Engel haben keine Flügel
von
Nightwriter
Lisa´s Geheimniß
"Du Mutti. Engel haben gar keine Flügel".
Carmen sah ihre Tochter erstaunt an. "Kind, was redest du denn wieder".
"Doch" meinte Lisa "ich habs gesehen. Die haben keine Flügel. Die schweben
einfach". Ihre Mutter seufzte. "Ach Lisa. Du kannst doch keinen Engel
gesehen haben. Niemand weiß, ob es die überhaupt gibt". "Aber hast du ihn
denn nicht auch gesehen?" Lisas Augen bekamen wieder diesen Glanz, den sie
immer bekommen, wenn sie von etwas absolut überzeugt ist. "Damals, als Frau
K beerdigt wurde. Ich habe ihren Mann gesehn, wie er auf den Sarg schaute.
Dabei stand er nicht mehr auf der Erde. Er schwebte. Nur ein wenig über dem
Boden. Aber er schwebte. Und da wußte ich es. Er ist ein Engel". Carmen trat
vor ihre Tochter und faßte sie an der Schulter. "Lisa - versprich mir, daß
du das niemanden erzählst. Du weist, wie die Leute hier sind. Sie werden
sagen, du seist verrückt und dich in ein Heim stecken." Lisa umarmte ihre
Mutter und brachte nur ein kurzes "Ja" heraus.
Sie war ein sehr fantasievolles Kind, obwohl für ihr Alter von 8 Jahren
schon recht vernünftig und realistisch. Sie musste früh erfahren, daß das
Leben hart war, ja geradezu grausam sein konnte. Früher, als ihr Vater noch
da war, ging es ihr recht gut und sie machte sich nie Gedanken über die
Zukunft. Er hatte einmal angefangen etwas Geld in Aktien zu investieren.
Dabei stellte er fest, daß er hierfür ein gutes Gespür hatte. Rein intuitiv
erkannte er, welche Anlage sich lohnte. Und so kam es, daß er eines Tages
ganz zu arbeiten aufhörte, weil er durch seine Aktiengeschäfte so viel Geld
verdiente, daß seine Familie gut davon leben konnte. So hatte Lisa das große
Glück, daß beide Elternteile immer zu Hause und für sie da waren. Mehr
als fünf Jahre waren sie eine Bilderbuchfamilie. Und dann geschah es. Der
sogenannte "neue Markt" brach ein und Lisa´s Vater verlor in kurzer Zeit
sein gesamtes Vermögen. Erst jetzt, da es viel zu spät war, erkannte er das
er für solch einen Fall in keinster Weise abgesichert war. Eine Zeit lang
versuchte er, wieder Arbeit zu finden und mußte erkennen, daß sich die
Zeiten geändert hatten. Seit über fünf Jahren hatte er sich keine Gedanken
darüber gemacht, wieviele Arbeitslose es in diesem Land gab. Und nun wurde
er mit dieser gewaltigen Zahl konfrontiert. Und mit der Tatsache, daß er
selbst so gut wie keine Chance mehr hatte, wieder ins Berufsleben
zurückzukehren. Dieser Belastung war er auf Dauer nicht gewachsen. Er fing
an zu trinken und begann so, sich und seine Familie langsam zu zerstören.
Immer öfter stritt er sich mit seiner Frau, die ihm nie vorgeworfen hatte
das er nicht arbeitete, wußte sie doch daß dies nicht seine Schuld war. Aber
sie warf ihm vor, daß seine Betrunkenheit langsam zum Dauerzustand wurde.
Und gleichzeitig hatte sie Angst um ihn, denn sie sah, wie er sich selbst
aufgab. Wie der Alkohol seinen Körper kaputt machte und seinen Verstand
umbrachte. Der letzte Streit der beiden war sehr heftig. Und dabei geschah
es. Er schlug sie ins Gesicht. Ein unbewußter Reflex? Nein. Kein Reflex.
