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Kategorien > Aus dem Leben > Entwicklung

Elfi Schneider

von Samantha Chaucer

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Frau Elfi Schneider war neunundfünfzig Jahre alt, eine kleine, zierliche Person, mit hellbraunen, grau gesträhnten Haaren und Augen von fast genau derselben Farbe, die niemals ärgerlich zu blicken schienen. Sie hatte eine Tochter namens Frauke, einen Schwiegersohn namens Harald und zwei Enkelkinder, Myra und Samuel. Diese vier stellten, wenn sie zu Besuch waren, die größte Abwechslung in Elfis Leben dar, denn sie verbrachte ihre Tage immer gleich. Allerdings wollte sie es auch nicht anders. Jeden Morgen stand sie um sieben Uhr auf, nachdem der Wecker fünf Minuten zuvor geklingelt hatte – obwohl sie den vermutlich nicht mehr gebraucht hätte. Sie duschte, zog sich an und machte sich Haare und Make-up zurecht. Dann frühstückte sie, und um acht Uhr, niemals früher oder später, verließ sie das Haus zum Einkaufen. Wenn sie zurück war, spülte sie das Geschirr, das nach dem Frühstück stehen geblieben war und verbrachte dann den Tag mit sauber machen, lesen, dem Lösen von Rätseln, der Betrachtung ihrer Zierfische und damit, sich an ihrer ganz persönlichen Weltordnung zu erfreuen. Um ein Uhr war Zeit für das Mittagessen, und um sieben Uhr gab es Abendessen, das sie einnahm, während sie sich die Nachrichten ansah. Seit Jahren hatte es keinen Tag in Elfi Schneiders Leben gegeben, der bedeutend anders ausgesehen hatte, abgesehen von Dingen wie ein Spielplatzbesuch mit den Enkelkindern oder ein Besuch auf einem Amt; aber auch dann hielt Elfi ihren gewohnten Alltag so gut es ging aufrecht und legte die nötigen Termine so, dass sie zumindest nicht die Essenszeiten ändern musste.
Einsam war Elfi Schneider jedoch nicht; sie war vollkommen zufrieden mit ihrem Leben, zumal sie ungefähr alle drei Monate Besuch von ihrer Tochter und deren Familie bekam. Und um einen dieser Besuche ging es auch bei dem Telefonat, das Elfi und Frauke an einem sonnigen Tag im Mai miteinander führten.
"Wann wolltet ihr noch einmal kommen?" erkundigte sich Elfi leicht abwesend und zupfte dabei das kleine Spitzendeckchen auf dem Regalbrett zurecht, auf dem ihr Telefon stand.
"Heute in zwei Wochen, Mama. Ich meine, falls dir das dann passt."
"Natürlich, Frauke. Wie immer so gegen ein Uhr? Dann kommt ihr gerade richtig zum Mittagessen."
"In Ordnung. Wie läuft es eigentlich sonst so bei dir?"
"Ach, das weißt du doch, Liebes. Alles wie immer!"
"Das habe ich mir eigentlich schon gedacht. Hör mal, genau darüber wollte ich schon länger mal mit dir reden... Ich hab das Gefühl, du kommst überhaupt nicht mehr so richtig unter Leute."
"Das macht mir doch aber nichts aus. Ich hab mir doch alles so eingerichtet, wie ich's brauche!"
"Ja - ich weiß, Mama. Aber meinst du nicht... Du darfst jetzt nicht glauben, ich wäre nicht immer noch traurig wegen Papas Tod; aber das ist immerhin vier Jahre her! Hast du denn gar keine Lust, dich vielleicht mal mit einem Mann zu verabreden?"
"Ach, wozu denn, Frauke? Es geht ja nicht darum, dass ich Papas Tod nicht akzeptieren kann. Er hatte ja vorher schon länger Probleme mit dem Herzen. Aber was soll ich denn mit einem neuen Mann? Der würde meinen gesamten Alltag umwerfen, und dann müsste ich mich in meinem Alter nochmal komplett umstellen."
"Was heißt denn, in deinem Alter, Mama? Du bist doch wirklich noch nicht steinalt und siehst erst recht nicht so aus! Und ich meinte ja auch gar nicht, dass du direkt heiraten sollst oder zusammenziehen oder so. Einfach mal verabreden, es gibt so viele nette Leute! Du könntest doch eine Kontaktanzeige in irgendeine Zeitung setzen, wenn niemand zurückschreibt, der dir sympatisch vorkommt, musst du ja nicht antworten!"
"Nein, nein, Frauke, das will ich nun wirklich nicht.", sagte Elfi nun sehr bestimmt. "Du weißt doch, was ich von solchen Anzeigen halte. Und, wie gesagt, ich bin doch so sehr zufrieden! Schließlich hab ich ja auch noch euch."
"Na gut, einen Versuch war's ja wert.", seufzte Frauke. "Also bleibt es bei Mittwoch in vierzehn Tagen, ein Uhr Mittags?"
"Ja, Liebes. Entschuldige, ich muss langsam Schluss machen. Die Waschmaschine ist fertig. Bis dann!"
Elfi legte auf, und am anderen Ende der Leitung hängte auch Frauke leicht resigniert ein. Ähnliche Gespräche führte sie mit ihrer Mutter seit etwa einem Jahr häufiger, und alle endeten gleich: Elfi hatte einfach keine Lust, etwas an ihrer derzeitigen Situation zu ändern. Zumindest ließ sie sich von den beiden Kleinen auf andere Gedanken bringen. Frauke fand es irgendwie nicht richtig, dass ihre Mutter kaum Varianten ihres Alltags zuließ, freute sich aber trotzdem auf den bevorstehenden Besuch. Sie fand es jedes Mal schön, bei ihrer Mutter zu sein, denn es war ein Vergnügen, sich mit dieser netten und friedliebenden Person zu unterhalten, die niemals Streit anfing, aber auch nicht ohne guten Grund von ihrem Standpunkt abwich, wie Frauke gerade eben wieder einmal erfahren hatte.

