide schauten sich an und wussten, dass auch diese Nacht wieder eine Nacht des Frierens und des Hungerns werden würde.
Die alte Wanduhr, die Irene von ihren längst verstorbenen Eltern geerbt hatte, begann leise zu schlagen. Schon halb zwölf.
Paul nimmt Irene in den Arm und zieht die Wolldecke bis über ihre Schultern, damit wenigstens ihr etwas Wärme vom Kamin und der Decke zuteil kommt. Vierundfünfzig Jahre sind sie nun schon zusammen. Haben viel Elend erlebt, nur die Geburt ihres Sohnes Fritz blieb ihnen in guter Erinnerung. Aber der liebe Gott meinte es mit Fritz nicht gut. Im Alter von neunundzwanzig Jahren holte er ihn viel zu früh zu sich und somit sind Paul und Irene nun mit sich ganz alleine auf der Welt.
Paul, der Irene noch mit einer Tasse heißer Milch mit Honig versorgt, steht nun leise vom Sofa auf, Irene ist indes eingeschlafen. In der Schlafstube holt Paul die Tagesdecke vom Bett und legt sie Irene behutsam über.
Jetzt, wo Irene auf dem Sofa schläft beobachtet Paul seine Allerliebste mit den Augen des fünfzig Jahre jüngeren Pauls und lässt die vielen Jahre noch einmal Revue passieren.
Damals als sich Paul und Irene kennen lernten, das war ein großes Erlebnis. Paul, der schon fast zehn Jahre unter Tage arbeitete und plötzlich an einem Abend rabenschwarz vor einem wunderschönen jungen Mädchen mit rötlichblondem Haar stand, hatte sich sofort in dieses junge Ding verliebt. Auch das Mädchen hegte sofort ein inniges Gefühl für diesen jungen Mann. Am gleichen Abend etwa ein einhalb Stunden später trafen sich beide wieder im alten Dorfkrug, wo an diesem Abend diese neuartige Musik aus Amerika aus dem Plattenspieler klang. Paul erblickte das junge Mädchen auf anhieb. Schüchtern und mit hochrotem Kopf sprach er sie an. „ Hallo, guten Abend!“ sprach Paul leise und in jedem Wort schwang die Angst mit, dass Mädchen könne sich abwenden und fortgehen. „Guten Abend.“ entgegnete das Mädchen und lächelte Paul verschmitzt an. Paul fragte ob sie wohl Lust hätte mit ihm zu tanzen. Sie schaute ihn erfreut an und nahm sein Angebot an. Fast wäre Paul in den Erdboden versunken. Sie hat ja gesagt. Das ist ein wunderbarer Augenblick. Bis ihm einfiel, dass er ja gar nicht Tanzen konnte. Und schon gar nicht zu einer Musik, die ihm völlig unbekannt erschien. Aber nun musste er sein bestes geben und sie nicht enttäuschen. Die Musik begann und beide hielten sich in genügendem Abstand in den Armen. Paul, der schon ein halbes Dutzend mal die Füße seiner Tanzpartnerin betreten hatte fühlte sich wie im siebenten Himmel. Wie ein Engel sieht sie aus. Ein weißer Schleier legte sich über die Tanzszene und Paul erwachte aus einem wunderschönen Traum heraus und schaute auf das nun hochrote und glühende Gesicht seiner immer noch schönen Irene. Wann kommt denn endlich der Arzt. Schon vor mindestens drei Stunden hatte Paul nach ihm schicken lassen und er ist immer noch nicht da. Irenes Gesicht ist von Fieber hochrot und glühendheiß. Paul versucht schon seit geraumer Zeit das Fieber mit kühlenden feuchten Handtüchern zu senken, doch Hoffnung hat er zu diesem Zeitpunkt nicht. Er streicht ihr Haar und geht in das Bad um neues Wasser auf das Handtuch laufen zu lassen. Im Bad hört er Irenes leise Stimme, die immer wieder den gleichen Satz hervorbringt. „ Au, das waren meine.“ Paul und das kühle Handtuch erscheinen wenig später im Türrahmen der Wohnstube. Sein Blick streift kurz den Kamin, indem immer noch ein wenig Glut vor sich hinknistert. Diese verfluchte Krankheit. Muss es den unbedingt Irene treffen? Warum kann nicht jemand anderes davon betroffen sein. Eine dicke Träne kullert aus seinen Augenwinkeln, die sich langsam füllt und an der Nasenwurzel herab bis an seine Lippen tropft, wo er sie mit der Zunge ableckte. Salzig schmeckt sie, dachte er kurz und widmet sich wieder dem Kopf Irenes. Das kühle Handtuch nimmt seinen Platz auf Irenes Stirn ein und Paul sieht ihr an, dass dies beruhigende Wirkung auslöst.