Worauf denn? Dennoch, dies hatte er nicht gewollt. Aber es war geschehen.
Nie wieder rückgängig zu machen. Über sich selbst entsetzt sah er Carmen an.
Sah den Ausdruck in ihren Augen und erkannte die grausame Wahrheit. Dieser
eine Schlag war tödlich. Mit diesem Schlag hatte er soeben ihre Liebe
umgebracht. All das Vertrauen, die Verbundenheit, Sehnsüchte und Ängste die
sie all die Jahre miteinander geteilt hatten. Ausgelöscht - mit einem
Schlag.
Carmen sah ihn immer noch stumm an. Sie war erstaunlich ruhig. Er wußte,
was er zu tun hatte. Der Rest seines Verstands, der noch nicht vom Alkohol
zerstört war befahl ihm nun, ein letztes Mal das Richtige zu tun.
Nachdem er die wichtigsten Dinge in einen Koffer gepackt hatte ging er
noch einmal durch die Wohnung. Als er in Lisa´s Zimmer kam, traten ihm
Tränen in die Augen. Seine Tochter war in der Schule und er überlegte kurz,
ob er noch bleiben sollte, bis sie nach Hause kam. Doch er entschied sich
schnell dagegen. Es würde für beide leichter sein, wenn er jetzt sofort
ging. Und so verließ er dieses Haus für immer. Mit dem Wissen, seiner Frau
und seiner Tochter eine Wunde zugefügt zu haben die, wenn überhaupt, nur
sehr langsam heilen würde. Und dann würde eine häßliche Narbe zurückbleiben.
Deshalb war es nun das Beste, für immer zu gehen um nicht noch mehr Schaden
anzurichten.
Als Lisa von der Schule kam spürte sie sofort, daß etwas Schreckliches
geschehen war. Ihre Mutter saß regungslos am Tisch, den Blick starr vor sich
hin gerichtet. Lisa rannte zu ihr und umarmte sie. "Kommt er wieder?" fragte
sie schluchzend. Sie mußte nicht fragen was geschehen war. Sie wußte es.
Instinktiv spürte Lisa, daß ihr Vater fort war und villeicht nie mehr
wiederkehren würde. Ihre Mutter schüttelte den Kopf, unfähig die Tränen zu
verbergen. So hielten sich die beiden noch lange umarmt, um sich gegenseitig
den Schmerz zu mildern.
Die Realität meldete sich bald auf grausame Art. In Form von behördlicher
Bürokratie. Als bekannt wurde, das Carmens Mann nicht mehr bei seiner
Familie sei, wurde die Sozialhilfe einbehalten. Carmen hatte schon vorher
halbtags gearbeitet und nun verdiente sie angeblich zuviel, um weiterhin
Sozialhilfe zu erhalten. Daß ihr Mann welche bekommen hatte, lag nach
Angabe der Behörde daran, daß sie damals ja eine Familie waren, mit
Anspruch auf Sozialhilfe, und nun eben nicht mehr. Die Frage ob eine Mutter
mit Kind denn keine Familie sei wurde eindeutig mit Nein beantwortet, die
wovon sie und ihr Kind nun leben sollen, wollte ihr der Beamte nicht
beantworten. Vermutlich war er mit solch einer Frage aber auch einfach
überfordert. Und so arbeitete Carmen vormittags in der Fabrik und abends,
nachdem Lisa im Bett lag, als Kellnerin. Manchmal musste sie auch am
Nachmittag arbeiten. Einerseits tat sie das gerne, da die beiden das
zusätzlich verdiente Geld gut gebrauchen konnten, andererseits bedauerte
sie, das ihre Tochter dann den ganzen Nachmittag allein war. Doch dieses
Problem sollte sich schnell lösen. Durch ihren Nachbarn. Herrn K. Ein
alter Mann, dessen Frau vor 3 Jahren gestorben war. Bei den Bewohnern der
Siedlung galt er als verrückt. Doch dies lag weniger an dem Verhalten des
