Enumin - 5. Kapitel - Fahrall und Ios
von
Sin
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[Ich hab lange nichts mehr hier rein gepostet, und arbeite eigentlich hauptsächlich auf meiner Homepage, aber zwei Kapitel hab ich immerhin noch für euch.]
Es war ein seltsamer, aber unvergesslich schöner Anblick. Sie waren beide bis in das kühle Meerwasser gerannt und erst stehen geblieben, als ihnen das Wasser bis zu den Waden reichte. Vollkommen wortlos, war Sivanica noch ein paar Schritte gegangen. Während sie lief, hob sie die langsam die Arme, als wollte sie etwas vom Himmel entgegen nehmen. Es war unglaublich Still. Das einzige Geräusch kam von dem angenehmen Rauschen des Meeres. Es war kein wirklicher Laut, der die Stille brach, sondern hatte eher etwas, das sie noch verdeutlichte. Was dann einige Sekunden später geschah, würde Trace nie wieder vergessen. Der Anblick war einfach zu schön.
Flirrende, in allen Farben des Regenbogens schillernde, pure Energie stieg in einem geringen Abstand von Sivanica auf. Das Wasser wurde von der Barriere aus Energie davon gedrückt, so dass Sivanica schon bald auf trockenem Meeresboden stand. Die Wellen brachen sich an einer nahezu unsichtbaren magischen Mauer. Man hörte zu dem Rauschen des Meeres noch einen anderen, fremdartigen Laut. Er war ähnlich einem starken Wind, der an hohen Felsklippen entlang schrammte und ging von der Energie aus, die Sivanica hauchdünn in einer Säule aus Magie einschloss. Man hätte das Phänomen teilweise mit der schillernden Oberfläche einer Seifenblase vergleichen können. Mit dem roten Abendhimmel und der schon fast gesunkenen Sonne im Hintergrund hatte der Moment etwas unbeschreiblich wundervolles an sich. Trace wusste nicht, was eigentlich geschah, er stand nur da, und war von diesem Anblick überwältigt. Die Luft war geladen. Man konnte es richtig fühlen. Jedes einzelne Häärchen auf Trace Haut stellte sich elektrisiert auf. Aber es war nicht unangenehm. Es war ein angenehmes warmes kribbeln, welches sich beinahe unnatürlich schön anfühlte.
Sivanica hatte noch immer die Hände erhoben und mehr und mehr Energie baute sich um sie herum auf. Es ging eine beachtliche Wärme von ihr aus. Einige Momente blieb sie in dieser Position stehen und ließ die Magie um sich herum einen wundervollen Tanz vollführen. Irgendwann ließ Sivanica schließlich die Hände fallen und legte den Kopf in den Nacken. Einen Sekundenbruchteil später gab es einen merkwürdigen dumpfen knall.
Es war mehr ein Druck, als wirklich ein Geräusch und es klang irgendwie irreal, fand Trace. Die Säule aus flirrender Energie explodierte in Milliarden und Abermilliarden von kleinen orange leuchtenden Funken, die nahezu schwerelos schienen und jetzt überall in der Luft hingen. Nur langsam fielen sie nach unten. Das Wasser, welches die ganze Zeit über von einer unsichtbaren Kraft zurückgedrängt worden war, fiel klatschend und Wellen schlagend wieder in sich zusammen und tauchte Sivanicas Füße wieder in das kühle Nass.
Trace streckte seine Hand aus und ließ ein paar der leuchtenden Funken auf sie fallen. Sie waren warm, nicht heiß. Wenn sie die Haut berührten, zerplatzen sie wie Wassertropfen und lösten sich dann langsam in Rauch auf. Die Energie war trotzdem nicht verschwunden. Sie verklang langsam. Aber sie war noch immer spürbar. Die geladene Luft verzerrte die Sicht, wie es die heiße Luft in der Wüste, oder über einem Feuer tat.
