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Kategorien > Essay > Trauer

Erkenntnis

von Stefanie Zobel

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Plötzlich warst du nicht mehr da.
Dein Weggehen hinterließ ein großes Loch in meinem Herzen. Mein Kopf, unfähig diese Leere aufzunehmen, schien zu platzen. Als Tränen quoll die Gedankenlosigkeit aus meinen Augen.
Doch der Schmerz ließ sich nicht wegspülen. Er wird immer da sein.
Aber auch du wirst für mich niemals aufhören zu existieren. Ich erinnere mich gerne an Dich, auch wenn dieser Schmerz dann wieder zu spüren ist. Mal stärker, mal schwächer, mal in liebevoller Erinnerung, mal mit Wut im Bauch, weil du nicht mehr da bist.

Ich sehe dich noch genau vor mir, mit deinem für dich so typischen Grinsen, deinen Gesten, die zu dir gehörten wie die Farbe deiner Augen.
Manchmal passiert es mir, dass ich meine, ich hätte dich irgendwo gesehen. Inmitten der vielen anderen Menschen auf der Straße. Ich möchte auf dich zulaufen, dich in die Arme nehmen und spüren, dich nie mehr gehen lassen. Aber wenn sich dann eine fremde Person umdreht, bin ich enttäuscht und spüre wieder diesen Stich in der Magengegend, auch wenn ich in meinem tiefsten Inneren weiß, dass du niemals wiederkommen wirst.

Der Gedanke tut so weh.

Am Anfang war er so schmerzhaft, dass ich glaubte, daran zu zerbrechen. Dann kamen auch noch diese Vorwürfe gegen mich selbst: hätte ich dich doch besser behandelt, wäre ich doch netter zu dir gewesen...
Aber wer kann schon einen anderen Menschen täglich so behandeln, als würde dieser morgen nicht mehr wieder kommen?
Ich hätte dir doch tausend Dinge sagen, dich noch tausend mal für irgendwelche Kleinigkeiten um Verzeihung bitten, dich noch tausend mal in den Arm nehmen wollen, und dir mindestens noch einmal sagen, dass ich dich liebe.

Damals, als du gegangen bist, dachte ich, unsere Zeit sei zu kurz gewesen. Jetzt aber ist mir klar geworden, dass die Zeit niemals zu kurz ist. Auch in einen Tag passt eine Menge Liebe und Hass, Verständnis und Ohnmacht, Freude und Trauer hinein. Das habe ich endlich begriffen. Es war ein langer Weg dahin, aber du warst bei mir und hast meine Hand gehalten, wenn ich stolperte und hinfiel oder meinte, nicht mehr weiter zu können. Dafür danke ich dir.

Wenn ich jetzt an deinem Grab stehe, muss ich oft weinen. Aber ich tue es mit der Erkenntnis, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden, dass du mich mit deinem verschmitzten Lächeln und offenen Armen empfangen wirst.
Wer weiß, vielleicht wird es schon morgen sein, vielleicht aber auch erst, wenn ich alt bin. Aber ich weiß, du wirst da sein und auf mich warten.

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