Herrn K, als an der konservativ spießigen Lebenseinstellung seiner
Mitmenschen. Eben diese Menschen tuschelten auch heimlich über Lisa und ihre
Mutter. Das sei doch schließlich kein Zustand, daß die beiden so ganz allein
wohnten. Und so mancher hätte es gerne gesehen wenn man Lisa in ein Heim
gesteckt hätte, wo sie "besser aufgehoben" gewesen wäre. Einen Mann, der
Frau und Kinder schlägt, könnten diese Leute noch akzeptieren. Eine
alleinerziehende Mutter hingegen nicht. So war Carmens Sorge
daß man ihr Lisa wegnehmen würde, sollte sich eine Gelegenheit ergeben,
durchaus berechtigt. Deshalb war sie immer bemüht, dafür keinen Anlaß zu
geben. Sie verhielt sich diesen Scheinheiligen gegenüber immer freundlich,
aber distanziert. Einzig zu Herrn K hatte sie volles Vertrauen. Sie kannte
keinen Menschen, der ein so großes Herz hatte wie er. Sie mochte
diesen alten Mann. Und Lisa liebte ihn. Wie einen Vater, oder besser wie
einen Großvater. Und darüber war Carmen sehr froh. Sie selbst war ein
Einzelkind. Ihre Eltern waren beide bei einem Autounfall ums Leben gekommen.
Lisa hatte sie nie kennengelernt. Die Eltern ihres ehemaligen Mannes
wanderten noch vor ihrer Heirat nach Amerika aus und hatten seither nichts
mehr von sich hören lassen. So kam es, daß die beiden keine direkten
Verwandten mehr hatten.
Es waren noch sechs Wochen bis Weihnachten und Carmen hatte vor, Herrn K
einzuladen, so wie im letzten Jahr. Damals hatte er Lisa eine kleine
Engelsfigur aus Holz geschenkt, die er selbst geschnitzt hatte. Lisa hatte
ihn gefragt, ob es denn sehr schwer sei, so einen Engel zu schnitzen und
Herr K antwortete: "Nein. Man nimmt einfach ein Stück Holz und schneidet
alles weg, was nicht wie ein Engel aussieht". Da mußte Lisa lachen. Sie
lachte auf eine Art, wie sie es nicht mehr getan hatte, seit ihr Vater fort
war. Und dies war für ihre Mutter das schönste Weihnachtsgeschenk, daß sie
sich wünschen konnte. Für keinen Diamanten, für keine teure Perlenkette
hätte sie dieses Lachen eingetauscht. Lisa war glücklich und ihre Mutter
auch.
Die meisten Abende verbrachte Herr K damit, zu lesen und bei dieser
Gelegenheit einigen Weinhändlern zu mehr Umsatz zu verhelfen. Da man eine
solche Tätigkeit so gut wie überall tun kann, tat er dies auf Carmens Wunsch
in deren Wohnung. An den Abenden, an denen Carmen arbeitete. Es beruhigte
sie zu wissen, daß Lisa nicht alleine zu Haus war. An diesem Abend wurde
Herr K unruhig. Das Lokal in dem Carmen arbeitete hatte schon seit einer
Stunde geschlossen, und sie war noch nicht zurück. Er rief dort an und
erfuhr, daß etwas Schreckliches passiert sei. Einige betrunkene Gäste seien
in Streit geraten. Dabei habe einer einen Glasaschenbecher geworfen, der
Carmen so unglücklich am Kopf traf, daß sie sofort
bewußtlos zu Boden sank. Als der Krankenwagen eintraf, hatte sie das
Bewußtsein noch nicht wiedererlangt. Mehr konnte der Wirt ihm nicht sagen.
Herr K rief trotz der späten Stunde im Krankenhaus an und erfuhr, das Carmen
noch immer ohne Bewußtsein sei. Man könne sich dies gar nicht erklären. Er
beschloß hierzubleiben und auf der Couch zu schlafen. Morgen würde er es
Lisa behutsam erklären und dann würden sie zusammen ins Krankenhaus fahren.
