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Kategorien > Mysterie > Nachdenkliches

Eine bessere Zukunft

von Frank Schramm

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Mike O'Leary, Sohn irischer Einwanderer und seiner Meinung nach mit 42 Jahren im besten Mannesalter, wollte eigentlich seinen Dienst beenden. Er hatte einen harten Tag hinter sich und nur noch das Bedürfnis, zu Hause ein oder zwei Drinks zu sich zu nehmen, um dann todmüde in sein Bett zu fallen. Ganz sicher würde sich auch seine Frau Liz freuen, wenn sie ihn wieder einmal vor Mitternacht zu Gesicht bekäme.

Doch der Funkspruch, den er soeben erhalten hatte, bereitete ihm ein leichtes Unwohlsein. Und das lag weniger daran, daß er nun mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Drinks und das vor Überraschung freudestrahlende Gesicht seiner Frau vergessen konnte.


Die Adresse, die er jetzt widerwillig ansteuerte, lag etwas außerhalb des Stadtzentrums. Dort angekommen parkte er den Wagen auf der gegenüberliegenden Straßenseite, stieg aber nicht sofort aus. O'Leary löste den Sicherheitsgurt, lehnte sich mit geschlossenen Augen zurück und versuchte sich zu entspannen.
Es war in dieser Situation elementar wichtig für ihn, jegliche Form von emotionaler Überreaktion zu vermeiden. Aber das war leichter gesagt als getan. Er spürte, wie sein Herzschlag sich einer Schlange gleich langsam aber sicher in seiner Brust einen Weg nach oben bahnte, bis dieser schließlich an seinem Kehlkopf angekommen zu sein schien.
Fahrig wischte er sich mit beiden Händen über das Gesicht. Als könne er sich damit der Selbstvorwürfe entledigen, die er sich jetzt machte. Verzweifelt versuchte O'Leary sich einzureden, daß es sich hierbei um einen Fall wie jeden anderen handelte. Die Welt war nun einmal so. Leider! Und er hatte sie nicht gemacht.

Für seinen Beruf hatte er sich bereits in früher Jugend entschieden. Weil er seinen Anteil dazu beitragen wollte, diese Welt zumindest ein wenig besser zu machen. Doch nachdem er sein Ziel erreicht hatte, hatte es nicht lange gedauert bis er feststellen mußte, daß es ein aussichtsloses Unterfangen war.
Und wenn sein Beruf für ihn auch Berufung war, so kam es inzwischen manchmal vor, daß O'Leary nachts stundenlang wach lag. Unfähig seiner Ängste Herr zu werden, daß ihn das Leid und die Hoffnungslosigkeit auf diesem Planeten sowie seine eigene Machtlosigkeit, mit der er sich beinahe jeden verdammten Tag konfrontiert sah, irgendwann in den Wahnsinn treiben würden.
Wenn er es endlich doch irgendwann schaffte einzuschlafen, marterten beängstigende Träume und Visionen sein Gehirn, das sich energisch weigerte abzuschalten.
Am darauffolgenden Morgen war dann immer alles wie weggeblasen. Jegliche Erinnerung an das, was sein Unterbewußtsein ihm während des Schlafes vorgegaukelt hatte, war aus seinem Gedächtnis erloschen. Ausradiert. Und doch auf nebulöse Weise wiederum so weit präsent, daß diese Ereignisse jedes mal seinen Wunsch zur Folge hatten, die betreffende Nacht möge die letzte ihrer Art in seinem Leben gewesen sein.

Andererseits fühlte er sich nach diesen traumatischen Erlebnissen oftmals auf kaum für ihn erklärbare Weise besser. Geradezu befreit. Die Träume schienen eine für ihn sehr einzigartige Ventilfunktion zu haben. Vielleicht hatte er es eben diesen Nächten, vor denen er sich so sehr fürchtete, zu verdanken, daß man ihn nicht schon längst samt Zwangsjacke in einen jener Räume sperren mußte, in denen es kaum möglich war, sich selbst zu verletzen.
Und vielleicht wäre es ihm anderenfalls schon vor langer Zeit nicht mehr möglich gewesen, der scheinbar erbarmungslosen Willkür des Lebens mit all ihren häßlichen Fratzen jeden Tag aufs Neue entschlossen entgegen zu treten.

