Empathie
von
Phoenix
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Ich stelle mich vor den Spiegel. In ihm sehe ich einen jungen Mann! Hass und Verzweiflung spiegeln sich in seinen Augen! Eine Träne perlt seine Wange entlang und endet an seiner Lippe! Er beißt zu! Blut fließt aus seiner Unterlippe! Leise höre ich wie er sagt: „Ich hasse meine Gefühle!“
Nur zu gut kenne ich das Gefühl das sich gerade in ihm breit machen dürfte. Viel zu oft hab ich genauso gefühlt und gedacht. Menschen wie wir haben es alles andere als leicht. In der Umgangssprache heißen sie Empathen, Menschen welche die Gabe verfügen sich in Andere hineinzuversetzen. Mehr wird meist nicht darüber verloren, doch nur wenige kennen die Nachteile dieser Fähigkeit. Das Leid, das es mit sich bringt, die Gefühle der Menschen in der Umgebung mitzufühlen.
Das Wissen, wenn man am Morgen aus dem Haus auf die Straße geht, unter Gefühlen begraben zu werden. Die Stimmen oder Blicke der Menschen mitzubekommen und genau zu wissen, wie es dieser Person im Moment geht. Das Gefühl von Hass und doch gleichzeitig das Gefühl von Liebe zu spüren. Trauer und gleichzeitig Freude spüren. Den Schmerz zu fühlen, den so etwas jedes Mal aufs Neue verursacht. Solchen Schmerz, als würde man in zwei Teile gerissen werden.
Doch von den Nachteilen hört man nie etwas, man bekommt nur zu hören, dass man froh sein soll, so etwas zu können, dass man damit vielen Menschen helfen kann. Aber in dem Moment, in dem 100 Emotionen auf uns einwirken, ist uns das ziemlich egal. Wir versuchen das nur irgendwie durchzustehen.
Ich richte meinen Blick wieder auf den Jungen im Spiegel. Inzwischen hatte er zu bluten aufgehört und starrte wie in Trance in den Spiegel. „Warum ich?“ höre ich ihn leise fragen während erneut Tränen in seinen Augen sammeln. Ohne Vorwarnung schlägt er seine Stirn gegen den Spiegel, der daraufhin zerbricht. Kurz darauf beginnt Blut den Spiegel hinabzufließen welches sich am Boden mit seinen Tränen mischt. Er ballt seine rechte Hand zu einer Faust und schlägt mit voller Kraft gegen den Spiegel, der daraufhin endgültig zerbricht. Die Scherben fallen zu Boden und zerspringen in mehrere Teile, der Junge sackt zusammen und sitzt inmitten der Scherben. Die Hände am Boden abgestützt und den Kopf nach unten geneigt, sitzt er da, Sekunden, Minuten, völlig regungslos. Man sieht nur Tränen die seine Wangen hinunterlaufen und auf den Boden tropfen.
Wie oft habe ich mich gefragt, warum mir das passiert, warum gerade ich so etwas können muss. Warum ich die Gefühle der Menschen deuten kann, noch bevor diese sie selbst deuten können. In manchen Fällen denkt man, man hätte eine gespaltene Persönlichkeit. Insbesondere dann, wenn jemand mit einer anderen Person streitet. So sehr man auch versucht an der Aussage von einer der Parteien Gefallen zu finden und sich mit dieser zu identifizieren, man schafft es einfach nicht, sich zu entscheiden. Man versteht beide Parteien, den Standpunkt, die Aussagen der Beiden und auch wenn man weiß, dass jemand falsch liegt oder etwas falsches macht, man schafft es auch nicht, die Person davon abzubringen, weil man nachvollziehen kann, warum diese so handelt.
Ärzte nennen Menschen wie uns hypersensibel, weil sie einfach zu viel an sich heranlassen. Doch sie verstehen nicht, dass wir nicht anders können, wir nehmen die Emotionen der Menschen um uns auf ob wir wollen oder nicht und irgendwann entladen sich diese wieder. Die ganze Wut, die wir in uns aufgenommen haben, können sich innerhalb weniger Sekunden an einer Person entladen, die vielleicht nur zur falschen Zeit am falschen Ort war. Die ganze Trauer die wir aufgenommen haben, kann sich in einem Augenblick zeigen, dass wir nicht mehr wissen, wie wir weiterleben sollen. All die Freude die wir erfahren haben kann jeden noch so langen Tag anhalten und auch wenn wir nicht wissen warum, wir sind einfach gut drauf.
Doch leider überwiegen doch die negativen Momente, da es wesentlich mehr negative Gefühle gibt. Da wir nichts dagegen tun können, können wir erst richtig leben, wenn wir akzeptiert haben, was wir sind.
Der Junge ballt die Hände erneut zu einer Faust und schlägt wütend auf den Boden, wodurch er sich die Hände an den Scherben zerschneidet. Er nimmt eine Scherbe des Spiegels und blickt hinein.
In dem Spiegel sehe ich einen Jungen, mit zerschnittenen Händen und zerschnittenem, blutverschmiertem Gesicht. Doch ich sehe mehr als nur das. Ich sehe einen Menschen mit gebrochenem Herzen und tiefen Narben auf seiner Seele. Ich sehe einen Jungen der noch nicht akzeptiert hat, dass er etwas kann, das nicht jeder kann und noch nicht damit zurecht kommt. Ich sehe einen Jungen der noch nicht aufgegeben hat zu hoffen, hoffen auf den Tag, an dem er es schafft zu akzeptieren, dass er anders ist.
Erneut blicke ich in eine Scherbe des Spiegels und erkenne nun die Person die ich vor mir sehe. Hinter dem getrockneten Blut und den Schnitten im Gesicht sehe ich mein Gesicht im Spiegel...
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