Als Lisa am nächsten Morgen in die Küche kam sah sie verwundert die
eingeschaltete Kaffeemaschine. War ihre Mutter denn schon aufgestanden?
Normalerweise schlief sie um diese Zeit noch, wenn sie am Abend zuvor
arbeiten war. Diese Verwunderung wich einem Erstaunen, als sie ins Eßzimmer
kam und dort Herrn K erblickte, am Tisch sitzend, eine Tasse
Kaffee vor sich. Lisa sah seinen Blick, der nichts Gutes erahnen ließ.
Sofort lief sie zum Schlafzimmer ihrer Mutter. Als sie sah, daß das Bett
unbenutzt war, bekam sie Angst. Als sie sich umdrehte, stand Herr K vor ihr.
"Was ist passiert, wo ist sie?" Als Herr K Lisas Augen sah, diese großen,
hilfesuchenden Augen, da fiel es ihm schwer zu sprechen als er ihr sagte:
"Sie ist im Krankenhaus. Sie hatte einen Unfall gestern Nacht". "Schlimm?"
flüsterte Lisa und sah ihn flehend an. In diesem Augenblick wurde Herrn K
klar, daß er alles in seiner Macht stehende tun würde, um den beiden zu
helfen. Er mochte sie sehr, diese beiden Menschen, die nichts hatten, ausser
sich selbst. Keine Verwandten mehr, keinen Besitz. Lebten von den
spärlichen Einkünften Carmens und waren doch immer gut gelaunt und
zufrieden. Denn sie hatten das Wertvollste, was Menschen haben können. Ihre
gegenseitige Liebe.
"Ich weis es nicht. Wenn du willst, fahren wir gleich dorthin" antwortete
Herr K. Lisa nickte zustimmend. Es war dieses typische, heftige Kopfnicken
eines Kindes, das damit sagen will: Ja, ja das will ich. Nur das. Und jetzt
sofort. Herr K führte Lisa an der Hand und sie gingen zur Bushaltestelle.
Dies war einer der Momente, in denen Lisa fest glaubte Herr K sei ein Engel.
Sie glaubte es, weil sie es glauben wollte und dadurch war es für sie wahr.
Sie war nun ganz ruhig. Keine Nervosität, keine Angst mehr, als sie im Bus
zum Krankenhaus fuhren. Lisa wußte, daß nun alles wieder gut werden würde.
Jetzt konnte nichts mehr passieren. Nicht, da sie von ihrem Schutzengel
begleitet wurde.
Im Krankenhaus begleitete sie eine Schwester in die Intensivstation. Schon
seit dem Betreten des Hauses hielt Lisa sich an Herrn K´s Hand fest. Nun,
als sie ihre Mutter sah, wurde ihr Händedruck stärker. Geradezu ein
Festkrallen. Als ob sie in eine Tiefe stürzen könnte und diese Hand der
einzige Halt sei, der sich ihr bot. Die Schläuche und Kabel, die den Körper
ihrer Mutter mit den lebenserhaltenden Geräten verbanden, machten ihr Angst.
Auch Herr K sah besorgt auf diese reglose Gestalt. Der Blick in die Augen
der Patientin ließ ihn nichts Gutes ahnen. Er hatte diese Gabe, Dinge
intuitiv zu erkennen. Und so kannte er die Wahrheit schon, als ein Arzt
hereinkam. Der fragte Herrn K zuerst, ob er mit der Patientin verwandt sei.
