Eine Betrachtung der Kunst
von
Ariel D. Ende
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„Der wahre Sinn der Kunst liegt nicht darin, schöne Objekte zu schaffen. Es ist vielmehr eine Methode, um zu verstehen. Ein Weg, die Welt zu durchdringen und den eigenen Platz zu finden.“ (Paul AUSTER, US-amerikanischer Schriftsteller und Regisseur)
„Kunst ist lebensnotwendig, aber die, die sie brauchen, wissen es nicht.“
(Stardirigent Nikolaus Harnoncourt, aus: Kleine Zeitung, 19.01.07)
„Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst.“
(Albert CAMUS, französischer Schriftsteller und als Philosoph ein Vordenker des Existentialismus)
Es sind drei einfache Zitate, von drei Künstlern, die das Wesen der Kunst kunstvoll auf wenige Zeilen zusammenpressen. Dennoch ist „Kunst“ kein Begriff für wenige Zeilen. Selten ist ein Begriff, wie dieser, so wandelbar und formbar. Die Kunst hat den Menschen seit jeher begleitet und und zu dem gemacht, was wir heute sind. Die größten wissenschaftlichen Erinnerungen der Menschheit – vom Rad, über Einsteins Relativitätstheorie bis zur Entwicklung eines Mikrochips - sind auf künstlerisches Wirken zurück zu führen. Wer Kunst als das Schaffen von dekorativen Elementen für unser Leben sieht hat lediglich die Tragweite dieses Begriffs nicht erkannt.
Wie Paul Auster sagt, ist Kunst „ein Weg, die Welt zu durchdringen“, was darauf hinweist, dass Kunst nicht nur das Malen von Bildern, Schneiden von Skulpturen oder Verbreiten von mehr oder weniger harmonischen Klängen, sondern auch das Finden und Erkennen von neuen Ideen oder beständig existierenden Prinzipien ist. Auch fördert die Kunst nicht nur Dinge zu Tage, die den Sinnen des Publikums schmeicheln. Viele Künstler teilen der Welt ihre Kritik durch extreme Darstellungen und brutale Vermittlung mit. Die am meisten geschätzten Künstler waren Kritiker – oder Träumer. Am meisten Ausdruck findet diese Komposition aus Kritik und Vision in der Literatur. Beinahe alle Autoren bringen in ihren Werken kleine oder große Kritik an aktuellen oder vergangenen Situationen – nicht immer sind diese scharfen Worte auf den ersten Blick erkennbar, doch stetig präsent. Durch die Kunst ist uns eine Möglichkeit gegeben, das, was wir schon immer sagen wollten, auszudrücken, ohne uns schuldig zu machen. Also ist die Aufgabe der Kunst nicht, „schöne Objekte zu schaffen“, sondern es ist viel mehr ihre Aufgabe, unsere Gedanken nach außen zu bringen. Man kann nun – so wie ich – schließen, dass es ebenso Kunst ist, wenn man seine Gedanken in Form von mathematischen Formeln oder philosophischen Ansätzen nach außen bringt. Diesem Schluss folgend, muss Kunst nicht zwingend solche Objekte schaffen, wie die meisten Menschen annehmen. Ich sehe in dem, was die Kunst erschafft keine physischen, sondern gedankliche Objekte, denn auch wenn ein Bildhauer eine neue Skulptur präsentiert, so präsentiert er doch eigentlich seine eigenen Gedanken. Jedes physische Objekt, das während eines künstlerischen Vorgangs geschaffen wird, ist, denke ich, lediglich ein Medium, um unsere Gedanken, für die wir keine andere Darstellungsform finden, dennoch in die Welt hinauszutragen. Auster sagt ebenso, Kunst diene dazu, den eigenen Platz zu finden. Diese Aussage ist, so wie sein gesamtes Zitat, tiefgründiger als durch bloßes Lesen ersichtlich ist. Jedes Wesen wird durch seine eigenen Gedanken, Handlungen und Gefühle definiert, und, wie bereits weiter oben angemerkt ist, ist die Kunst ein Ausdruck unserer Gedanken und Gefühle. Folglich definieren wir uns über die Kunst, wobei wir Kunst nicht als den rein verschönernden Akt betrachten dürfen – und ist „sich definieren“ nicht lediglich ein anderer Begriff für „den eigenen Platz finden“?
