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Kategorien > Romane > Horror

Eine besonders gründliche Rasur

von David Glimour

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<br>Thompson hatte gleich geahnt, daß da etwas nicht stimmte. Er hätte vorsichtiger sein müssen, einen anderen Weg zu seiner Wohnung einschlagen sollen, nicht so offenkundig durch die Straßen wandeln dürfen, so daß er sich denen wie auf einem Festbankett präsentierte. Es war unüberlegt gewesen. Reinste Umnachtung. Wahrscheinlich hatte es an seiner Nervosität gelegen. Seine Nerven waren gespannt wie Drahtseile, seine Bartstoppeln schienen sich derart mit elektrischer Ladung voll gesogen zu haben, daß es schon knisterte. Die Bullen hatten ihn hart rangenommen. Dieser Gordon war der verdammteste Facettenwechsel, der ihm jemals untergekommen war. Am Anfang hatte er ihn zugesäuselt, in dieser netten, einnehmen Charismastimme - "Wo ist denn die Kohle? Wo hält sich Old Jack auf?" immer wieder dieselbe Scheiße - und dann, als er merkte, daß Thompson nicht im Traum daran dachte irgendwelche Informationen auszuspucken, war er zur Furie geworden, hatte seine ganze Ruppigkeit voll ausgelebt. Thompson hatte trotzdem nichts gesagt. Sein Mund war versiegelt gewesen und nicht mal mit einem Vorschlaghammer hätten die es geschafft ihn aufzubrechen. Nach vier Stunden hatte er dann endlich gehen dürfen. Er stank vor Schweiß und diesem nüchternen Reviergeruch und hatte sich beeilt durch den strömenden Regen nach Hause zu kommen. Zuerst hatte er den Wagen nicht bemerkt, der vor seiner Haustür parkte. Er war so beschissen unauffällig. Ein Chamäleon auf Rädern. Erst, als er schon seinen Schlüssel herausgeholt hatte und dabei war ihn ins Schloß zu rammen, waren die Burschen aus dem Fahrzeug gekrochen. Der eine war Jimmy, dieser mickrige Japaner, der sich die ganze Zeit dieses üble Koks in die Nase zog. Den anderen kannte er nicht - ein Ochse auf jeden Fall, Glatze, harte Arme und ein Gesicht wie eine Bulldogge. Zuerst hatte Thompson gar nicht geschnallt, was abging. Er dachte, die wollten Feuer von ihm, hatte bereits eine Hand in die Hosentasche gesteckt, um eine Packung Streichhölzer heraus zu fischen, doch dann hatte er Jimmy erkannt - dieses schäbige, schadenfrohe Grinsen würde er selbst nach Jahrhunderten noch im Hinterkopf behalten haben - und er hatte gewußt, was ihm nun bevor stand. "Komm mit!" grunzte dieser Affe ohne Haare und deutete zur Karre rüber. Thompson, dessen Verfassung durch die ständigen Verhöre und die immer wiedergekehrten Fragen der Bullen sowieso schon auf dem Nullpunkt war, versuchte sich an Jimmy zu wenden, an dessen Mitleid zu appellieren, doch kam er nicht mehr weiter als bis zum ersten Wort, da hatte er schon die widerliche Faust dieses Muskelbastards in der Fresse und konnte zusehen wie seine Lippe aufplatze und das schöne, frische Blut ihm das Kinn runter tropfte. Danach hatte er keine Einwände mehr. Der Ochse zog ihn rüber zu der schwarzen Kiste, wobei er ihm fast den Arm brach und warf ihn dann förmlich auf den Beifahrersitz. Jimmy setzte sich hinter ihn. Er hatte ein Klappmesser herausgeholt und Thompson sah im Rückspiegel, daß er es breit lächelnd dicht hinter seinen Schädel hielt. Ihm selbst war das Lachen mittlerweile vergangen. "Was wollt ihr von mir?" fragte er verzweifelt und blickte von der Glatze am Steuer zu Jimmy nach hinten. Er hatte nicht mal seine Knarre dabei. Bevor die Bullen ihn aufgegabelt hatten, hatte er sie wohlweislich ins nächste Gebüsch befördert. "Der Boß will dich sehen!" sagte Jimmy schlicht und fuchtelte mit seinem spitzen Zahnstocher in der Luft herum. "Ich hab nichts verraten, okay?" beteuerte Thompson. "Ich hab's Maul gehalten!" - "Halt's jetzt auch!" grunzte die Glatze wieder und wandte seinen massigen Schädel vom Verkehr ab und zu Thompson rüber. Seine Schweinebacken schwankten wie schaukelnde Stierhoden. "Wenn du noch einmal 'n Mund aufmachst, brech' ich dir' n Arm!" Den Rest der Fahrt verbrachte er schweigend auf seinem Platz und versuchte sich einen klaren Gedanken zu angeln, der ihn aus dieser ganzen Scheiße herausbringen konnte. Es kam keiner. Die See schien leer zu sein.
