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Kategorien > Trauriges > Gedanken

Erinnerungen - Der Spiegel

von Sanyadriel

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Der Spiegel

Die Dunkelheit dieser Nacht war allgegenwärtig. Die schwere Finsternis war so real, dass man sie schon fast körperlich greifen konnte, man musste nur die Hand danach ausstrecken. Wie ein schweres, undurchdringliches Leichentuch erstickte sie jedes noch so kleine Geräusch.
Seine Schritte waren ohnehin so leise, dass kaum jemand sie vernahm, auch wenn er sich, wie jetzt keine Mühe gab leise zu sein. Aber in diesem Moment wollte er weder gesehen noch gehört, noch gestört werden. Alles was er verlangte war Ruhe und Einsamkeit. Schwermut hatte sich seiner Seele bemächtigt und er wollte in Trauer darin schwelgen.
Die Tür quietschte lang und unangenehm hoch. Das Laute Geräusch brannte sich schmerzhaft in seine Ohren ein, dann zog er das Tor ruckartig wieder zu, dass ihm keine Gelegenheit mehr blieb noch einmal so zu schreien.
Der Raum war noch immer stockfinster. Ohne etwas erkennen zu können trat er ein. Muffige, abgestandene Luft schlug ihm entgegen, der Staub der Jahrzehente hatte sich auf den abgedeckten Möbeln, den Regalen und den kleinen Spinnenweben niedergelassen, wie ein Drache, der seinen Schatz bewacht.
Ein einzelner, schwacher Lichtstrahl hatte sich vom silbernen Vollmond gelöst und fiel durch das offene Fenster in den rabenschwarzen Raum. Wie heißer Draht durch Butter fraß sich das matte Licht, gleich einem Hoffnungsschimmer durch die Finsternis und traf auf eine glatte, spiegelnde Oberfläche.
Lustlos, desinteressiert ging er auf den sperrigen Gegenstand in der hintersten Raumecke zu, der nun in so fahles Mondlicht gehüllt war. Wo war nur seine Neugier geblieben? Sein Antrieb für so vieles, was er erlebt hatte. Wann machte alles Neue keinen Unterschied mehr? Wann hatten Entdeckungen ihren Reiz verloren?
Mit einer überschwänglichen Geste riss er das weiße Tuch von dem großen Objekt. Gleich tausend Schnee- flocken rieselte der Staub hinab, glitzernd wie Diamanten im blassen Licht, während das Leinen einer Feder gleich hinter ihm lautlos auf dem Boden aufschlug. Noch mehr Staub wirbelte auf.
Er starrte auf die glatte Oberfläche eine alten Spiegels. Seine langen, behaarten Finger trafen auf das kalte, unnachgiebige Glas. Kalt und hart, wie sein Herz. Wo war nur seine Lebensfreude geblieben? Sein Antrieb für so vieles, was er erlebt hatte. Wann machte das Gute keinen Sinn mehr? Wann hatte die Schönheit ihren Reiz verloren?
Er starrte auf den Spiegel. Kleine. braune Augen unter buschigen, schwarzen Brauen, sie blickten hohl und leer. Irgendwann hatten sie ihren Glanz verloren, die Sterne, die immer darin zu schimmern schienen. Blasse Haut auf der sie ersten Falten sichtbar wurden. Die Stirn war einmal glatter gewesen, die Augen straffer und der Mund nicht so hängend. Eingefallene Wangen und eine krumme, etwas zu große Nase. Ein ungepflegter Vollbart, das lange, krause Haar war noch schwarz. Aufregung, Wut und die Zeit hatten einige Strähnen an den Schläfen grau gefärbt. Breite, blasse Lippen unter dem Bart verborgen.
Er starrte auf den Spiegel. Er wusste, wie alt er mittlerweile aussah. Er war jetzt sechsunddreißig, aber müde, wie ein Greis. Wo war nur sein Temperament geblieben? Der Antrieb für so vieles, was er erlebt hatte. Wann brachte der Humor keine Aufmunterung mehr? Wann hatte das Feuer seine Hitze verloren?
Enttäuscht, verbittert, vielleicht auch wütend drehte er sich von dem Spiegel weg. Tränen brannten hinter seinen Augen, aber er weinte nicht. Er hatte ebenso aufgehört zu weinen, wie er aufgehört hatte zu lachen. Es machte keinen Unterschied mehr welche Emotion er zeigte, sie waren alle gleich hohl, alle gleich falsch geworden.
Er schluckte die Wut, die Enttäuschung und die Trauer über seinen Verlust herunter, wie einen Kloß im Hals. Aber das dumpfe Gefühl in der Brust blieb. Ein tiefer Schmerz, den weder Schönheit noch Hässlichkeit, weder Lust noch Alkohol zu lindern vermochten.
Langsam verließ er den kleinen Raum. Unter seinen Füßen knarrte das Holz, als würde es mit ihm leiden. Er konnte es ebenso überhören, wie das klägliche Schreien des Kindes neben an. Wo war nur sein Mitgefühl geblieben? Der Antrieb für so vieles, dass er erlebt hatte. Wann machten die Menschen keinen Unterschied mehr? Wann hatte die Aufrichtigkeit ihre Bedeutung verloren?
Draußen warteten seine so genannten Freunde. Sie wussten nichts von seiner Veränderung. Er lächelte, wie immer. Er scherzte, wie immer. Er hatte Spaß, wie immer. Er benahm sich wie immer. Nur dass seit jenem Tag nichts mehr war, wie immer.

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