Ein zerbrechlicher Winternachtstraum
von
Dr.Soltberg
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Zerbrechlicher Winternachtstraum © Dr.Soltberg 2010
So naht ihr jungen Geister wieder
Dort, wo Schatten sich in Silber gießen
Wo Silberbäche schweigend fließen
Verklingen meine lispelnd’ Lieder
So lest’ denn meine letzten Worte
Aus kaltem, grellen Mondeslicht
Sie führen euch an fremde Orte
Wo jenes sich in Ästen bricht
Dort liegt die Liebende
Und atmet nicht…
-Dr.Soltberg-
Omerta
Die Namenlose harrte im Herzen der Stadt. Stadt aus Glas.
Traumverloren schwebte des Mondes Sichel über ihrer einsamen Erscheinung.
Wortlos blickte sie auf einen Fetzen Papier hinab, den sie in Händen hielt.
„Im Herzen der Stadt. Um 21:00 Uhr“
Sie wartete regungslos in einer menschenleeren Gasse. Neben ihr die Monolithen.
Monolithen aus Glas.
Monolithen aus schwarzem Glas.
Sie schienen an der dunklen Wolkendecke zu kratzen. Und irgendwo in der Fremde verbarg sich der Geist der Sonne.
Wachsam sahen sich ihre dunklen Augen um.
„Im Herzen der Stadt. Um 21:00 Uhr“
Dies war der letzte Test, den sie zu bestehen hatte. Sie träumte von kommender Frühlingszeit.
Die alte Welt würde sie zurücklassen können, wenn sie diese eine Nacht des längsten Jahres noch überstand. Ihre wölfische Leidenschaft würde auferstehen, sie wäre wieder frei.
Doch ihr war kalt.
Sie drückte das Blatt Papier an ihre Brust und wartete.
Während ihre Züge alterten hoffte sie darauf, die ersehnte Erscheinung zu erblicken.
Würde er ihr die Flügel schenken, die sie so sehr brauchte? Flügel aus Glas.
Dann setzte der Schneefall ein.
Und ihr war kalt.
Doch der Schneefall wurde dichter.
Und ihr war warm, als sie glaubte einen Umriss durch das Weiß erkennen zu können.
Sie sank auf die Knie, als er Omerta für sie brach.
Ihre blasse Haut wurde eins mit dem weißen Nichts, als der Schlaf sie übermannte.
Oh Namenlose, wieso bewegst du dich nicht?
Bist du etwa paralysiert?
Pentito
Der Namenlose stand schweigsam und apathisch an ein schwarzes Gebäude gelehnt.
Gebäude aus Glas.
Er rauchte.
Er sog den blauen Dunst ausdruckslos ein. Füllte seine Lungen, füllte seine Züge und sein Herz. Seine äscherne Haut schien sinister im nahenden Schneefall.
Er trug einen dunklen Trenchcoat und einen passenden Borsalino.
Kraftlos stützte er sich mit einem Arm ab und machte mühsam und langsam wenige Schritte.
Obwohl seine Züge so jugendlich wirkten, schien er unendlich alt.
Nach langsam, qualvoll zugrunde gehenden Ewigkeiten, so schien es, fand er den Weg in eine entlegene Gasse.
Der Schneefall war dichter geworden und er war nun nichts mehr als eine Silhouette, gegen den Sturm gestemmt.
Urplötzlich schienen zwei Flügel aus Schatten aus seinem Rückrat zu ragen.
Flügel aus Glas.
Lustlos schleppte er sich voran. Schnippte die Zigarette in weißes Nichts.
Er quälte sich vorbei an ewiggleichen Hochhäusern und fand endlich die alte Hängebrücke im Herzen der Stadt.
Er blickte auf ein altes Stück Pergament.
„Im Herzen der Stadt. Um 21:00 Uhr“
Mitten auf der Brücke erkannte er einen schneebedeckten Umriss. Er kniete sich vor die Namenlose. Und musterte ihre Erscheinung ausdauernd. Ewigkeiten verharrte sein unendlich trauriger Blick auf Omerta. Er Zog ihre weiße Decke zurück und schloss ihre dunklen Augen.
Er zählte auf die Vögel. Vögel aus Glas.
Er schob vorsichtig und langsam die Arme unter ihren warmen Körper und hob sie hoch.
Für eine Sekunde fühlte er sich wieder jung. Fühlte, dass er das Schönste dieser Welt in seinen Armen hielt.
Und er breitete seine Flügel aus.
Sie hatte den Test bestanden. Er war ihre Walküre.
Er hatte Omerta gebrochen.
Und sie würde niemals all seine Briefe lesen.
Briefe aus Glas.
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