Enigma 2
von
Lilith
1
2
Hoffnungsvoll warteten sie – worauf wussten sie nicht. Die Geschichten über das Orakel waren weit verbreitet und uralt, und niemand konnte mehr mit Sicherheit sagen, ob es nur Gerüchte, Legenden, oder wahre Begebenheiten waren.
Als Stella auf die Welt gekommen war, hatten sie vor Verzweiflung nicht mehr weiter gewusst, doch je mehr Geschichten sie über das Orakel gehört hatten, desto entschlossener waren sie geworden – sie mussten es finden.
Sie hatten nicht viel Zeit gehabt, und der Weg war voller Gefahren gewesen, doch nun waren sie hier, hatten es endlich geschafft.
„Soleil!“ Luné schrie erschrocken auf, als das Wasser des Sees über die Ufer trat. Sie zerrte den Alb mit nassen Füßen zum Waldrand; und zusammen blickten sie auf den brodelnden See.
Die Feen flohen in den Wald und Luné klammerte sich an Soleils Arm, als sich plötzlich die Oberfläche des Wassers in der Mitte des Sees teilte – das Wasser spritzte zu allen Seiten – und ein Wesen, etwas größer als ein Mensch, zum Vorschein kam.
Bald schon beruhigte sich das Wasser, und zog sich wieder vom Ufer zurück, so dass sich Luné und Soleil wieder vor trauten – ohne jedoch die Augen von dem vollkommen aus Wasser bestehenden Wesen zu nehmen.
Es war eine Frau.
Als Soleil sich gefasst hatte, und realisiert hatte, was geschehen war, verbeugte er sich tief und kniete sich vor den See, den Kopf gesenkt. Luné sah ihn verwirrt an, verbeugte sich aber schließlich auch, kurz und hastig und hielt das Kind immer noch an sich gedrückt.
„Ihr seid es wirklich...“, sagte Soleil schwach. „nicht wahr? Das Orakel...“
Die Frau schwebte näher an das Ufer, das Wasser mit ihr. Ihre Augen sahen liebevoll auf sie herab, ein beruhigendes Lächeln im Gesicht.
„Verbeug dich nicht vor mir, Soleil... Sonne“, sagte sie mit einer klaren, klingenden Stimme.
„Ihr habt einen langen Weg hinter euch, viele Gefahren habt ihr überstanden, und allein das ist Grund genug für mich, euch euren Wunsch zu erfüllen.“
„Woher wisst Ihr...“, begann Luné schwach.
Das Wesen beugte sich zu ihr, stupste sie mit seiner Nase an, und hinterliess eine angenehme Kühle auf Lunés Haut. Die hellblauen Augen sahen die Menschenfrau an, weich, wie eine Mutter ihr Kind ansieht.
„Nicht umsonst nennt man mich Orakel, Luné... Mond.“ Dann berührte sie mit ihren langen, schlanken Fingern das Symbol auf Stellas Stirn. „Stella... Stern. Ich freue mich, dich endlich kennen zulernen.“
„Bitte helft uns!“, sagte Luné laut. „Wir wissen nicht, was wir tun sollen, Ihr seid unsere einzige Rettung!“
Das Wesen glitt zurück ins Wasser, verschwand bis zu den Knien.
„Ich sagte bereits, dass ich euch helfen werde.“ Ihre Augen ruhten immer noch auf dem Kind. „Gebt mir Enigma, ich werde sie beschützen, werde sie aufziehen....“
Luné seufzte. „Ich danke Euch.“ Sie umarmte Stella noch einmal fest, und reichte sie dann dem Orakel, es blieb keine Zeit für einen langen Abschied.
„Ihr werdet euch nicht zum letzten Mal gesehen haben, das verspreche ich euch“, sagte das Orakel, als sie Lunés nassen Wangen bemerkte.
Soleil und Luné nickten bedrückt.
„Und jetzt noch...“ Das Wesen, strich Stella durch die silbernen Haare, und blies ihr
sacht auf die Stirn.
„Die Haare werden Gold, und das Stigma verschwindet, so kann sie unter den Alben und den Menschen leben, ohne erkannt zu werden.“
Luné und Soleil sahen traurig zu, wie Stellas kurze, silberne Haare immer dunkler wurden, und dann in einem wunderschönen Gold schimmerten, während das Zeichen auf ihrer Stirn langsam verblasste.
Es war das Beste, das Klügste das sie machen konnten.
Sie sahen Stella vor sich, ein kleines, normales Kind, mit blonden Haaren und runden Ohren, wie ein Mensch, so schwach und zierlich, und es viel ihnen schwer, den Blick von ihr zu nehmen.