"Nicht im rechtlichen Sinn" gab dieser zur Antwort und verursachte damit ein
Stirnrunzeln seitens des Arztes. "Also
nicht" sagte der dann trocken und erklärte Herrn K, daß er ihm dann keine
Auskunft geben dürfe. "Dies ist ihre Tochter" sagte Herr K und zeigte auf
Lisa. "Diesem Kind kann ich schon allein aus Rücksicht keine Auskunft
geben." sagte der Arzt leise. Dabei sah er Lisa an, die sich mit beiden
Händen an Herrn K´s Arm festhielt. Und dann beschloß er, jetzt nicht das zu
tun, was Recht ist, sondern das zu tun was richtig ist. Lisa löste ihre
Hände nur ungern von Herrn K, als der mit dem Arzt den Raum verließ. Draußen
sprach dieser dann das Wort aus, das Herr K hoffte, nicht hören zu müssen.
"KOMA".
Er war nicht überrascht es zu hören. Trotzdem entsetzt, das ihm die
Wahrheit , die er bereits kannte, bestätigt wurde. Als er vorhin Carmens
Augen sah wußte er, daß ihr Geist nicht mehr in dieser Welt war. Diesen
Zustand nennen die westlichen Mediziner "Koma". In Herrn K wurden
Erinnerungen wach. Erinnerungen an seine Jugend, an einen Urlaub in den USA.
An ein prägendes Erlebniß in Wyoming. Durch Zufall wurde er Zuschauer eines
von dort lebenden Indianern abgehaltenen Sonnentanzes. Er sah, wie Männer
bis zur Erschöpfung tanzten, dabei immer wieder in ihre Adlerpfeifen
bliesen. Drei Tage lang. Und in diesen drei Tagen durften sie weder essen
noch trinken. "Warum tun diese Männer das, wofür nehmen sie soviel Schmerz
und Strapazen auf sich?" fragte Herr K einen Indianer, der ebenfalls unter
den Zuschauern war. Dieser gab ihm bereitwillig Auskunft. "Damit ihre Gebete
erhört werden". Herr K wurde nachdenklich. "Aber die könnten doch auf
leichtere Art für sich beten" sagte er leise. "Keiner dieser Männer betet
für sich selbst." wurde ihm erklärt. "Jeder betet nur für andere. Für
Familien und Verwandte. Sie beten für das ganze Jahr und für die ganze Welt.
Für Menschen, die hungern. Für Menschen, die mißhaldelt werden. Sie opfern
sich damit sich auf Mutter Erde alles zum Guten wendet. Der Sonnentanz lehrt
einem Demut. Man lernt was es heißt, selbstlos zu sein". Herr K lauschte
diesen Worten voller Neugier. Er ließ sich alles über den Sonnentanz
erklären. Und als Athaba, sein Gesprächspartner, ihn einlud, eine Zeit lang
mit ihm im Reservat zu leben, nahm er dies gerne an. Er unterhielt sich mit
allen Bewohnern dort. Am meisten mit dem Medizinman. Und er war erstaunt,
wie weise diese einfachen Leute doch waren. Er lernte viel über deren
Kultur. Und je mehr er über diese Menschen erfuhr, umso größer wurde sein
Respekt vor ihnen. Diese Menschen würden niemals irgendetwas aus Profitgier
tun. Sie kannten keine Gier. Aber sie würden alles tun, um einem
Mitmenschen, der in Not ist, zu helfen.
Herr K unterhielt sich gerade mit dem Medizinmann, der ihm erklärte: "Ich
kann niemanden heilen. Jeder Mensch heilt sich selbst. Dafür hat der große
Geist gesorgt. Nur ist manchmal ein Mensch zu schwach, die Krankheit zu
vertreiben. Und dann helfe ich ihm daß er stark genug wird, wieder gesund zu
werden". Da kam eine Frau zu ihnen. Sie schien sehr in Sorge und
erzählte ihnen daß "kleiner Stern", ihre Tochter, vor zwei Tagen
eingeschlafen und seither nicht mehr aufgewacht sei. Herr K durfte den
Medizinmann begleiten als der zu dem Mädchen ging. Sie lag auf Fellen
gebettet. Die Augen offen, aber ohne jegliche Reaktion. Ihr Atem war ruhig
und gleichmäßig, als ob sie schliefe. Der Medizinmann sah sie nachdenklich
an. "Was hat sie?" fragte Herr K. "Ihr Geist hat diese Welt verlassen. Ich
muß versuchen, ihn zurückzurufen" murmelte der Medizinmann und kniete sich
neben das Kind. Herr K hatte Gelegenheit, ihm die nächsten 11 Stunden
zuzusehen, wie er ungewöhnliche und für westliche Menschen unverständliche
Dinge tat. Und dann bewegten sich die Augen des Mädchens.