Für den Bruchteil einer Sekunde umspielte ein bitteres Lächeln O'Learys Mundwinkel. Er ahnte, was ihn in der kommenden Nacht erwarten würde.

Jemand klopfte von außen an das Fenster auf der Fahrerseite des Wagens.

"Alles Ok, Mister?"

O'Leary fuhr hoch, sah auf seine Armbanduhr und erschrak. Das konnte unmöglich sein! Wenn das stimmte, hatte er seit seiner Ankunft schon 40 Minuten im Auto gesessen. Jegliches Zeitgefühl war ihm seither offensichtlich abhanden gekommen.
Hektisch stieß er die Tür seines Wagens auf und hätte damit beinahe den alten Mann zu Boden gestoßen, der gedacht hatte, O'Leary wäre eventuell ein Betrunkener gewesen, der in seinem Auto eingeschlafen war und der deshalb an das Seitenfenster des Wagens geklopft hatte.
O'Leary entschuldigte sich hastig bei dem Mann und sprintete die paar Schritte über die Strasse auf den schäbigen Eingang des Gebäudes zu, das sich direkt neben einem Schnellrestaurant befand.

Das Treppenhaus sah ziemlich heruntergekommen aus. Trotz eingeschalteter Beleuchtung waren die Lichtverhältnisse völlig unzureichend. Dennoch konnte er feststellen, daß sich hier überall kontinuierlich der Putz von den Wänden verabschiedete. Während er im Halbdunkel einen ungläubigen Blick auf die klapprige Konstruktion in dem langgezogenen Flur warf, die als Ablage für die tägliche Briefpost gedacht sein sollte, stieg ihm unbarmherzig der penetrante Geruch von altem Urin und Erbrochenem in die Nase.

Die Adresse, zu der er gerufen worden war, befand sich in der ersten Etage. Angeekelt nahm O'Leary fluchtartig die zwanzig ausgetretenen Treppenstufen paarweise und wäre kurz vor Erreichen des Treppenabsatzes fast noch der Länge nach hingeschlagen, weil er eine Stufe nicht richtig erwischt hatte. Im letzten Moment fing er sich dann aber wieder und als er vor der geöffneten Tür des Appartements stand, kam ihm sogleich, freundlich aber höchst übereifrig, ein blutjunger Polizist in Uniform entgegen.

"Sorry, Mister! Hier gibt es nichts zu sehen. Gehen Sie bitte in Ihre Wohnung."

O'Leary zückte seine Marke. "Detective O'Leary, L.A.P.D.!"

Der junge Mann lächelte verlegen. "Detective, tut mir leid! Ich habe Sie nicht gleich erkannt."

"Jemand von der Spurensicherung da?", fragte O'Leary kurz angebunden, obwohl er die Antwort schon kannte. Er war verärgert. Sah er etwa so aus, als müßte er eine solche Absteige sein Heim nennen?

"Ja. Und der Leichenbeschauer ebenfalls."

Der Detective schob sich an dem jungen Officer vorbei und betrat das winzige Appartement, in dem es auch nicht viel besser aussah, wie draußen auf dem Flur.
Zwar war einiges an Mühen investiert worden, um alles einigermaßen wohnlich und angenehm zu gestalten. Das konnte jedoch nicht darüber hinweg täuschen, daß diese Hütte extrem renovierungsbedürftig war.
Zudem war er unten, in der Nähe der klapprigen Konstruktion, auf der die tägliche Briefpost für alle Bewohner abgelegt wurde, bereits auf zwei tote Kakerlaken getreten. Es war kaum anzunehmen, daß die Viecher sich zufällig hierher verirrt hatten.
Warum sollten weitere sicherlich unzählig vorhandene Vertreter dieser unappetitlichen Spezies ausgerechnet vor diesem Appartement halt gemacht haben?
Wenn man nur genau genug suchte, würde man wahrscheinlich auch in der Wohnung eine Vielzahl der Plagegeister finden. Wie jemand so leben konnte!?

Der Wohnbereich bestand aus

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Kommentare

http//:www.top3-suche.de schrieb am 2010-04-05 14:52:34:
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