Eine nächtliche Begebenheit
von
Christian Bauer
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In erstickende Schwärze getaucht war diese Nacht. Obwohl sich kaum Wolken am Horizont tummelten und vereinzelt einsame Sterne hinabblickten, schien sich die Nacht ganz der unendlichen Finsternis des Kosmos hingegeben zu haben.
Eingebettet in sich sanft wiegende Weidegräser zirpte eine schlafwandlerische Grille wacker ihre Abendserenade, und auch der Mond war nur ein schmuck gezogener, kaum mehr als pinseldicker Strich am Himmel.
„Wie geschaffen diese Nacht.“, sagte sie und ihre Augen schienen nicht ablassen zu können, sich an der Atmosphäre des Sees zu laben.
„Wahrlich wunderschön.“, sagte er, die mitgenommene Konstruktion des Bootes schifffertig machend.
„Meinst du es wird so bleiben?“, fragte sie.
Er hielt kurz inne, das Tau des Bootes noch in der Hand. „Sicher, Schatz. Nichts kann diese Nacht noch stören.“
Sie trug ein weißes Kleid, dessen Pracht beinahe von hochzeitlicher Fülle war. Leicht im Wind flatternd spielten krause Haarspitzen um die blasse Kontur ihrer glänzenden Stirn.
„Wir müssen einsteigen, es geht bereits auf Mitternacht zu.“, erinnerte er sie, wohl wissend, wie schnell sie die Zeit manchmal vergaß.
„Natürlich.“
Sie nahm die ausgestreckte Hand entgegen, hob ihr Kleid soweit es nötig war, die kniehohe Kante zu übersteigen und ließ sich auf dem hinteren Holzbalken des Bootes nieder.
Er löste die Leine, trat ebenfalls ein und stieß das Boot mit einem beherzigten Schubs vom Ufern ab.
Die Wasseroberfläche zeigte keine Regung, nur die wabernden Wellen des Bootes, das von zwei grünlich gestrichenen Rudern, dessen Lack abbröckelte, angetrieben wurde, brachten die Glätte ins Schwanken.
„Wie weit willst du hinaus?“, fragte sie, nun etwas ängstlich.
„Soweit wie immer, Schatz“, antwortete er, völlig besinnt auf Rudern und Manövrieren.
Die Grille schwieg nun und die Nacht war nicht mehr als von Schleiern aus Dunkelheit verborgene Natur und kalte Stille.
Etwa in der Mitte des Sees stoppten die Ruder des Mannes und das kleine Schiffchen blieb scheinbar reglos haften. Das Ufer war von hier aus nicht mehr zu erkennen, außer dem atemlos angrenzenden Wasser und von kraftlos schimmernden Sternen erhellten Baumwipfeln, die sich müde über den See beugten.
„Erinnerst du dich noch daran, als wir das erste Mal hier waren?“, fragte sie, und obwohl es so dunkel war, dass selbst das stechende Weiß ihres Kleides nur kränklich schillerte, glaubte er, einen Hauch von Glanz in ihren Augen zu vernehmen.
„Natürlich, Schatz.“, sagte er. „Eine solche Nacht könnte man nie vergessen.“
Sie seufzte.
„Was werden wir nun tun?“, fragte sie.
„Du weißt was wir tun müssen.“
Dieser Satz hatte schon so oft seine Lippen verlassen, sein Ohr hatte so oft diese von Hoffnung erzitternden Worte gehört, doch mit jedem weiteren Mal drang der Schmerz eine Etage tiefer in sein Herz ein.
Er stand auf und streckte die Hand aus. Das Boot geriet leicht ins Wanken.
„Diese Welt ist zu schön, zu zerbrechlich.“, sagte sie, während die starre Fläche ihrer Hand die seine ergriff.
„Wie wahr. Das ist sie.“
Einen Moment noch lauschten sie, hörten hinein in den bebenden Herzschlag der Schöpfung, der draußen pochte und pumpte.
Dann ließen beide sich, die Augen geschlossen, fallen in düstere Umarmung des schwarzen Sees.
Ihre Hände ließen nicht los, selbst als sie sich umdrehten und dabei zuschauten, wie das letzte, entfernte Licht dieser Nacht erlosch.
Ein Fink landete gleichzeitig auf dem dürren Ast einer ufernahen Birke und schwieg.
Aus Achtung vor der Liebe.
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