Sie wachte auf. Ihr Geist war zurückgekehrt. Dieses Erlebniß würde Herr K
sein Leben lang nicht vergessen. Dieses Bild, als die Mutter ihr Kind in die
Arme schloß, und Perlen des Glücks über ihre Wangen liefen.
Der Tag darauf war für Herrn K der Tag des Abschieds. Er mußte zurück nach
Deutschland. Obwohl er diese Menschen nur zwei Monate kannte, fiel ihm der
Abschied so schwer, als seien es seine Brüder und Schwestern. Der
Medizinmann gab ihm ein Amulett und sagte: "Nimm dies Geschenk von mir mit
in deine Welt". "Danke" sagte Herr K. Dabei sah er erst den Medizinmann,
dann die Anderen an. Ihnen allen fühlte er sich zu Dank verpflichtet. Er
dankte ihnen für das Geschenk, für die Zeit die er bei diesen wundervollen
Menschen verbringen durfte und für die tiefe Erkenntniss, die er durch diese
Leute erlangt hatte. Eine Erkenntniss, die fortan seine Leben bestimmen
sollte. Er sprach diesen Dank nicht laut aus. Er sah diese
Menschen an und sie konnten seinen Dank hören. Sie hatten diese Fähigkeit,
ins Innern eines Menschen zu sehen und seine wahren Gedanken zu erkennen.
Eine Fähigkeit, die Herr K von ihnen gelernt hatte.
Er spürte ein Zerren an seinem Arm. Er sah hin, aber dort war nichts. Das
Zerren wurde stärker. Wieder sah er hin und erkannte Lisa, die ihn heftig am
Arm zog. Er brauchte eine kurze Zeit, um sich zu orientieren. Es war so, als
ob man aus dem Schlaf geschreckt wird und zuerst nicht weiß, wo man ist. Der
Arzt war inzwischen fort. Herr K hatte nicht bemerkt, wie er
gegangen war. Er war schon zu tief in Gedanken versunken gewesen. "Was
sollen wir denn nun tun?" Lisas Blick war voll Vertrauen. Sie war absolut
überzeugt, daß Herr K alles wieder in Ordnung bringen würde. Nur er konnte
das. Schließlich war er ein Engel.Und nur Lisa wußte dies. "Deine Mutter ist
sehr müde. Wir müssen sie ein wenig ausruhen lassen. Und wenn sie in sieben
Tagen noch nicht erwacht ist, dann kommen wir wieder und wecken sie auf."
Lisa nickte zustimmend und sie gingen nach Hause. Jeden Tag schauten sie im
Krankenhaus vorbei. Aber Carmens Zustand blieb unverändert. Auch am 23.
Dezember, dem siebten Tag. Nun war es soweit. Herr K mußte es versuchen. Er
hatte gehofft, das es nicht soweit kommen würde. Er würde es versuchen, aber
er hatte große Angst, daß es mißlingen könnte. Schließlich hatte er sowas
noch nie gemacht. Hatte nur einmal dabei zugesehen. Und villeicht war der
Erfolg damals ja nur ein Zufall.
