Enumin - 3. Erinnerungen
von
Sin
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Es dauerte wirklich eine Weile, bis er das registriert hatte, was Sivanica soeben gesagt hatte. Und einen weiteren Augenblick brauchte dieses Wissen, um überhaupt verstanden zu werden. "Was hast du gesagt?", er musste doch noch einmal fragen. Das, was er soeben geglaubt hatte zu hören, wollte in seinem Bewusstsein nicht so ganz angenommen werden. "Dieser Ort trägt den Namen: die Ruinen von Heidelberg. Viel mehr kann ich dir leider auch nicht sagen. Vor vielen Tausend Jahren hatten hier viele Menschen gewohnt. Es muss eine gewaltige Katastrophe passiert sein, dass es so weit kommen konnte, wie es jetzt ist. Die Ruinen sind tot. Nur die widerspenstigsten Lebewesen können überhaupt hier für kurze Zeit leben."
Vor vielen Tausend Jahren? Er musste wirklich in einer anderen Welt sein. Vielleicht ein Paralleluniversum? Trace schüttelte den Kopf. Das konnte doch gar nicht sein! Diese Geschichte hatte sich irgendwann einmal ein Mensch mit einer ganz besonders stark ausgeprägten Fantasie ausgedacht. Es war praktisch nicht möglich, dass es so etwas wirklich geben konnte.
"Nein, das kann nicht meine Heimatstadt sein!", sagte er trotzdem ganz ruhig und scheinbar überzeugt. In seinem Inneren sah es ganz anders aus. Die wirrsten Theorien schwirrten ihm durch den Kopf und ihn überkam ein kurzes Gefühl von Trauer. Vielleicht hatte er tatsächlich eine Zeitreise gemacht, wie auch immer das von statten gegangen sein soll. Vielleicht war er tatsächlich in einem Paralleluniversum gefangen. Wie er es sich auch erklären wollte, es kam nur Schwachsinn dabei heraus. "Es tut mir leid, dass ich dir nicht helfen kann.", sagte Sivanica in ernstem Ton. Sie stand von ihrem Sessel auf. Sie hatte einen Mantel aus einem äußerst seltsamen Stoff an, wie er erst jetzt bemerkte. Er war von einem besonders dunklen Blau und schien das Licht geradezu aufzusaugen, das auf ihn fiel und eine schwere Kapuze hing am Kragen des Mantels. Das an sich wäre ja nicht allzu merkwürdig gewesen, wäre nicht der seltsame kaum wahrnehmbare Schimmer, der den Stoff zu umgeben schien und eine seltsame Kraft ausstrahlte, gewesen. Man spürte kaum etwas, und überhaupt nur, wenn man der Aura ganz nah war, aber da war ganz eindeutig etwas!
Das Mädchen nahm den Teller wieder mit, aus dem er die Suppe gelöffelt hatte und verschwand kurz hinter dem Vorhang, der scheinbar eine Trennwand zwischen Küche und Wohnzimmer war. So langsam wurde Trace wirklich neugierig, was hier eigentlich los war!
Er stand von seinem Sessel auf und folgte dem Mädchen in die Küche. – Oder besser gesagt, er wollte ihr folgen. Als er den Vorhang beiseite schlagen wollte, der den Raum dahinter vollkommen abschirmte, stellte er fest, dass dieser so hart wie Stein war. Er rührte sich keinen Millimeter, nicht mal, als er mit aller Kraft daran zerrte und riss. Fassungslos starrte er den Vorhang an. Er war eindeutig aus gewöhnlichem Stoff, aber so hart und stabil wie Diamant. "S– si– Sivanica! Wa– was ist das hier?" Der Vorhang wurde beiseite geschlagen und war wieder ein ganz normaler Vorhang. "Du meinst den Vorhang, stimmts?", fragte Sivanica. Trace schaute sie kurz an. "I– ich meine Alles hier! Das ganze hier, diese verdammte Grünwüste, oder wie auch immer man den Ort hier nennt! Was geht hier vor? Erklärt es mir doch endlich mal jemand!" Sivanica seufzte.