"Wow!", mehr konnte Trace noch nicht sagen. Und allein dieser Ausdruck war nur schwer über seine Lippen gekommen. Er war wirklich sprachlos. Es war nicht nur einfach das schönste, was er je in seinem Leben gesehen hatte, sondern er hatte das Gefühl, den Ursprung der Existenz gesehen zu haben. Er konnte gar nicht sagen, woher er diesen Gedanken auf einmal nahm, aber das Gefühl war so intensiv, dass er es nicht einfach abtun konnte.
"Was war das?", fragte Trace schließlich. Langsam drehte sich Sivanica zu ihm um. Sie war die ganze Zeit über mit dem Rücken zu ihm gestanden und hatte das Wunder vollbracht. Sie sah sehr erschöpft aus. Sie sah so erschöpft aus, dass Trace vor sprang und Sivanica in letzter Sekunde noch daran hindern konnte, einfach umzufallen. Sie hatte die Augen geschlossen und atmete schwer. Trace hob sie auf seine Arme und lief mit ihr ein paar Meter bis zum trockenen Strand. Dort lud er sie ab und blickte besorgt in ihr Gesicht. Da sie glücklicher Weise wirklich noch atmete, machte er sich keine Sorgen darum, dass sie wieder aufwachen würde. Sie hatte scheinbar einen kleinen Kreislaufzusammenbruch. "Geht es dir wieder gut?", fragte Trace, als Sivanica langsam wieder die Augen aufschlug.
"Ich hab es einfach schon zu lange nicht mehr getan. Ich hab mich wohl etwas übernommen.", antwortete sie mit einem schwachen Lächeln. Erleichtert atmete Trace aus. Er war besorgter gewesen, als er selbst geglaubt hatte. "Es geht schon wieder." Tatsächlich hatte sie sich kurz darauf wieder weitestgehend erholt.
"Ich hoffe mal, es hat dir gefallen!", sagte sie lächelnd. "Willst du mich auf den Arm nehmen?", fragte Trace scherzhaft. "Das war das schönste, was ich je in meinem Leben gesehen habe! Was war das genau? Wie hast du das gemacht?" Sivanica ließ ein paar Sekunden verstreichen, ehe sie antwortete. "Weist du, ich hab nicht ohne Grund genau diesen Zauber vorgeführt. Er macht nichts anderes, als Magische Energie zu konzentrieren und dann vom Zaubernden abzuschirmen. So reflektiert, kann man sie sehen. Sie ist überall. In der Luft, im Wasser, um und in uns oder im Boden.
Alles besteht aus ihr. Trotzdem haben nur ganz wenige die Fähigkeit, Magie auch zu kontrollieren. Ich habe nie bisher jemanden getroffen, der diese Macht hatte. Außer dir jetzt." Trace sah Sivanica schon fast erschrocken an. "Was? Ich hab doch keine magischen Fähigkeiten!", sagte Trace vollkommen überzeugt. "Oh doch, die hast du ganz sicher. Du kannst konzentrierte Magie spüren und sogar sehen. Das bedeutet ganz automatisch, dass auch du in der Lage bist, einen Teil der magischen Energie zu kontrollieren. – Wenn auch zuerst vielleicht nur mit Hilfe des Buches. Aber das Buch ist sowieso ständig bei dir. Das hast du bestimmt auch schon selbst bemerkt."
In der Tat hatte sich Trace des öfteren darüber gewundert, wo eigentlich die ganze Zeit das Buch her kam. Er hatte es seit dem Vorfall in der Bushaltestelle nie mehr wirklich mitgenommen. Es war einfach immer da gewesen. Aber wo war es jetzt? Gerade, als Trace das fragen wollte, sah er vor sich im Sand das kleine in schwarzes Leder gebundene Buch liegen. Er hob es auf und stellte mal wieder fest, dass es warm war.
"Ich habe dir schon gesagt, dass ich dir fast nichts über das Buch sagen kann. Niemand bekommt es eigentlich zu Gesicht. Doch da, ist es immer." Die Rätselsprache war wohl etwas, an das sich Trace gewöhnen musste, solange er noch hier war. Wobei er sich wohl demnächst auf den Weg nach Hause machen würde. Also hatte sich das eigentlich erübrigt. "Wenn es einen Herrscher gibt, dann gehört ihm solange das Buch, bis er verstirbt.
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