Erinnerungen an das Vergessen
von
Tommy Stone
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Als der alte Mann an der Haltestelle aus der Tram stieg, brachte der nass kalte Wintertag, mit seinen schweren tiefhängenden dunkelgrauen Wolken, einen fast noch trostloseren Ausdruck hervor als in den vergangenen Tagen. Zu beiden Seiten war die Straße von mächtigen und hohen Gebäuden umgeben, in denen einige Geschäfte und Kaufhäuser ihre Waren verkauften. Durch die grauen Fassaden wirkten die Häuser wie eine bedrohliche Welle auf ihn, die alles zu verschlingen drohte, nicht einmal die Werbeschilder und lichter ließen die Gegend freundlicher wirken.
Den Filzhut hatte er tief in sein zerfurchtes und faltiges Gesicht gezogen und seinen Kragen hochgeschlagen, doch der löchrige und ausgewaschene Mantel war eben schon zu oft benutzt worden, als dass er ihn vor der Feuchtigkeit und Kälte schützen konnte.
Sein Ziel war ein kleines Geschäft, welches so ziemlich alles verkaufte, was er zum Leben benötigte und ungefähr in der Mitte der Fußgängerzone lag. Die Menschenmasse, welche dicht gedrängt und rücksichtslos sich durch die Straßen schob, hinderte den Mann keineswegs sein Ziel nach kurzer Zeit zu erreichen, im Gegenteil er hatte in den 72 Jahren, in denen er in der Stadt wohnt, gelernt sich in dem Tumult schnell und sicher zu bewegen.
Nachdem der alte Mann den Laden erreichte und diesen betrat, zog er seine Einkaufsliste aus seiner rechten Innentasche. Das Innere des Geschäftes wurde durch wenige Neonröhren in einem kalten Licht erhellt, die Aschgraue Farbe blätterte von den Wänden und die Regale waren von tiefen Kratzern übersäht die mehrere Farbschichten freilegten.
Der Alte erinnerte sich noch gut wie er hier mit seiner längst verstorbenen Ehefrau einkaufen war, sie brauchte keinen Zettel mit Notizen, denn sie wusste genau was sie brauchte, sie wusste immer alles. Die Frau die ihn fast sein ganzes Leben begleitete war eines Morgens nicht mehr aufgewacht. Das bleiche makellose Gesicht, welches von der aufgehenden Frühlingssonne gestreift wurde ging ihm nicht mehr aus dem Gedächtnis. So friedlich ist sie gestorben, ohne sich zu verabschieden…
Er wischte die Tränen mit einem durchnässten Taschentuch ab und musste gleichzeitig an seine Kinder denken. Weder seine beiden Söhne noch seine Tochter hatten ihn in den letzten Jahren besucht. Sie haben ihre eigenen Familien und finden keine Zeit mehr für einen alten Mann. Nur noch vergilbte und von Falten übersähte Bilder, die in der Wohnung des Mannes hingen, erinnerten an die einst schönen Zeiten die diese Familie gehabt hatte. Jetzt lebt jeder sein eigenes Leben.
Er packte die Milch, Butter, Brot und Wurst in eine Tüte, zahlte und ging auf die Straße zurück. Die Menschenmasse schob sich noch dichter gedrängt durch die Straße und die Gebäude schienen noch größer und bedrohlicher geworden sein. Er bahnte sich den weg zurück zur Haltestelle, bei der ein Obdachloser ihn um ein wenig Geld bat. Der Alte steckte ihm ein Geldstück zu und betrat die gerade ankommende Tram. Es roch Innen inzwischen modrig wegen den nass gewordenen Möbeln durch die Passagiere.
Nach einigen Minuten als die Bahn hielt, verlies der Mann diese und ging zu dem grauen Block in dem auch seine Wohnung war. Er öffnete die Eingangstüre zum Gebäude, ging in den 4. Stock und sperrte die Türe zu seiner Wohnung auf und trat ein. Das Essen verstaute er in der Küche, streifte dann seinen Mantel ab, hing ihn zum trocknen auf und setzte sich anschließend in den Sessel vor dem Fernseher.
Es sind immer noch dieselben Einrichtungsgegenstände wie sie es seit der Hochzeit mit seiner Frau waren. Sie hatte diese Crèmefarbenen Möbel geliebt, sowie das helle Holz und den schlichten Stil. Sie strahlen immer noch eine Gewisse Freude aus, auch wenn die Gegenstände schon sehr alt sind, nämlich die Lebensfreude seiner Frau, die ganzen Erinnerungen an sie…
Schon seit Jahren war es derselbe Alltagstrott, nichts änderte sich, die Einsamkeit und Hilflosigkeit, sowie die Angst vergessen worden zu sein von der Welt. Er lehnte sich zurück in seinen Sessel mit der Gewissheit, dass sich sein Leben nicht mehr ändert, das Leben eines alten Mannes…
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Kommentare
steiner_th@web.de schrieb am 2009-11-18 10:39:00:
Ich bedanke mich sehr für Ihren Kolmmentar, ja es stimmt schon, dass es nicht gerade eine aufbauende Geschichte ist. Ich bin exakt 50 Jahre jünger als Sie und wollte gleichaltrigen zum Nachdenken anregen, da viele ältere Menschen und auch deren Leistungen, was sie in Ihrem Leben vollbracht haben, gerne von uns jüngeren vergessen werden.
MfG Thomas
michael@kobrow.com schrieb am 2009-10-22 15:56:35:
Warum so deprimierend Tommy? Mach mit Deinem Talent zu schreiben den Alten Mut. Es wäre schön, uns alten Leuten eine Zukunft, wenn auch nur träumend. Ich bin 72 Jahre und lese noch älteren Geschichten vor. So habe ich Deine gefunden.
Heimiko
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