Endstation
von
Rudolf Wolter
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Endstation
Er kam aus dem Licht des Weihnachtsmarkts. Eigentlich komisch – oder nur gierig, aber leben müssen sie ja auch, die Betreiber der Stände – wenn der Weihnachtsmarkt schon am Montag nach dem Totensonntag beginnt. Der Glühwein hat dennoch geschmeckt, so heiß und süß wie er war. Ganz schön viel Geld für so einen heißen Becher voll Vorfreude, fand er, aber angenehm in in der Kälte des fast stürmischen Windes. Seine Schritte wurden schneller, als er auf den Bahnhof zuging. Eigentlich wollte er nun nach Haus, auf seine Couch und den Fernseher einschalten für einen gemütlichen Abend ohne nachzudenken. Aber die erste S-Bahn, die ihre Türen auf dem Bahnsteig öffnete, war nicht die seine. Sie fuhr an das andere Ende der Stadt. Er zögerte eine kurze Sekunde, dann stieg er ein. Trotz des Menschenknäuels, der mit ihm durch die Tür drängte, fand er einen Sitzplatz. Er ließ sich fallen und schloss die Augen.
Sofort waren sie wieder da, die Bilder, vor denen er davonlief seit Wochen, seit Monaten. Er sah sie am Fenster stehen, als sie ihm nachschaute und er wusste auch heute noch nicht, ob ihre Augen feucht waren. Er war sich nur sicher, dass es keinen Weg zurück gab, wenn er nun seinen Wagen startete, dennoch drehte er den Zündschlüssel und der verlässliche aber gefühllose Motor sprang leise surrend an. Das war's nun, die Tür war zugefallen nach zehn Jahren Zusammenleben. Alles gut und richtig, wenn da nicht das bohrende Gefühl der Schuld wäre, des Versagens. Wie viel er auch vor sich selbst argumentierte, welche Gründe er auch immer sammelte, es blieb dieses lastende Empfinden ausgelassener Gelegenheiten, vertaner Chancen. Nun war es zu spät. Er hatte den Wagen gestartet und war gefahren, weg aus ihrem Leben und weg aus dem seinen...
Da war noch etwas anderes, das wie ein Feuer in ihm brannte ohne ihn zu wärmen. Nur einen schneidenden Schmerz verursachte es da, wo wohl seine Seele war (wo war das eigentlich, im Herzen, im Kopf, im Bauch, er wusste es nicht, aber er spürte es überall). Er hatte die Konten leergemacht, das Geld sichergestellt, wie er es formulierte, aber war es das? Hatte es nicht viel mehr etwas mit Diebstahl zu tun, du sollst den Witwen und Waisen nicht das Ihre nehmen...
Warum nur fiel ihm das alles nur so schwer? Da gab es doch ganz andere, die zigtausende um ihr Vermögen und ihren Lebensunterhalt gebracht hatten und nun einfach weiter machten, als wäre nichts geschehen. Er sah sie vor sich, als säße er am gleichen Tisch mit ihnen, wie sie es sich gut sein ließen mit den erlesensten Delikatessen, von denen andere noch nicht einmal den Namen kannten, in einem vornehmen Lokal, in das man ihn nicht einmal hineinlassen würde. Tausende Wanderarbeiter in China mussten heimfahren oder laufen, weil sie ihre Arbeit verloren hatten durch die Börsen rund um die Welt. Wie viele Menschen, gar nicht so weit weg, würden dieses Weihnachten knapper ausfallen lassen, weil sie nicht wussten, ob sie im Januar noch zur Arbeit gehen durften...
Ja, es gab noch andere, die in Afrika Kinder zu Soldaten rekrutierten, die mordeten und brandschatzten, und in Den Haag suchten sie noch immer die Kriegsverbrecher aus Jugoslawien. Doch was half ihm das alles? Fremde Schuld tilgt nicht die eigene. Er konnte vor sich nicht davonlaufen. Genau das hatte er in seiner Jugend den Älteren vorgeworfen: Warum habt ihr nichts dagegen getan?
Warum tue ich nichts dagegen?
Als er sich diese Frage stellte, hatte die S-Bahn ihre Endhaltestelle erreicht. Alles aussteigen, die Fahrt endet hier. Er erhob sich mühsam mit den anderen Fahrgästen, trat auf den Bahnsteig. Da sprang die Anzeige um. Der gleiche Zug würde in vier Minuten zurückfahren. Er machte kehrt, betrat denselben Wagen, setzte sich auf denselben Platz.
Aber er war nicht derselbe. Wach schaute er sich um. Jetzt stiegen junge Leute ein, die wohl in der Innenstadt noch etwas erleben wollten. Lächelnd sah er, wie die Mädchen sich schön gemacht hatten für die Nacht, auch die Jungen hatten reichlich Gel in ihre Haare gekämmt. Lautes Lachen erfüllte den Wagon. Man kann immer noch einmal von vorn anfangen, sagte ihm der fröhliche Lärm. Wie diese Jugendlichen, die noch alles vor sich hatten. Wenn er es denn wollte, wer wollte ihn hindern, ihr die Hälfte des Geldes zu überweisen? Auch wenn es keinen Weg in die Zweisamkeit zurück gab, es konnte einen Weg aus dem Zorn geben.
Als der Zug anfuhr, sah er aus dem Fenster in die sich herabsenkende Nacht. In den vorbeifliegenden Häusern wurden die Lichter angezündet. In vielen vorbei eilenden Fenstern, auf einer Menge Balkons und Terrassen glitzerten Lichterketten. Die Stadt bereitete sich auf Weihnachten vor, immer noch, im einundzwanzigsten Jahrhundert danach. Er spürte tief in seinem Bauch, wie auch in ihm ein Licht zu leuchten begann. Ein wunderbares Gefühl breitete sich in ihm aus, wie die neue Wäsche nach dem Bad fühlte es sich an, wie das Hineinlegen in das frisch bezogene Bett. Er war wie die S-Bahn, in der saß: Sie war eben eingelaufen in die Endstation, stand einen kurzen Augenblick am Bahnsteig, dann kam die Ansage und sie fuhr wieder an in die entgegengesetzte Richtung. Das, so fand er, war ein schönes Bild für den Advent, schöner noch als die Lichter der Weihnachtsmärkte.
Während draußen die Häuser vorbeiflogen, wünschte er sich von Herzen auch für die Arbeiter und Arbeiterinnen bei Karmann, Opel und Otto, in Indien und China einen Advent. Er jedenfalls wusste nun, was Advent bedeutet...
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