Es erwachte
von
Faenor
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Es erwachte in vollkommener Finsternis, wusste nicht, ob es sehen konnte, wusste nicht, ob es schon immer gelebt hatte oder erst in diesem Augenblick geboren wurde, wusste nicht, ob es in traumlosem Schlaf geschwommen war, oder ob der Tod vor dem Leben es festgehalten hatte. Sein Geist war leer, ohne eine einzige Erinnerung, ganz und alleine von diesem einen Moment des Erwachens erfüllt. Hatte es vergessen, oder gab es nichts, wessen es sich zu erinnern gab? Hatte es jemals etwas besessen, was es hätte vergessen können?
Es begann zu fühlen. Einen Körper, eine Hülle, ein Gefängnis? Etwas bewegte sich. Die schwache Hand schloss und öffnete sich, ein Bein versuchte sich zu beugen, doch stiess es an ein Hindernis. Ein starker Schmerz schoss durch sein Fleisch, seine Sinne, ein dumpfes Geräusch erfüllte für einen kurzen Augenblick seinen Kopf. Unwillkürlich keuchte und hustete es, etwas löste sich aus seinem Hals, es begann zu atmen. Stickige, warme Luft drang in seinen Körper, seine Lungen brannten. Die Dunkelheit wand und schlängelte sich. Vor Übelkeit öffnete es die Augen, doch die undurchdringliche Schwärze blieb unverändert. Furcht und Verstörung wechselten sich rasend schnell ab, er fühlte, wie das Blut durch seine Adern gepumpt wurde, spürte, wie sein Herz hämmerte. Sein Körper bebte vor Schmerzen, unbekannten Gefühlen, zitterte vor Angst, Verwirrung und Hilflosigkeit. Wieder wollte er sich bewegen, und wieder schlugen seine Beine an ein Hindernis. Es war eingeschlossen. Es fühlte, wie die Luft immer dünner wurde, die Finsternis vor seinen Augen wirbelte wild. Sein Leib schien bersten zu wollen.
Kreischend begann es zu schreien, mit aller Kraft, die es aus der Furcht gewonnen hatte, schrie lange und verzweifelt. Der Schrei betäubte sein Gehör, neuer Schmerz entstand, der rasenden Zorn gebar. Während es kreischte schlug es wild mit Fäusten und Füssen gegen das unsichtbare, erstickende Gefängnis. Irgendwann brach etwas splitternd, seine Haut wurde aufgerissen, es fühlte warmes Blut, das aus seinem Leib spritzte und an seinem Fleisch klebte.
Es trat und hämmerte weiter, doch der Schrei hatte sich langsam in lautes Weinen verwandelt. Das Gefängnis stürzte zusammen, die Dunkelheit wirbelte noch schneller als zuvor, doch es wusste, dass es nun sein Körper war, der sich wand und drehte. Das Gefühl des Fallens erfüllte es mit Hoffnung und Schrecken zugleich, der Augenblick schien endlos lange anzudauern. Es schlug hart auf, die Erschütterung trieb ihm alle Luft aus dem Leib. Sein verzweifelter Schrei war zu einem leisen Keuchen geworden, seine nackten Arme und Beine strichen über eine harte, kalte Oberfläche. Als es wieder einatmete, schien die Luft keine Pein mehr zu verursachen, sondern zu lindern. Beruhigt blieb es auf dem glatten, kalten Grund mit geschlossenen Augen liegen und atmete immer wieder ein und aus. Lange verharrte es so, hoffte auf Hilfe, hoffte, dass seine laute Klage vernommen worden war. Es wusste nicht, worauf es wartete, doch was immer es war, es kam nicht. Nichts geschah. Irgendwann schlief es ein.
Seine Träume waren ohne Bilder oder Erinnerungen, doch voller unbekannter Gefühle, verwirrter, ungeordneter Gedanken und hoffnungsvoller Wünsche, die niemand ausser ihm kannte, und die nicht einmal es selbst zu fassen vermochte. Es fühlte Furcht, obwohl es nicht wusste, wovor es sich ängstigte. Seltsame Geräusche erfüllten das ewige Dunkel, das sich nie lichtete, Schreie, leise Atemgeräusche, Weinen, Rauschen.
