Erstes Date mit Hindernissen
von
Michael Reißig
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Schon von Kindesbeinen an war Marcel ein Pechvogel ohne Gleichen. Mutter Natur hatte es nicht besonders gut mit ihm gemeint. Mit seinen viel zu breiten Schultern, dem rundlichen Gesicht mit der viel zu großen unförmigen Schniefnase war der Rotgelockte bereits in der Schule aus allen Wolken gefallen. Im Sportunterricht gab der mopplige Trauerkloß zahllose Kostproben seines fatalen Könnens ab. Der Bock lachte schon von weitem, als er sah, wie das Dickerchen ihm taumelnd auf die Pelle rückte. Doch Marcel musste vor diesem „Monstrum“ kapitulieren. Verständlich, dass er mit fünfunddreißig Kilo Übergewicht keinen Bock auf den Bock hatte. Auch der elastischen Hochsprunglatte sollte nichts anderes übrig bleiben, als sich unter seiner klumpigen Masse zu vergraben um so wenigstens mal ihre Bruchfestigkeit unter Beweis stellen zu können. Seine Mitstreiter bekamen Lachanfälle und „würdigten“ ihn mit „Schlappi, Schlappi“-Rufen. Diesen Spitznamen hatte Marcel natürlich seinen „außerirdisch anmutenden Bewegungen“ zu verdanken, woran er sich längst gewöhnt hatte. Die Begeisterung des Sportlehrers über die „phänomenalen Turnkünste“ seines Zöglings hielten sich freilich in Grenzen. Marcel gab ihm oft die Gelegenheit, seine Stimmbänder vor dem Einrosten zu bewahren. Dass Schlappi auch am runden Leder nicht mit Rastellieinlagen brillieren konnte, war von vornherein klar. Lediglich wenn er zwischen den Pfosten des kleinen Handballtores stand, fühlte er sich in seinem Element und verschaffte sich mit seiner fülligen Masse gehörigen Respekt. Selbst die sichersten Schützen brachte der Breite schier zur Verzweiflung.
Aber nicht nur im Sport hatten es seine Mitschüler auf ihn abgesehen. Da er wegen seiner Schwerfälligkeit das meiste nicht geschnallt hatte, war er des öfteren auf dem Boden der Realität unsanft gelandet. Lediglich im Deutschunterricht konnte ihm kaum einer etwas vormachen. Die Kunst, geniale Worte wie Pfeile zu verschießen und mit diesen auch noch zu jonglieren, hatte schon von Geburt an in seinen Genen gesteckt.
Dennoch musste das „gebrannte Kind“ viele gemeine Streiche über sich ergehen lassen. Da er mit zunehmender Dauer immer wehrhafter wurde, ergriffen die Lehrer immer mehr für seine Peiniger Partei. Warum nur! Hatten die ausgebrannten Pädagogen vielleicht selbst Angst Opfer gezielter Attacken zu werden, wenn sie Marcel schützend unter die Arme greifen würden?
Mit der Außenseiterrolle im Gepäck, konnte sich Schlappi nur schwer abfinden. Und auch die Mädchen der 10 a würdigten Marcel keines Blickes. Eine Ausnahme bildete die rothaarige Ines. Nur allzu gern hätte sie einen netten jungen Mann in ihren Armen liegen, mit dem sie Pferde stehlen könnte. Auch ihr Leib war von Speckröllchen gezeichnet. Bei passender Gelegenheit, wanderten ihre vor Sehnsucht glimmenden Augen klammheimlich in das Gesicht des Dicken. Aber auch Ines war viel zu schüchtern und wollte auf keinen Fall in die Schusslinie notorischer Stänkerer geraten. Schon deshalb hatte das Mädchen keinen Mumm, Schlappi anzusprechen, geschweige denn bei ihm anzubändeln, Mit Hängen und Würgen quälte Marcel sich durch das Schuljahr – schaffte aber dennoch den Realschulabschluss. Doch die reale Angst, niemals aus seinem eigenen Schatten springen zu können, geisterte nahezu täglich durch seinen Kopf.
