Erstes Date mit Hindernissen
von
Michael Reißig
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spitzen Zungen immer wieder den Anlass dazu gaben. Von Minute zu Minute wurden die Moppligen immer gesprächiger und konnten so den Ärger - wenigstens für einige Minuten – aus ihren Grauzellen verbannen. Doch die Zeit kannte kein Erbarmen. „Verflixt, ich wollte dich doch mit einem tollen Rosenstrauß überraschen! Ich Dusel hab' den prompt im Auto liegen gelassen!"
„Ist doch nicht so schlimm“, beruhigte Marion ihren „lieblichen Schussel“. Kann doch passieren bei dieser Anspannung“, sagte das Mädchen mit ruhiger Stimme.
Die beiden kamen sich immer näher, doch die Zeit saß ihnen im Nacken.
Marcel nahm gefühlvoll Marions linke Hand. Händchen haltend schlenderte das Pärchen dem Bahnhof entgegen. Bis zur Abfahrt des Zuges sollten nur noch spärliche zehn Minuten verbleiben.
Marcel legte seinen linken Arm über ihre Schultern und seine zärtliche Hand kraulte einfühlsam ihren Nacken. Ein leises Kribbeln warf erste Lachfältchen in ihr Gesicht. Seine Stirn näherte sich Zentimeter für Zentimeter ihrer und auch Schlappis Mund wollte in den wichtigsten Sekunden seines Lebens natürlich nicht schlapp machen. Er spitzte seine Lippen, aber auch „Entchen“ formte ihre Lippen so, dass einem Verschmelzen beider Lippenpaare nichts im Wege stehen sollte. Wie es bei Schüchternen nun mal usus war und auch noch ist, geschah das fast immer im Zeitlupentempo, nicht aber, dass beide anliefen wie vollreife Tomaten. Das "Angsthäschen" wolllte wieder einmal an „Entchen“ schnuppern, und beweisen, dass es auch noch ein Wörtchen mitreden konnte, denn ihr Kopf stehlte sich plötzlich von ihrem davon. „Nicht mit mir!“, sagte sich Marcel, der mit Hilfe seiner linken Hand den hochroten Kopf des Mädchens einfach an sich heran schob. „Hab' doch keine Angst. Bin ganz vorsichtig!“ flüsterte er ihr zärtlich ins Ohr. Um Vertrauen bei Marion zu wecken, hauchte er ein zartes Küsschen auf ihren kirschroten Schmollmund. Marcel atmete erleichtert auf. Endlich – jetzt endlich schien der Bann gebrochen zu sein. Viele trockene Küsschen landeten fortan auf ihren sinnlichen Lippen.
„Du machst das prima, so gefühlvoll... und bist auch noch so zärtlich!“, geriet Marion ins Schwärmen. „Jetzt aber bist du dran!“, bittete Marcel höflich, aus dessen Gesicht ein verlegenes Lächeln huschte. Zitternd schob sie den Jungen an sich heran. Irgendeine unsichtbare Gestalt musste Marion Dopingmittel verabreicht haben –denn das Mädchen presste ihre Lippen und die immer heißer werdende Zunge so fest an seinen Mund, dass er gar nicht mehr wusste, was mit ihm geschehen war. Auf einen Kuss folgte schon ein anderer – ein noch viel viel schönerer. Marcel konnte kaum noch genug davon kriegen. Als ihre Hand noch zärtlich über seinen Rücken wanderte, spürte er zum ersten Male in seinem noch so jungen Leben dieses wahnsinnige Kribbeln, von dem er so oft schon geträumt hatte. Wie ein Knäuel klebten die frisch Verliebten aneinander. Eine Menschentraube wälzte sich durch die Unterführung und drängte die beiden auseinander. Gemächlich rollte der blitzende Triebwagenzug in den Bahnhof ein – für Marion und Marcel aber immer noch viel zu schnell. Am liebsten würden die beiden sich an den Zeiger der Uhr hängen, um diesen anzuhalten „Wie wärs, wenn ich Dich am nächsten Wochenende besuche?“, wünschte sich Marcel sehnlichst.
„Würde mich riesig freuen!“, antwortete Marion knapp. Ein kurzer Abschiedskuss, ein kleines Tschüss und dann kletterte Marion in den Waggon. Die rechte Hand warf sie spontan an ihren Mund, um mit einem symbolischen Abschiedskuss noch mal "Auf Wiedersehen" zu sagen. In diesem Augenblick rollte der Zug an. Marcel winkte ihr noch einige Sekündchen hinterher. Der Zug wurde kleiner und kleiner, bis er in einen Wald tauchte und schließlich ganz aus seinen wehmütigen Augen entschwand.
Wochen und Monate sind vergangen. Marion und Marcel genießen das innige Glück einer trauten Zweisamkeit. Mögen die beiden Glücklichen nun endlich Boden unter den Füßen gewinnen und nicht wieder solche „Böcke“ schießen wie früher in der Schule an ihren „Lieblingsgeräten“. Doch was wäre aus den beiden Pechvögeln geworden, wenn es diese Plattform im Internet nicht gegeben hätte? Schwer zu sagen. Vermutlich hätten sich zwei „Chancenlose“ in ein Mauseloch verkrochen und wären aus diesem nie wieder herausgekommen. Zu jedem Topf gehört nun mal ein passender Deckel. Viel zu lange waren die beiden auf der Suche und hatten sich nun endlich gefunden. Wurde auch höchste „Eisenbahn“ - die hoffentlich die beiden nicht mehr im Stich lassen wird – so wie an jenem denkwürdigen Tage geschehen, den sie bestimmt im Kalender noch rot ankreuzen werden.
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