"Es scheint zu stimmen, was man erzählt." Sivanica schien kurz nachzudenken. "Ich weiß nicht genau, wie ich es dir erklären soll, aber es waren schon andere hier, die wie du von einem Ort kamen, der irgendetwas mit Enumin zu tun haben schien, aber doch scheinbar ganz anders war. Deine Heimatstadt nennt sich Heidelberg. Es ist bestimmt kein Zufall, dass dieser Ort die Ruinen von Heidelberg genannt wird. Ich weiß nicht, ob es ein Heidelberg irgendwo in Enumin gibt, es könnte durchaus sein, aber... wenn dies die Ruinen sind, dann war das hier vor langer Zeit vielleicht das Heidelberg, das du meinst." "Sehe ich so anders aus, dass du sofort sagen kannst, ich würde von einer anderen Welt stammen?" Sivanica schaute ihn auf eine ganz seltsame Weiße an. "Würde es dir besser gefallen, wenn ich mit Sicherheit sagen könnte, dass dies die tausend Jahre alten Ruinen deiner Heimat sind? Außerdem... mir ist nicht entgangen, dass du den einfachen Abblendzauber nie in deinem Leben gesehen zu haben scheinst." Sie hatte sicherlich erwartet, dass Trace erst einmal verdutzt dreinschauen würde. Er war nahezu entsetzt. "Ein Zauber? Ein richtiger Zauber?" Er wusste sofort, was mit diesem Abblendzauber gemeint war. Diese unnatürliche Schwärze, die er für ein einfaches Loch im Boden gehalten hatte. Sie war einfach zu unnatürlich gewesen, um nicht doch künstlich – jetzt also magisch, wie er eben gerade gehört hatte – entstanden zu sein. "Es soll tatsächlich so etwas wie Magie und Hexen und so weiter geben?" Fast schon ängstlich zog Trace seine Hand von dem seltsamen Vorhang.
"Ja, ich dachte mir bereits, dass du von Magie noch nie gehört hast. Auch hier ist sie eine besondere und mächtige Gabe und doch ist sie allgegenwärtig. Manche Leute können die magische Energie spüren, oder sehen sie sogar. Die meisten jedoch nicht. Sie sehen das Resultat, aber die energetische Spannung und die Macht, die dahinter verborgen ist, die bleibt ihnen vorenthalten. Ich weiß wirklich nicht, wo Leute wie du her kommen, aber man trifft sie hin und wieder."
Er war also wirklich in einer anderen Welt. Er war in einer Welt, die genau das war, was in so vielen Fantasiegeschichten beschrieben wurde. Es gab sie also wirklich. – Und irgend jemand hatte schon von ihr gehört, oder sie gar gesehen und konnte den Menschen in seiner Welt davon erzählen. So waren dann wohl all die fantastischen Geschichten entstanden. Er war fast selbst erstaunt, wie schnell er diese logischen Schlüsse zog, als ihm klar wurde, dass es also auch einen Weg zurück geben musste. Er wusste nicht, wie er hier her gekommen war, aber er würde auf jeden Fall schnellstmöglich von hier verschwinden.
Als hätte Sivanica tatsächlich seine Gedanken gelesen, sagte sie mit einem mitfühlenden Gesichtsausdruck: "Wo du auch her kommst, du wirst wahrscheinlich nie wieder zurück finden. Man sagt, ihr habt hier keine Erinnerungen." Irgendwie fühlte sich Trace durch Sivanicas letzte Worte angegriffen, auch wenn sie überhaupt nicht so gemeint waren. So reagierte er viel aggressiver, als er es eigentlich wollte. "Woher willst verdammt du das wissen. Du weißt nicht einmal, wo hier überhaupt ist! Diese weisen Sprüche sind mir eine große Hilfe, vielen Dank! Aber ich weiß dass ich zurück kann und ich werde mich jetzt auf den Weg machen!" Er wollte das was er soeben gesagt hatte, sofort in die Tat umsetzen und aufbrechen, doch Sivanica legte ihm eine Hand auf die Schulter und hielt ihn mit sanfter Gewalt zurück. Ein Schauer lief durch seinen Körper. "Ich will dich nicht verletzen, ich will dir höchstens helfen." Trace schlug ihre Hand von sich, drehte sich aber dennoch zu ihr um.
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Kommentare
Nymphe schrieb am 2007-02-20 15:36:41:
Hallo Sin,
bis jetzt bin ich nur dazu gekommen den 1. Teil zu lesen, und habe das Gefühl, das du ein Stück aus dem Buch ..Die unendliche Geschichte" von Michael Ende reinrührst - was ich nicht mit Sicherheit behaupten kann, da ich den Rest ja noch nicht gelesen habe -, doch ist es nur eine Feststellung, also versteh nich bitte nicht falsch.
Jetzt werde ich aber erst mal anfangen zu lesen, werde mich dann in den kommenden Geschichten wieder zu Wort melden.
Bis bald, Nymphe
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