An der gegenüberliegenden Wand steht der kleine Schrank mit den wenigen Büchern und einem Photoalbum mit den Photos aus längst vergangenen Zeiten. Paul zögert ein wenig, bis er sich entscheidet, das Album aus dem Schrank zu holen. Er setzt sich so neben Irene, dass er ihren Kopf auf seinen Oberschenkeln lagerte. Das Album nimmt er in seinen beiden Händen, hält er so, das Irene, sollte sie ihre Augen öffnen, mit ihm in das mit braunem Leder gebundene Buch schauen kann. Die ersten Seiten zeigten Photographien von beiden Eheleuten in ihrer Jugend bevor sie sich kennenlernten. Dann sieht Paul einige Bilder der jeweiligen Eltern und dann die wohl schönsten in diesem Album, die ihrer Hochzeit. Wie lange ist das nun her denkt Paul so vor sich her. Vor fünf Jahren feierte Paul und Irene ihre goldene Hochzeit. Der Bürgermeister war sogar gekommen und beide haben sich wahnsinnig über das Geschenk gefreut, das der Bürgermeister mitgebracht hatte. Auch viele ehemalige Kumpels aus seiner Zeche und einige Freundinnen Irenes waren zu Besuch. Doch in den letzten Jahren, dachte sich Paul, sind nicht viele übriggeblieben. „ Au, du stehst auf meinen...“, Irenes Stimme klingt schwach, sie schlummert sofort wieder ein. Nun sind es schon drei Uhr und der Arzt ist immer noch nicht zu sehen oder zu hören. In dieser Nacht, hatte Dr. Warnecke bestimmt Schwierigkeiten zu seinen Patienten zu kommen. Dichtes Schneetreiben und eine mindestens fünfzig Zentimeter hohe Neuschneeschicht machten das vorankommen fast unmöglich. Paul, der das Photoalbum schon geraume Zeit zur Seite gelegt hat, steht behutsam auf um ans Fenster zu gehen und zu schauen, ob jemand in Sichtweite ist. Aber es ist alles stockfinster ums Haus herum. Nur in der Ferne sieht man den Leuchtturm auf dem Deich, der sein Licht in die Ferne trägt. Am Himmel konnte Paul immer wenn das Licht des Leuchtfeuers nach Süden schien einen kleinen fast unscheinbaren Stern erblicken. „Schau nur Irene. Das Licht berührt den Stern am Himmel.“ Sagte Paul leise, mehr zu sich selbst, drehte sich zu Irene um und hörte sie leise sagen. „Au, Paul. Du stehst auf meinem Fuß.“ Das letzte Wort kommt nur noch als Hauch über Irenes Lippen. Sie lächelt und liegt nun ganz ruhig da. Vor dem Fenster kann man nun schemenhaft die Silhouette der Kutsche des Doktors erkennen. „Da kommt der Arzt, mein Schatz. Gleich wird es dir besser gehen. Ich öffne schnell die Tür.“ Paul, der hocherfreut, endlich den Arzt zu sehen, die Tür öffnet, bleibt in der Bewegung stehen und schaut in Irenes Richtung. Ihr Lächeln war so wunderschön, wie das eines Engels. Beim eintreten des Doktors schaut Paul in die Richtung des Leuchtturmes und sieht gerade das Leuchtfeuer gen Süden ausstrahlen und den jetzt etwas größer erscheinen Stern.

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Kommentare

Liri schrieb am 2007-09-04 18:05:04:
„Entschuldigung. Aber ich kann nicht tanzen.“

einfach schön und traurig...
Michaela schrieb am 2007-06-08 20:40:00:
die geschichte hat mir sehr gut gefallen. die nächste könnte vielleicht davon handeln, wie paul sein leben alleine meistert ohne bitter zu werden
doctor schrieb am 2006-12-05 23:27:44:
Einfach schön!
Sarki schrieb am 2006-09-16 15:22:08:
Ich find die Geschichte einfach romantisch!Weiter so!
M.f.G.
Sarki

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