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Kategorien > Abenteuer > kurzweilige Unterhaltung

Einen Drachen Fliegen

von Markus Strothmann

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Einen Drachen Fliegen

Der alte Herr Schmidt konnte es nicht fassen, denn es war auch einfach nicht zu fassen: Das giftgrüne Oldsmobile, das seit drei Tagen am Straßenrand genau gegenüber seines kleinen Hauses stand, war tatsächlich nicht abgeschlossen. Das hatte er schlichtweg nicht für möglich gehalten, und seine Probe aufs Exempel damit für reine Formsache.

Gleich vom ersten Moment, in dem er es gesehen hatte, hatte er die ungesunde Anziehungskraft des Wagens gespürt und verzweifelt versucht, sie zu ignorieren, hatte sich gesagt, es gehöre Herrn Töpfers, vor dessen Haus es stand und der sicher nur darauf wartete, dass jemand seine schmutzigen Finger auf den verchromten Türgriff legte, um dann hervorzuspringen, den Unglücksraben am Arm zu packen und mit seinem antiken Riesenhandy die Bullen anzurufen.
Aber der Wagen ließ sich nicht ignorieren. Zu aggressiv sprang der Farbton ins Auge, wühlte sich ins Gehirn des alten Mannes und verfolgte ihn, wie sich gleich in der ersten Nacht nach der Entdeckung herausstellte, noch bis in seine Träume. Völlig fertig mit den Nerven war Herr Schmidt um 4.25 Uhr aufgewacht, das Bild des Motorblocks noch vor sich, der aus der gewölbten Motorhaube ragte wie ein semitischer Gott des Krieges und der Fruchtbarkeit zugleich. Vielleicht Baal? Es spielte keine Rolle. Er hatte sich sofort seinen fleckigen Bademantel umgehängt und war in die Küche gehetzt, um zu sehen, ob der Wagen noch da war. Ihm war bei seinem Anblick ganz anders geworden vor Verlangen, ihn brüllen und wie das Herz der Hölle schlagen zu hören.
Ja, er wollte seinen Fuß aufs Gaspedal setzen und es hinunterdrücken, eine Riesenwolke dunkelgrauen Dreck in die Atmosphäre husten, die verdammten Blumenbeete der gesamten Nachbarschaft durch ein wenig Druck seines rechten Beines ins Gas schicken.
Alle sollten aus den Betten fallen und sich darunter verkriechen, wenn der Motor zu toben begann. „Fliegerangriff!“ würden sie jammern, wahrscheinlich die Feuerwehr anrufen und andere sinnlose Dinge tun. Sich vielleicht mit Schnaps und Schlaftabletten umbringen, um das Ende der Zeit nicht erleben zu müssen. Übertrieben?

Wohl kaum, dachte Herr Schmidt. Nein, ignorieren war keine Option.

Und Töpfers, dem knoppersfressenden Schwein, gehörte der Wagen ganz bestimmt nicht, ebenso wie niemand anderem in dieser rabenschwarzen Straße, völlig ausgeschlossen.
Eigentlich, so dachte Herr Schmidt, kann so ein Fahrzeug nur sich selbst gehören. Ein Auto wie dieses musste frei sein wie der Wind, oder wenigstens so frei wie ein wildes Pferd in der weiten Steppe des Westens der Welt. Und Herr Schmidt hatte beschlossen, sich ihm diese Nacht zu nähern. Ganz unverbindlich wollte er sich in den Dunstkreis des Wagens und wieder hinaus begeben, um festzustellen, ob die Schwingungen zwischen ihnen gut waren.

Als er seine schwieligen, nikotingelben Finger auf den Türgriff legte und das kühle Metall umfasste, hätte es ihn fast umgehauen. Wie in Trance drückte er den Griff und zog die Tür einen Zentimeter weit auf, ohne zu merken, dass er viel weiter ging als er vorgehabt hatte. Es fühlte sich an wie die Einladung zum Ritt auf einem Drachen. Im wurde schwindlig. Er fühlte sich in seine Kindheit zurückversetzt, während der er tausendmal mit geschlossenen Augen auf dem First des Scheunendachs gesessen und den Drachen geritten hatte, sich festkrallend, um nicht vom einer Windbö oder einem fetten Vogel aus dem Sattel gefegt zu werden.
Er riss die Hand zurück , eilte keuchend ins Haus und knallte die Tür hinter sich zu.