Alles war vorbereitet. Er hatte mit dem Arzt geredet und die Erlaubniß
erhalten. Dieser hatte der Stationsschwester angewiesen, die beiden nicht zu
stören, solange die Patientin nicht wirklich in Gefahr wäre. So traten Herr
K und Lisa neben Carmens Bett. Jeder auf eine Seite. Dann sprach er zu Lisa:
"Der Geist deiner Mutter ist nicht mehr in dieser Welt. Deshalb kann sie
nicht aufwachen. Wir müssen ihn jetzt zurückrufen" Er legte ein Amulett auf
Carmens Brust. Es war das Amulett, das ihm vor vielen Jahren dieser
Medizinmann geschenkt hatte. Dann wies er Lisa an, ihrer Mutter eine Hand
auf die Stirn zu legen und mit der andern die Hand ihrer Mutter zu halten.
Sie tat dies ohne nach dem Grund zu fragen. Das alles kam ihr sehr seltsam
vor, aber sie wußte, daß Herr K das Richtige tat. Neben dem Krankenbett
knieend flüsterte er Carmen ins Ohr. Lisa verstand nicht, was er sagte. Er
schien eigentlich gar nicht zu sprechen. Es war eher ein leises Zischen. Wie
das Rauschen des Windes. Nach einer Weile sagte er zu Lisa sie solle nun zu
ihrer Mutter sprechen. "Du mußt mit ihr reden. Erzähl ihr Dinge, die sie in
guter Erinnerung hat". Lisa nickte und begann ihrer Mutter ins Ohr zu
flüstern. Herr K verließ die Station nachdem er Lisa angewiesen hatte, erst
damit aufzuhören, wenn er zurückkommt.
Und Lisa erzählte. Sie erzählte von den vielen schönen Stunden, die sie
beide erlebt hatten. Von den Momenten, in denen sie glücklich waren. Dabei
merkte sie, daß es gerade diese kleinen, unscheinbaren Dinge waren, die sie
beide glücklich machten. Spaziergänge im Frühling. Wie sie mit ihrer Mutter
morgens Vögel und Schmetterlinge beobachtete, und Abends die Sterne. Wie sie
damals dieses Kaninchen gefunden hatten, dessen Bein gebrochen war. Sie
brachten es zum Tierarzt. Und als es wieder gesund war, brachten sie es
wieder dorthin, wo sie es gefunden hatten. Dies alles: Momente des Glücks.
Lisa wurde sich bewußt, daß sie die beste Mutter auf der Welt hat.
Herr K setzte sich so vor die Glaswand der Station, daß Lisa ihn sehen
konnte. Er wußte nicht, wann er wieder hineingehen mußte. Es konnte eine,
zwei oder auch zehn Stunden dauern. Wenn der Zeitpunkt gekommen war, würde
er es wissen. Er fürchtete, daß Lisa dieser Prüfung nicht gewachsen sein
würde. Das alles war eine sehr schwere Belastung für dieses Kind.
Aber Herr K vertraute darauf, daß Lisa´s Liebe zu ihrer Mutter ihr die
nötige Kraft geben würde. So saß er eine Zeitlang da, leicht gebückt, die
Hände locker auf den Knien. Wie ein Pferdekutscher, der gerade Pause macht.
Er konnte jetzt nichts mehr tun außer warten. Warten bis der große Geist ihm
sagen würde, wann es Zeit ist. Er glaubte nicht an den großen Geist in dem
Sinne, wie es die Indianer taten. Er glaubte auch nicht an einen dreieinigen
Gott, wie es die westlichen Christen taten. Aber er glaubte daß es da
irgendeine höhere Macht gab. War es denn wichtig, wie man die nannte?
Etwas über sieben Stunden saß er so da. Dann war es soweit. Er hörte keine
Stimme, er hatte keine Vision. Er wußte einfach, das jetzt die Zeit gekommen
war. So ging er zurück zu Lisa, die imer noch zu ihrer Mutter sprach und
sehr erschöpft wirkte. Als er sich neben das Bett kniete, hörte sie auf zu
sprechen. Dann begann Herr K Carmen ins Ohr zu flüstern. Wieder dieses
Rauschen des Windes, das kurz zu einem Sturm anschwoll um dann wieder
abzuflauen zu einem ruhigen, erfrischenden Herbstwind. Dazwischen flüsterte
er immer wieder den Satz: "Komm zurück, Lisa wartet auf dich". Das ging fast
eine halbe Stunde so, dann spürte Lisa einen leichten Druck in ihrer Hand
und ihre Mutter öffnete die Augen. Ziemlich verwirrt blickte sie sich um.