„Was werden wir jetzt tun?“, fragte Soleil. „wir müssen uns verstecken“
„Auch daran habe ich gedacht“ Das Orakel beugte sich wieder zu ihnen vor, hauchte einen eisigen Atem auf ihre Haut und flüsterte fremde Wörter.
Als die Welt um Luné und Soleil verschwand, hörten sie ein letztes Mal ihre Stimme:
„Ihr werdet euch wieder sehen“
Doch dann hüllte ein undurchdringlicher Nebel sie ein, und zog sie fort, fort in die Nacht.
16 Jahre später
„Schnell, schnell, schnell!“
Stella band sich hastig die Haare zusammen und klopfte ihr Kleid ab, während ihre Freundin an der Tür auf sie wartete.
„Du hast es schon wieder vergessen, stimmt´s?“, Glasperle strich sich wütend die Strähne zurück, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte, und trommelte ungeduldig mit den Fingern an dem Holzrahmen der Tür.
„Kann doch mal passieren!“
Sie konnte im Spiegel sehen, wie Glasperle die Augen verdrehte.
„Ich habe dir seit drei Jahren immer wieder die wichtigsten Feiertage vorgehalten, aber du vergisst sie alle!“, sie verschränkte die Arme. „Und das jedes Jahr!“
Sie hörten das Trappeln der Schritte auf dem Flur. Überall herrschte große Eile und die Straßen waren wieder mal kaum begehbar, so verstellt waren sie von den Zuschauern.
„Bestimmt sehen wir nicht mal den Kopf von dem Prinzen! Wie jedes Jahr!“
Stella humpelte ungeschickt auf einem Bein durch den Raum, als sie sich ihre Sandalen anzog.
„Letztes Jahr – Uah!“, sie verhedderte sich in den auf dem Boden verstreuten Klamotten, und versuchte armrudernd das Gleichgewicht zu behalten.
Glasperle half ihr und warf ihr einen bösen Blick zu.
„Letztes Jahr hat Dorn ihn netter weise einmal hochgehoben, aber mehr als einen kleinen Punkt konnten wir vom Dach des Obstladens auch nicht ausmachen!“, beendete sie Stellas angefangenen Satz.
„Meine Güte!“, Stella prüfte noch einmal ihre Frisur und ignorierte dabei nervös die Strähnen, die ihr ins Gesicht fielen. „Es ist doch bloß ein kleines Kind!“
„Sei still!“ Glasperle strich ihr die Haare hinter die Ohren und zerrte sie dann in den Flur und auf die Straße. „Du hast einfach keinen Respekt!“
Stella zog eine Grimasse und stolperte fluchend hinter ihr her.
Sie kannte sich in wirren Straßen und Nebengassen immer noch nicht aus, wusste noch immer nicht, wie man von einem Ort zum anderen gelangte, ohne sich zu verlaufen.
Und obwohl drei Jahre eine lange Zeit war, fühlte sie sich unter den Alben und Kobolden, Feen, Nymphen und anderen Kreaturen immer noch nicht wohl.
Es kam ihr merkwürdig vor zu sehen, mit wie viel Abneigung sie von vielen Augen betrachtet wurde. Ein Mensch. Ein widerwärtiges und eigensüchtiges Wesen, gierig und skrupellos, ohne jedes Gewissen.
Glasperle ignorierte die Blicke, die auch auf ihr ruhten. Sie war selten missgelaunt, und trug fast immer ein Lächeln auf dem Gesicht.
Glasperle hatte sich ihrer angenommen, als sie plötzlich in der Nähe des Schlosses gefunden wurde, allein und schutzlos. Was davor geschehen war wusste Stella nicht mehr. Es war wie ein dunkles Loch, mitten in ihren Erinnerungen, ihren Gedanken.
Wer hatte sie großgezogen? Wie war sie in diese Stadt gelangt? Wer war sie eigentlich?
Nur ihr Name war noch da gewesen, klar und
1
2
Kommentare
Lilith schrieb am 2006-12-12 12:00:43:
Ne, kenn ich nich... weiss nur, dass das die erste frau von adam war und nun die freundin von luzifer...
Nymphe schrieb am 2006-12-10 11:43:20:
Ich habe deine Geschichte noch nicht gelesen - was ich aber jetzt machen werde -,
aber du kennst nicht zufällig das Buch Lilith, das Christoph Marzi geschrieben hat ?
Nun ja, viele liebe Grüße
Nymphe :o)
Kommentar hinzufügen