Als es erwachte, wurde es von Panik ergriffen, doch als es sich seines erstes Erwachens und des Ausbruchs erinnern konnte, verschwand diese langsam. Es fühlte einen leichten Durst. Zunächst vorsichtig, dann immer bestimmter, versuchte es sich zu erheben, doch es war zu schwach. Auf Händen und Knien tat es seine ersten Schritte. Misstrauisch schlug es seine Lider auf, und sah zum ersten Mal Licht. Der schwache, flackernde Schein blendete es zunächst, erschrocken schloss es wieder die Augen. Als es sie wieder öffnete, ertrug es das Licht, und erblickte Formen und Gegenstände. Es befand sich in einem kleinen Raum, aus schwarzem Stein erbaut. Als es hinter sich blickte, sah es einen alten, hölzernen Tisch, zu seinen Füssen lag zerschmettert eine längliche, plumpe Kiste, sein Gefängnis. Kein weiterer Gegenstand befand sich im Raum. Verwirrt durch das Licht und die Bilder, die es sah, hob es seine Hände vor die Augen und starrte sie lange Zeit an. Seine Haut war bleich und glatt, Arm und Hände schmal. Verwundert bewegte es seine Finger, und dieses Mal fühlte sie die Regung nicht bloss, sie sah sie auch. Vorsichtig, fast ängstlich, betastete es sein Gesicht, fuhr mit den Fingern über kühle Haut. Plötzlich erfüllte es der heftige Wunsch, sich selbst ins Gesicht zu blicken, doch wusste es nicht, wie es dies vollbringen sollte.
Es wandte sich um und bemerkte eine Öffnung im schwarzen Raum. Ein langer, gebogener Gang erstreckte sich dahinter, und aus ihm drang der schwache, unruhige Schein. Voller Neugier und Misstrauen zugleich kroch es auf den Gang zu, verharrte kurz unsicher, und betrat ihn. Nicht weit vor ihm krümmte sich der Weg nach rechts, so schnell es konnte kroch es auf die Windung zu, denn plötzlich meinte es, Wärme zu spüren, die vom Licht ausging. Doch als es die Biegung hinter sich hatte, lag vor ihm nur ein weiterer Gang, lang und gerade, und die Wärme war verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Irgendwo in der Ferne, am Ende des Weges, erblickte es wieder das Licht. Die Furcht kam wieder, beunruhigende Laute drangen an sein Ohr, doch wusste es nicht, woher sie kamen, oder ob es selbst diese Geräusche erzeugte. Verängstigt legte es sich auf den Boden, der ihm alle Wärme zu entziehen schien. Der Durst begann in seinem Inneren zu schmerzen. Es presste seine dünnen Beine dicht an den Körper heran und verbannte das Licht, indem es die Augen schloss und die Dunkelheit willkommen hiess.
Die steinernen Mauern aus grob gearbeiteten Felsblöcken umgab ihn ganz, liess ihm keinen Raum zur Bewegung. Es war sein eigenes Gefängnis, und es wusste, dass es diese Mauern niemals durchbrechen konnte, ohne sich selbst zu begraben. Ab und zu drang ein schwaches Licht durch die schmalen Lücken zwischen den Felsblöcken, doch sobald es versuchte, den lockenden Schein zu erspähen, verschwand dieser und tauchte vor einer anderen Lücke wieder auf.
Als es erwachte, lag es in vollkommener Stille, und in der Entfernung flammte noch immer das flackernde Licht. Und noch immer verspürte es den Drang, sich diesem Schein zu nähern. Es fühlte sich stärker als zuvor, also streckte es die bleichen Hände nach den groben, schwarzen Felsblöcken aus, hielt sich an ihnen fest und zog sich hoch, obwohl die zerschnittenen Handflächen schmerzten. Zitternd blieb es stehen, wartete, bis es sich sicher fühlte, dann folgte es mit ungeschickten Schritten dem dunklen Gang. Seine Schritte hallten dumpf an den Wänden wider. Je weiter es kam, desto wärmer schien die Luft und der
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