Als sie Lisa sah, lächelte sie. Diese fiel ihr freudenstrahlend um den Hals,
soweit dies in dem Krankenhausbett möglich war und begann zu weinen. Tränen
des Glücks spülten nun den Schmerz und die Strapazen fort. Die
Stationsschwester kam hereingerannt. Die Kontrollinstrumente hatten bei
Carmen einen starken Anstieg von Blutdruck, Puls und Atemfrequenz angezeigt.
Ein normaler Vorgang, wenn ein Mensch aus dem Schlaf erwacht. Das Unnormale
daran war nur, daß dieser Schlaf über acht Tage gedauert hatte. Die
Schwester sah sie fassungslos an und murmelte immer wieder: "Das ist
unmöglich, ein Wunder, ein Wunder". Der Arzt, der inzwischen herbeigeeilt
war wirkte weniger erstaunt. Für ihn war die Tatsache, daß ein Mensch aus
dem Koma erwacht nichts Ungewöhnliches. Die Umstände, die in diesem Fall
dazu führten, schon eher. Etwas nachdenklich sah er Herrn K an. Doch er war
überzeugt davon, daß dies ein Zufall war und die Patientin so oder so
aufgewacht wäre.
Nachdem bei Carmen noch einige Tests gemacht wurden und Nachwirkungen
auszuschließen waren, durfte sie am nächsten Tag nach Hause. Es war der 24.
Dezember.
Während sie gemeinsam den Weihnachtsbaum schmückten erzählte Lisa ihrer
Mutter ganz aufgeregt, wie Herr K ihren Geist, der weit fort war, wieder
zurückgerufen hat. "Das war sehr wichtig. Denn sonst hättest du immer
geschlafen und nicht aufwachen können" sprach sie mit einer so ernsten
Miene, daß ihre Mutter lächeln mußte. "Siehst du Mutti, ich hab es doch
gewußt. Herr K ist ein Engel"."Lisa!" sagte Carmen mit vorwurfsvollem
Blick. "Keine Angst Mutti. Ich erzähl das schon niemandem. Das bleibt mein
Geheimniß" . Es klingelte an der Tür. Lisa öffnete. "Fröhliche Weihnachten"
rief Herr K und trat ein.
24. Dezember irgendwo in Deutschland:
Ein kleiner Raum mit einem geschmückten Baum. Keine Geschenke, keine Gans,
kein Festmahl. Nur drei Menschen. Drei glückliche Menschen.
© Nightwriter - Weihnachten 2003
Fröhliche Weihnachten diesen dreien und allen, die sie verstehen.
Kommentare
***Lunas Magic Place*** schrieb am 2010-12-04 23:17:30:
Eine wunderschöne Geschichte ...vielen Dank an den Verfasser.. Wünsche allen einen schönen 2. Advent. Liebe Grüße
Lunas Magic Place
carpediem1977@gmx.de schrieb am 2008-12-13 20:36:58:
eine wunderschöne Geschichte......
mentele@biochem.mpg.de schrieb:
Wow,beim Lesen bekam ich Tränen in die Augen...soooo schön
Nightwriter@stories4you.de schrieb:
WICHTIG - In eigener Sache - der Autor:
Meine HP und mail-adresse sind inzwischen nicht mehr gültig. Leider hab ich keine Möglichkeit sie zu korrigieren, da mails an SP unbeantwortet bleiben. Deshalb hier auf diesem (derzeit einzig möglichen) Weg:
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