Nach einem Berufsvorbereitendem Jahr im „Internationalen Bund für Jugendsozialarbeit“, fand sich für den Hochsensiblen endlich die passende Gelegenheit, um die Sau mal so richtig rauslassen zu können. Dank exzellenter Deutschkenntnisse und nicht zuletzt wegen seiner ansprechenden mathematischen Leistungen, war es ihm gelungen, eine Lehrstelle in seinem Traumberuf zu ergattern. Bereits einen Monat später riss Marcel den Lehrvertrag, der ihm den steinigen Weg zum Einzelhandelskaufmann ebnen sollte, freudestrahlend in die Luft, obwohl er sich mit einer überbetrieblichen Ausbildung „anfreunden“ musste, die in der Beliebtheitsskala der meisten Arbeitgeber leider auf der untersten Stufe angesiedelt worden war.
So ganz nebenbei wollte er auch noch den Führerschein machen. Doch da kam die zappelige Art des Dickerchens mal wieder so richtig zur Geltung. Die theoretische Prüfung schaffte er erst im zweiten Anlauf, die praktische sogar nur im dritten. Als er die lang ersehnte „Pappe“ endlich fest in der Hand hielt, wollte seine Freude keine Grenzen mehr kennen. Geduldig graste er sämtliche Autohäuser der Region ab und entschied sich nach längerem Suchen für einen preiswerten dunkelroten Renault Clio. Zwar hatte der schon sechs Jahre auf dem Buckel und ein kaum wahrnehmbares Beulchen grinste zaghaft von der Motorhaube, was der Freude jedoch keinen Abbruch tat. Zur Jungfernfahrt hatte er seine Eltern eingeladen. Eine Beifahrerin existierte leider noch nicht. Sein Herzenswunsch– sich an ein ruhiges einfühlsames weibliches Wesen anschmiegen zu können, wollte einfach nicht in Erfüllung gehen. Doch wie sollte er das am besten anstellen? Ein Mädchen auf offener Straße anquasseln und das bei dieser Schüchternheit? Um Himmels Willen! Doch Marcel war auf der Suche nach anderen Möglichkeiten. Erwartungsfroh blätterte er im Anzeigenteil der hiesigen Regionalzeitung.
„ Die wollen doch alle nur die größten Rosinen herauspicken“, dachte Schlappi im Stillen und pfefferte nach knapp einstündiger Suche das stinkenlangweilige „Wurstblatt“, in den fetten Papierkorb. Marcel hörte in sich hinein. „Wenn ich kein Schlappi mehr sein will, muss ich die Probleme mit den Frauen endlich in den Griff bekommen und zweitens müssen überflüssige Pfunde schnellstens purzeln.
Richtig. Zwar war diese Einsicht reichlich spät gekommen, zum Glück aber noch nicht zu spät. Marcel grub tiefe Denkfalten in seine Stirn. Im Internet muss es doch auch noch 'was geben?
Getrieben von neuer Hoffnung, schaltete er seinen Laptop ein und surfte durch das Internet. Partnervermittlungen gab es zwar wie Sand am Meer. Bei einigen lohnte es sich aber genauer hinzuschauen. Nicht wenige unserer „braven biederen Geschäftsleute“, hatten selbst vor grausigem Seelenschmerz keinen Halt gemacht und tief in die Trickkiste gegriffen, damit die Kassen „endlich“ wieder mal so richtig klingeln konnten. „Aber nicht mit mir!“, geistert es entschlossen durch den Kopf des Spätzünders.
„Normalerweise müsste es eine Partnervermittlung für Menschen geben, die unter ihrer chronischer Schüchternheit wahnsinnigst leiden. Warum ist denn keiner in der Lage, das Loch dieser echten Marktlücke zu stopfen?“, fragte sich Marcel besorgt.
Aber die Früchte seiner Engelsgeduld sollte er doch noch ernten. Nach längerem Surfen im Netz, war er auf eine Partnervermittlung gestoßen, in der speziell Menschen mit Handicaps die Gelegenheit gegeben wurde, sich mit ihrer Visitenkarte auf dem Bildschirm zu präsentieren. Marcel hatte die Gunst dieses Augenblickes genutzt und in Blitzeseile sein Profil angelegt. Dass dafür ein Jahresbetrag in Höhe von zwanzig Euro fällig war, hatte ihn kaum gestört. Dieses war
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