<br>Old Jacks Privatanwesen war eine protzige Villa, so eine Art Bonzentraum, der weit ab von dem Gestank und dem Lärm der Innenstadt in einem der gehobeneren Vierteln aufragte. Als der Wagen bremste, fühlte sich Thomspon bereits mehr als nur zum kotzen, als man ihn in ein Wartezimmer vor den Privatgemächern des Bosses schleifte, war das Gefühl bereits derart stark, daß er das Erbrochene mit Gewalt wieder runter schlucken mußte, wenn es wieder nach oben trieb. Und jetzt saß er hier. Allein und verlassen auf einem schäbigen Holzstuhl in einem luxuriösen Korridor und wartete. Jimmy war zu Jack hineingegangen und hatte sich bisher nicht mehr sehen lassen. Glatze stand dicht hinter ihm, bereit ihm jederzeit die Vorderzähne neu zu formatieren, wenn er nur eine kleine Bewegung machen würde. Er schwitzte wie eine Sau. Die Hände hatte er im Schoß gefaltet und knete sie nervös. Er versuchte sich die Zeit mit dem Betrachten der wundervollen Gegenstände im Korridor zu vertreiben. Eine barbusige Frauenstatue, ein paar nette Pflanzen, schöne Gemälde, auf denen Herkules der Hydra die hässlichen Köpfe abzieht. Als die Tür aufging, Jimmy heraus lugte und ihn immer noch grinsend hereinwinkte, dachte er daran, daß nun wahrscheinlich seine Zeit gekommen war, den Kopf zu verlieren. Glatze drängte ihn vorwärts, indem er ihn mit der flachen Hand in Richtung Tür stieß. Immer weiter ging es geradeaus, direkt zur Schlachtbank, wobei er auf den nackten, kalten Fliesen bei dieser groben Behandlung mehrmals einfach hin gelatzt wäre, wenn er keinen rechten Gleichgewichtssinn gehabt hätte.
<br>Old Jack war der typische, zuvorkommende Geschäftsmann. Die wenigen Haare, die auf dem kahlen Haupt noch standen, waren mit Gel und Kamm nach hinten verlagert und glänzten schmierig in der spärlichen Zimmerbeleuchtung, die nur von einem kleinen Lämpchen hinter dem Schreibtisch ausging. Er hatte seine korpulente Gestalt auf einen komfortablen Stuhl gequetscht und erhob sich andeutungsweise, als Thompson hereingeführt wurde. Mit dem gewöhnlichen PR - Lächeln im Gesicht, das noch mehr strahlte als die funkelnde Uhrkette an seiner Hand und die frisch polierten Mailänder Anzüge, ließ er sich zurückfallen und faltete in gewohnter Weise die fetten Hände über dem ausladenden Bauch. Thompson hatte eine tiefe Abneigung gegen den Kerl entwickelt. Am Anfang hatte er ihn noch einnehmen, ihn noch mit seinen vor Schmalz tröpfelnden Reden einlullen können, doch mit der Zeit war ihm aufgegangen, daß unter dem schwerreichen Businessman, unter all den teuren Klamotten nur ein Haufen Scheiße steckte. Als er zu dieser Erkenntnis gekommen war, hatte er freilich schon viel zu tief in der Sache drin gesteckt, hatte bereits ein paar Beutel Schnee in seinem Kofferraum verstaut und war damit quer durch die Stadt gekurvt. Old Jacks Stube war verdammt angeberisch ausgestattet. Genau derselbe Müll wie im Flur nur noch größer, noch protziger. An der Wand hing ein Imitat dieses Gemäldes von Blake. Der Große Rote Drache und die mit der Sonne bekleidete Frau.

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Kommentare

Diddl216713636@aol.com schrieb:
Geht schon wem so was gefällt okay nichts für meinen Geschmack aber sonst ganz okay echt!

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