Empfinde auf ewig
von
Norbert Hilgers
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Erstes Morgenlicht rieselte durch Nebelgeister, die sich gemächlich der Schwerkraft entzogen und unschlüssig ins Nichts wechselten. Heller liebte diese Zeit des Tages, dem die Unruhe der kommenden Stunden ihren Stempel noch nicht aufgedrückt hatte. Die hüfthohen Mauern aus lehmverputzten Schieferplatten, bewohnt von tiefgrünem Moos umschloss das, was bis vor wenigen Wochen noch der verträumte und beinahe vergessene Friedhof der Gemeinde Drussheim gewesen war.
Schrägstehende Grabsteine mit unleserlichen Namen hinter verwilderten Ruhestätten. Gemeinsam, mit den von modrigem Laub bedeckten Wegen, standen sie dem feucht glänzenden Fuhrpark hungriger Baumaschinen, wie trotzige Relikte einer längst vergangenen Zeit gegenüber.
Die letzten Beerdigungen hatten vor mehr als zwanzig Jahren stattgefunden und vereinzelt ausgehobene Gruben zeigten, dass der ein oder andere Tote auf den neuen Friedhof umgebettet worden war. Aus dem Gottesacker war eine Baustelle geworden, aus den Verbliebenen endgültig Vergessene.
Heller hoffte, dass der Ort, den er aufsuchen wollte, der unabwendbaren Plünderung bis jetzt entgangen war. Mit kurzen unsicheren Schritten erkämpfte er sich Meter um Meter. Das Gehen fiel ihm von Tag zu Tag schwerer. Seine knotigen Gelenke waren von Arthrose nahezu unbeweglich geworden. Schon bis hierher zu gelangen, war eine Strapaze gewesen.
Bis zum alten Friedhof fuhr keine Buslinie mehr und zu Fuß, vom Ort aus, war er für ihn unerreichbar. Heller hatte ein Taxi nehmen müssen und
einen Betrag beglichen, der seine letzten Ersparnisse gekostet hatte.
Von welchem Geld er zurück zum Bahnhof und dann zu seiner Einzimmerwohnung in Wiesbaden zurückkehren sollte, wusste er nicht. Vorbei an Baumstümpfen, auf deren frischen gelbroten Schnittflächen kleine Perlen aus Morgentau glänzten, führte der Weg in einen abgelegenen Teil des Friedhofes, der sich bis heute den Motorsägen, Seilwinden und Pflügen widersetzt hatte. In der Nacht war ausgiebig Regen gefallen.
Nässe hatte mittlerweile den Weg in Hellers abgetretene Schuhe gefunden und begleitete jeden Schritt mit einem schmatzenden Geräusch.
Unter einer Trauerweide blieb er stehen. Ein einzelner Tropfen löste sich von einem gebeugten Ast und fiel Heller in den hochgestellten Mantelkragen.
Ein wehmütiges Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als er das kleine Rondell am südlichen Ende betrachtete, das sich trotzig den sonst geometrisch korrekten Umrissen des Friedhofes entzogen hatte.
Ein Wirrwarr von niederem Buschwerk und tiefhängenden Ästen, noch voll von braunem Herbstlaub, ließen Teile der grauen Außenfassade mehr erahnen als erkennen. Erst nachdem er sich die Hände an den Ranken der Brombeersträucher aufgerissen hatte, konnte Heller seine Hand auf die schmutzig graue Oberfläche des Mausoleums legen.
Überrascht von der Wärme des rauen Basaltsteines blieb er einige Sekunden mit geschlossenen Augen stehen und ließ die auftauchenden
Bilder seiner Erinnerungen auf sich wirken.
„Was suche ich hier eigentlich?“, fragte er sich wiederholt.
„Was glaube ich zusammen mit dem alten Friedhof zu verlieren?“
Im Bewusstsein den Jahreswechsel vielleicht nicht mehr erleben zu dürfen, hatte es ihn magisch hierher gezogen.
Nur zögernd löste Heller den Kontakt. Schmucklos und nackt erinnerte der kuppelartige Bau an ein halbiertes, überdimensionales Ei. Keine verspielten Stuckarbeiten oder tempelartigen Eingangssäulen lenkten von der kühlen,
einfachen Klarheit des Baues ab.