Zwei Wochen später war es so weit: Mit Sack und Pack stand Frauke vor Elfis Tür. Als diese öffnete, wehte der Familie bereits ein appetitlicher Duft von geschmortem Gemüse entgegen; Elfis Küchenspezialität war durch ihre raffinierten Würzmischungen bei allen Familienmitgliedern beliebt, was aber vermutlich auch darauf zurückzuführen war, dass noch keiner den Kindern gesagt hatte, dass es sich dabei um ein gesundes Gericht handelte.
Myra und Samuel warfen sich überschwänglich ihrer Großmutter in die Arme, um danach nicht weniger enthusiastisch die Stühle am Essenstisch zu erklimmen. Während die beiden versuchten, die Nase in die Töpfe zu stecken, hatte Elfi Zeit, ihre Tochter und ihren Schwiegersohn zu umarmen und ein paar Worte mit ihnen zu wechseln, doch als der Ruf der Kinder nach Nahrung dringlicher wurde, mussten die Erwachsenen einsehen, dass ein Gespräch am Abend vermutlich mehr Sinn haben würde. Auf dem Weg zum Tisch rückten Elfis Hände wie von selbst Dinge zurecht – verrutschte Spitzendeckchen oder ein Teeservice auf einem Regalbrett im Flur, das nie benutzt wurde und nur zu Dekorationszwecken da war. Als alle am Tisch Platz genommen hatten, schlug die Uhr über dem Sofa im angrenzenden Wohnzimmer gerade eins.
"Pünktlich auf die Minute.", strahlte Elfi und nahm reihum Teller entgegen, um diese zu füllen. Eine Weile sagte keiner ein Wort. Die Fahrt von Fraukes und Haralds Heimatort zu Elfis Wohnung dauerte zwar höchstens eine Stunde, trotzdem hatten alle in Erwartung von Omas Kochkünsten einigen Hunger mitgebracht. Lange dauerte es jedoch nicht, bis sich das Mitteilungsbedürfnis der Kinder, besonders Samuels, wieder Luft verschaffen musste. Im Stillen amüsierte sich Elfi ein bisschen: Sie konnte inzwischen genau sagen, wann der Kleine fürs Erste satt war und wieder in Redelaune kam; zuerst beugte er beim Essen den Kopf tiefer über den Teller, als müsse er sich stark auf seine Mahlzeit konzentrieren, dann legte er das Messer aus der Hand und pickte nur noch mit der Gabel auf seinem Teller herum, und gerade jetzt war er schon bei dem Teil angekommen, wo er nur noch

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