Am späten Vormittag des nächsten Tages saß er in der Küche und goss sich ein Wasserglas halb voll Weinbrand. Der Schnaps beruhigte ihn wie immer ein wenig, darum trank Herr Schmidt zu jeder Tageszeit. Er war der Meinung, da sei nichts dabei.
Herr Schmidt erkannte, als er darüber nachdachte, dass seine Entscheidung, sich erstmal an den Drachen heranzutasten, reine Selbsttäuschung gewesen war. In Wirklichkeit hatte von Anfang an festgestanden, dass er sich auf seinen Rücken schwingen und mit ihm fliegen würde. Wenn es einen einmal gepackt hat, ist man verloren. Das hatte er irgendwann einmal gelernt. Aber das letzte Mal, das ihn etwas gepackt hatte, war solange her, dass er es fast wieder vergessen hatte. Jetzt fiel es ihm wieder ein.

Herr Schmidt zündete sich eine Zigarette an. Er war kein Idiot. Damals auf dem Scheunendach war es die Fantasie eines Kindes gewesen, dies dagegen war die Realität eines gestandenen Mannes, der wusste, dass ein Drache im Alleingang nicht bezwungen werden konnte. Er brauchte einen Kumpan, einen Gefährten, um es zu schaffen, und zwar einen mit Mut und Geschick. Herr Schidt nahm einen großen Schluck Weinbrand, nickte und lächelte in sich hinein. Eberhard.

„Meine Herrn!“ Eberhard und Herr Schmidt beobachteten den Drachen durchs Küchenfenster. Herr Schmidt hatte es gewusst: Eberhard war auf Anhieb genauso besessen von dem Ungetüm wie er selbst. Man konnte es an den Augen des alten Veterans erkennen, in denen ein fiebriger Glanz lag. Dieser Ausdruck hat zu allen Zeiten, in allen Jahrhunderten auf den Gesichtern von Männern gelegen, dachte Herr Schmidt, von Grabräubern, Propheten, Conquistadores. Wenn Menschen so aussahen, folgten Revolutionen, Ekstase, und große Taten – gute ebenso wie abgrundtief schlechte. Zimmer wurden mit Blut und Gold gefüllt und wieder geleert, Unschuldige wurden getötet, Planeten umrundet, ewige Wahrheiten wurden gesehen oder geleugnet, Menschen schworen, Unmögliches schaffen. Bei Einbruch der Nacht würden sie es tun.

Ein heftiger Ruck, zwei Knipser mit dem Seitenschneider, ein Funke.
Der Drache erwachte und ein Grollen ertönte, das die Erde erzittern ließ. Sein Zorn und der Drang, die Flügel auszubreiten und mit der Schnelligkeit eines Sturms die Welt in ein verschwommenes Zerrbild ihrer selbst zu verwandeln, waren ein und dasselbe Gefühl.

„Mein Gott, Eberhard. Wir können das nicht tun“, sagte Herr Schmidt. Er hatte Angst davor, was die entfesselte Urgewalt mit ihm und seinem Freund machen könnte. Er fragte sich, ob Eberhard bewusst war, dass sie sich nicht nur in die Höhle des Löwen wagten, sondern dabei waren, wirklich und ultimativ die Karten auf den Tisch zu legen.

„Was?“, schrie Eberhard. Der Drache übertönte alles. Eberhard drückte sich gespannt wie ein Flitzebogen in den Beifahrersitz und starrte Herr Schmidt an. Der Goldsucherwahnsinn quoll aus seinen Augenwinkeln hervor und lief in glitzernden Bächen seine stoppeligen Wangen herab.
Die Begeisterung hat ihn verrückt gemacht, dachte Herr Schmidt. Und mich auch!
Er drehte den Kopf und sah die Straße, die kleine miese Straße mit den Straßenlaternen , geflickt mit Teer und Kies und gesäumt von Mülltonnen, deren stinkender Inhalt süßliche Pestilenz verströmte. Benzin in das lodernde Feuer der Drachenwut!

„Schmidt!“, schrie Eberhard, „Schmidt!“ Eberhards Stimme überschlug sich. „GIB IHM!“

Herr Schmidt schaltete das Licht ein und löste die Handbremse.

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