Nur der rechteckige Eingang ins Innere zerstörte die perfekte Symmetrie. Acht von Unrat bedeckte Stufen endeten vor einem rostigen Eisentor. Mit dem Nagel seines Daumens fuhr Heller am oberen Scharnier entlang, bis er eine tiefe Kerbe erspürte. Hier hatte Udo mit der Feile seines Schweizer Messers versucht die Konstruktion zu schwächen.
Ob Udos Grab noch existierte? Waren seine Überreste auf den neuen Friedhof überführt worden? Nur kurz schweiften seine Gedanken ab.
Drei Freunde - ein Geheimnis. Was aus Heiner geworden war und ob er noch lebte, wusste Heller nicht. Udo war - kaum achtzehn - mit seinem neuen Motorrad gegen einen Baum gerast und noch an der Unfallstelle gestorben.
Wieder und wieder hatten sie sich am Mausoleum verabredet um sein Geheimnis zu lüften.
Und nun, mit beinahe achtzig war er hergekommen, um es zu ergründen. Er kam sich vor wie ein alter Narr, unfähig loszulassen. Die Zeiten des Schweizer Messers waren endgültig vorbei. Aus der Umhängetasche zog Heller eine Stahlsäge deren Blatt aus einer Speziallegierung bestand, das jeder Art von Eisen überlegen war. In dem Moment als er die Säge ansetzte, stachen ihm die in einem eleganten Bogen über dem Eingang in den Stein gemeißelten Buchstaben ins Auge.
Glaube allein ist Illusion
Empfinden ist Erkenntnis
Empfinde auf ewig
Einen Moment hielt Heller inne. Welche Bedeutung lag diesen Worten inne. Wer hatte sie in Auftrag gegeben? Kein weiterer Hinweis, kein Name, keine Jahreszahl, nichts.
Heller wusste nicht einmal ob und wenn, wer hier seine letzte Ruhe gefunden hatte. Möglicherweise war das Mausoleum völlig leer. In Auftrag gegeben, gebaut, vergessen. Ein Fond war vor vielen Jahren angelegt worden, jedes Jahr floss eine bestimmte Summe auf das Konto der Friedhofsverwaltung. Mehr wusste Heller nicht, mehr wusste niemand. Und niemand fragte. Erst jetzt bemerkte er überrascht, dass der gehärtete Stahlbügel des schweren Vorhängeschlosses nicht mehr in seiner Verriegelung steckte. Jemand war ihm zuvor gekommen. Vielleicht war der hier zur Ruhe gebettete Körper längst auf den neuen Friedhof überführt worden.
Enttäuschung nahm den Platz ein, wo eben noch gespannte Erwartung geherrscht hatte.
Resigniert steckte er die Säge zurück in die Tasche, entfernte das Schloss und versuchte die Tür zu öffnen.
Sie schien schon Jahre nicht mehr bewegt worden zu sein und erst nach einem kräftigen Ruck bewegte sie sich, wobei das obere Scharnier mit einem lauten Knacken abbrach. Mit letzter Kraft gelang es ihm zur Seite zu springen und das Gleichgewicht zu halten, als die schwere Tür neben ihm auf den Boden aufschlug.
Nach einigen schweren Atemzügen beruhigte sich Heller und er betrachtete den Gang der etwa eineinhalb Meter weit ins Innere des Gebäudes führte. Die Sicht wurde durch eine Querwand begrenzt, vor der nach links ein Zugang ins Mausoleum abzweigte. Unmöglich von dieser Position aus ins Innere zu sehen. Der Lichtkegel der mitgebrachten Taschenlampe erhellte die Mauer und auf ihr, in kleinen, aber gut zu erkennenden Buchstaben, wieder diese seltsamen Worte.
Glaube allein ist Illusion
Empfinden ist Erkenntnis
Empfinde auf ewig
Die schnörkellose Einfachheit der Buchstaben mit ihrer seltsamen Botschaft faszinierte ihn ebenso, wie das absurde Gefühl, dass sie nur für ihn in den Stein gemeißelt worden waren.
Vor der Wand blieb er stehen und jetzt fiel ihm auf, dass sie nicht so homogen war wie es auf den ersten Blick schien. Mit einem Taschentuch wischte Heller
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Kommentare
sina franke schrieb am 2007-09-20 20:29:41:
es tut mir leid immer nur positives ueber deine geschichten zu schreiben, aber du bist einfach unglaublich!!! man kann nicht mal wenn man wollte etwas schlecht daran finden. es ist einfach der hammer. ich wuenschte ich koennte so schreiben wie du. bitte veroeffentliche noch vieles.
hochachtungsvoll
sina franke
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