Eine weitere Frage, die sich nun aufdrängt, ist, ob es nicht lebensnotwendig ist, seinen eigenen Platz zu kennen. Jemand, der seinen eigenen Platz nicht kennt, führt ein sehr trostloses und trauriges Leben. Ein Wesen, das seinen Platz nicht kennt, wird den Lauf der Zeit nicht überstehen, also entweder es findet seinen Platz – was es zweifelsfrei durch die Kunst tun wird, oder es wird im Lauf der Zeit vergehen. Kann man also so weit gehen, wie Nikolaus Harnoncourt es tut, und sagen, die Kunst sei lebensnotwendig? Ich denke, man sollte es vielleicht weniger drastisch ausdrücken und sagen: Kunst und Leben sind untrennbar verbunden. Denn kein Wesen schafft es, niemals Gefühle auszudrücken – und der Ausdruck von Gefühlen ist Kunst. Selbst ein Mensch, der von sich selbst sagt, er wolle niemals Kunst erschaffen, hat in dem Moment, in dem er dies denkt, Kunst geschaffen. Wie wohl erkennbar ist, sehe ich Harnoncourts Zitat als eine Aussage von eher geringer Bedeutung. Womit er wohl Recht hat ist, dass man den Zusammenhang von Kunst und Leben eher selten erkennt, denn der Begriff „Kunst“ steht in der westlichen Welt eher wenig für die innere Gedanken- und Gefühlswelt oder die Tätigkeit eines jeden Einzelnen. Für die meisten westlichen Menschen ist Kunst immer noch lediglich das Erzeugen von Dekorationsgegenständen. Anders ist die Situation in den östlichen Ländern. So haben die östlichen Länder die Kunst der Astronomie oder Alchemie geschaffen und der chinesische General Sun Zi die „Kunst des Krieges“ zusammengefasst. Auch spielt das Finden seines eigenen Platzes in östlichen Kulturen eine größere Rolle als in den westlichen. In allen asiatischen Kulturen hat das Finden des Einklangs mit der Welt ebenso noch eine hohe Bedeutung, somit suchen diese Menschen noch stärker ihren Platz in der Welt.
Um noch einmal auf den Zusammenhang von Erfindergeist und Kunst zurück zu kommen, widme ich diesen Absatz dem letzten der drei Zitate, dem von Albert Camus. Camus behauptet, dass eine klare Welt keine Kunst hervorbringen würde. Wie kommt er auf solch eine Folgerung? Nun, vielleicht folgt Camus dabei den selben Gedankengängen wie ich. Was für eine Inspiration würde eine Welt bieten, wenn alle Geheimnisse gelüftet und jedes Phänomen erklärt wäre? Wohl eher wenig. Geheimnisvolles und Ungeklärtes hat seit jeher die Künstler inspiriert. Schon die Menschen der Urzeit wurden durch die, für sie wohl unbegreiflichen, Kreaturen der Welt dazu inspiriert, sie an Höhlenwände zu malen, und Edisons Faszination für das Jenseits ließ ihn den Phonographen entdecken. So wie Camus also sagt: Eine klare Welt ist langweilig.
Wie wichtig ist Kunst also? Ich sage: Kunst ist das Wichtigste im Leben. Das, so denke ich, gilt nicht nur für mein Leben, sondern für das eines jeden Menschen. Denn Kunst ist für mich nichts anderes, als unsere Gefühle der Außenwelt mitzuteilen – nicht immer sofort erkennbar und gewollt, doch immer tun wir es. Was ich damit sagen will:
Alles, was wir sind, was wir tun oder denken zu tun, ist Kunst.
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