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Kategorien > Trauriges > Einsamkeit

Einsamkeit

von LynxX

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Es war so ungefähr der tausendste Anruf. Wieder jemand, dem die Wohnung zu teuer war. Sie fragte sich, warum sie überhaupt noch an ihr Handy ging. Sie nahm ihr Weinglas, prostete zynisch der Wand zu und suhlte sich in ihrem Selbstmitleid.

Eigentlich hatte sie heute mehrere Besichtigungstermine gehabt, es war aber nur einer davon eingehalten worden. Ein Pärchen in den mittleren Jahren. Er, ein riesiger, ergrauter Deutscher, sie, eine kleine Frau um die 1,55 m, vermutlich Brasilianerin und beide nicht wirklich, von der zugegebenermaßen überteuerten Miete, überzeugt. Sie zweifelte daran, dass sie diese Wohnung jemals loswerden würde.

Schon wieder klingelte das Telefon, ein weiterer Termin für den ohnehin schon überfüllten Freitag. Warum rief eigentlich niemand für ihre zweite Annonce an, in der sie nach einer Wohnung suchte und keine anbot?

Sie hatte nicht das Bedürfnis umzuziehen, sie wünschte sich lediglich, dass alles wieder so würde, wie es mal war. Sie verfluchte den Tag an dem ihr Verlobter ausgezogen war, hin und wieder verfluchte sie sogar den Tag an dem sie ihm zum ersten Mal begegnet war. Wenn sie in der Lage wäre, die Wohnung allein zu finanzieren, könnte sie nichts in der Welt dazu bewegen sie aufzugeben. Sie würde sich weiter an ihren dummen, kleinen Träumen festhalten und hoffen, dass der Mann, den sie liebte, wieder zu ihr zurück käme und sie das Leben, das sie in dieser Wohnung geführt hatten, fortsetzen würden, als wäre nie etwas gewesen. Die Tatsache, dass sie nun wirklich damit beschäftigt war einen Nachmieter zu finden und sich eine neue Wohnung zu suchen, tat ihr in der Seele weh, es machte alles so real. Viel zu real für sie.

Es war erstaunlich, wie schnell doch so ein Glas leer werden konnte. Sie schenkte sich nach und nahm ihr Buch zur Hand. Sie hatte schon immer gerne und viel gelesen jedoch war es in den letzten Wochen zu einer Obsession geworden. Sie verschlang ein Buch nach dem anderen, nahm sich keine Zeit mehr, um es nach dem Lesen auf sich wirken zu lassen, sondern griff gleich nach dem nächsten und las in jeder Sekunde, in der sie Zeit dafür fand. Der Geruch der Bücher, die endlosen immer wieder neuen Welten, in die sie eintauchen konnte, gaben ihr die Möglichkeit, das Chaos, das zurzeit um sie herum herrschte zu verbannen. Sie war nie eine organisierte Person gewesen und hatte auch nichts gegen Veränderungen und Neuerungen, nur die augenblicklichen Geschehnisse waren ihr einfach zu wider. Sie hasste dieses Gefühl der Einsamkeit, es hatte nicht zu ihrer Vorstellung der Zukunft gehört. Zu ihrem Plan gehörte es zwar auch nicht, auf einen anderen Planeten zu ziehen, aber eine solche Veränderung hätte sie locker in Kauf genommen. Es hätte zwar alle möglichen Komplikationen mit sich gebracht, aber im Vergleich zu dem Gefühl, das sie zurzeit in ihrem Herzen mit sich herum trug, wäre das ein Kinderspiel gewesen.

Sie würde dieses Handy vom Balkon werfen, oder ihre Nummer ändern lassen. Seit sie diese verdammte Anzeige in die Zeitung gesetzt hatte, hielt es keine zehn Minuten mehr still. Sie ignorierte das lästige Vibrieren auf dem Tisch und hoffte es würde bald aufhören und auch nie wieder erklingen.

Ihr fiel ein, dass sie Morgen zu der Wohnung würde gehen müssen, die sie sich angesehen hatte, um der Vermieterin mitzuteilen, dass sie interessiert war. Aus irgendeinem Grund war die Telefonnummer verschwunden, sie dachte besorgt an die Papierüberreste, die ihr gestern Morgen aus der Waschmaschine entgegen gefallen waren.

Sie fing an auf ihr Handy zu starren, während ihr Herz Turnübungen zu machen schien. Sie wollte ihm eine Nachricht schicken so was wie „ich vermisse dich“ oder „sieh, was du aus mir machst, du hast mich als wertloses Nichts zurückgelassen“, aber sie wusste, dass sie ihm ihre Gefühle nicht zeigen durfte. Sie hatte das nach ihrer Trennung ausgiebig getan und er hatte sich komplett von ihr zurückgezogen, obwohl er gesagt hatte, er wolle sie weiterhin in seinem Leben. Seit dem sie beschlossen hatte ihm gegenüber so zu tun als wäre alles in bester Ordnung, lief die Beziehung zwischen ihnen wieder besser. Sie dachte nicht, dass er ihr wirklich glaubte, dass es ihr besser ging, aber es war für sie beide wohl einfacher mit der Lüge zu leben. Sie hatten es ja beide nicht gewollt und er wollte ihr ganz sicher niemals wehtun, aber gegen seine Gefühle kann man nun einmal nichts machen.

Sie sehnte sich nach nichts mehr, als nach ihm und jedes Mal wenn sie ihn traf, strahlte ihre ganze Welt und seine Gegenwart schien richtig zu sein, sie wünschte er könne das auch fühlen. Sie würde sich daran gewöhnen müssen, ihn nur als Freund zu haben, aber das war immerhin besser als ihn nie wieder zu sehen.

Warum könnte es nicht er sein, der sie den ganzen Tag anrief, warum mussten es diese seltsamen Fremden sein? Sie wusste es würde sich nicht lohnen zu antworten, aber sie tat es dennoch. Es lohnte sich nicht - „…zu teuer! Danke, Tschüss!“ - Langsam langweilte es sie, dass die Welt voll mit armen Menschen war, die genauso wie sie, sich nur das billigste heraus pickten. Sie verstand es ja, aber mussten diese Menschen denn ausgerechnet sie den ganzen Tag damit belästigen? Sie rief doch auch nicht wegen Anzeigen an, die keine Angaben über die Miete machten, weil sie sich schon dachte, dass die Leute, die diese Anzeigen in Auftrag gaben, sich im Klaren darüber waren, dass es zu teuer war.

Sie legte ihr Buch beiseite und schaltete ihren kleinen Fernseher ein, der ihr schon seit über zehn Jahren gute Dienste leistete. Sie starrte gelangweilt auf den Bildschirm, auf dem eine ihrer Lieblingsserien vor sich hin flimmerte und beschloss nach einer halben Stunde, dass die stumpfe Fernsehbestrahlung sie nicht genug von ihren Gedanken ablenken konnte. Sie leerte ihr Weinglas, verkorkte die Flasche, ließ beides plus den Teller von dem kleinen Imbiss, den sie zwischendurch gehabt hatte, auf dem Tisch stehen und ging ins Bett. Sie musste früh aufstehen, der Schlaf würde sie erfrischen. Sie wischte die Tränen, die schon seit einiger Zeit ihr Gesicht benetzten, mit dem Kissenzipfel ab und schloss erschöpft die Augen.

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