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Kategorien > Horror > surreal

Es gibt noch leckerere Mutagene

von Schattenschalk

1

Der Gefangene suchte nach einem Ausweg. Irgendetwas, an dem er sich hochziehen und flüchten kann. Aber da war nichts. Dieses Ding. Es hatte die Form eines menschlichen Torsos. Nur noch sein rechter Arm war vorhanden. Der Linke war zu drei Vierteln abgerissen und lange Fleischfetzen hingen am Stumpf. Dort wo einmal eine menschliche Hüfte war, endete das Ding. Ein Stück von der Wirbelsäule schaute aus dem verwesendem Gewebe. Es kroch immer noch auf ihn zu. Ganz langsam, sich seiner Sache so sicher. Es atmete laut und schwerfällig die dünne Luft. Die schmierige, braune Haut warf brodelnde Blasen. Aus den leeren Augenhöhlen wuchsen gelbliche Tentakel, die sich etwas schneller als das Ding selbst, auf den Gefangenen zubewegten. Dazu kam noch die graue Zunge, die sich endlos lang dehnte. Ein seelisch kaum zu ertragenes Stöhnen erzeugte das Ding. Der Gefangene schrie und weinte. Er roch schon den bitteren Geruch von alten Fäkalien. Das Ding machte schmatzende Geräusche, als es seinen Arm vorwärtsbewegte. Wie ein alter Mann, der zahnlos seinen Haferbrei kaut. Es legte den Kopf schief und seine Zunge streifte ein Hosenbein. Der Gefangene trat nach dem Ding und grunzte verzweifelt. Die Tentakel wickelten sich um das Bein und zogen es kraftvoll zu dem weit aufgerissenen Rachen. Der Gefangene atmete Stoßweise und konnte nur noch entsetzt zusehen, wie sich das Gebiss um seine Ferse schloss. Die Zähne drangen ins Fleisch ein. Zerbissen Sehnen und zermalmten Knochen. Der Gefangene schrie so schrill und panisch, dass die Luft zitterte. Dann, urplötzlich, tat sich der Boden auf und das Ding wurde verschluckt. Erschrocken sah es den Gefangenen an und wurde schlürfend in die Tiefe gesogen.
Der Gefangene stand langsam auf, begutachtete sein Bein und lachte irr. Die Wunde war dabei sich zu schließen. Dort wo das Fleisch, die Sehnen und Teile des Knochens fehlten, wuchs alles neu. Es war als wenn jemand eine Wachsfigur neu goss. Es schmolz sich alles zurecht. Der Gefangene nahm Anlauf und übersprang das Loch, das die Kreatur geschluckt hatte. Auf der anderen Seite angekommen, sah er sich um. Er durfte nie wieder den Fehler machen und sich in eine Sackgasse treiben lassen.

Ein leises klickendes Geräusch erregte seine Aufmerksamkeit. Es wurde stetig lauter. Das regelmäßige Klicken kam aus dem Loch. In des Gefangenen Gedanken formte sich langsam ein Bild dessen, was sich ihm näherte. Sein Herz raste. Dann winkte ein spitzer Stab aus dem Loch und ein zweiter folgte. Die Stäbe hakten sich im Boden ein und zogen hervor, was daran hing. Ein riesiger, schwarzer Spinnenkörper quetschte sich aus der Öffnung. An Stelle eines Kopfes hatte die Spinne einen Bildschirm sitzen. Ein dicker Kabelstrang wuchs aus ihrem Hinterleib und endete im Loch. Die Spinne gab ein schnatterndes Zischen von sich, das wie aus eine leeren Dose klang. Fingerlange Fangzähne, zum bersten mit gelben Gift gefüllt, zitterten gierig. Der Gefangene schnappte nach Luft und starrte die hundegroße Spinne an. Die Spinne sprang behende auf ihn zu und wechselte vom Boden zur Decke. Sie rannte und das Kabel schliff am Rand des loches. Endlich konnte er sich in Bewegung setzen. Er jagte den langen Flur entlang. Seine Nackenhaare standen aufrecht, wie kleine Erektionen. Hinter ihm wurden das Getrappel lauter. Ganz offensichtlich war die Spinne nicht gewillt, ihn ziehen zu lassen. Der Pfad verengte sich und wurde immer kleiner. Die Wände begannen sich zu verändern. Sie wurden allmählich zu Menschenhaut. Blut ergoss sich über sie und wurde zu einem flüssigen Vorhang. Gesichter versuchten sich durch die Haut und den Blutvorhang zu drücken. Ihre Konturen zeichneten sich ab. Kaltes Entsetzen packte den Gefangenen und schüttelte ihn durch, wie eine wütende Bulldogge. Die Gesichter sahen leidend aus. Blickten ihn vorwurfsvoll an, weil er weiter lief. Ganz plötzlich sackte er ein. Der Boden unter seinen Füßen gab nach und saugte sich an seinen Schuhen fest. Jeder Schritt wurde zur kraftraubenden Qual. Das Getrappel hatte aufgehört. In der Hoffnung, dass die Spinne aufgegeben hatte, drehte er sich um. Er sah keine Spinne. Nur, ganz dicht vor ihm, hing ein Rest fingerdicker Spinnseide. Dann spürte er etwas schweres auf seinem Rücken. Die Spinne hing an seinem grauen Shirt und ihre stacheligen Beine stachen ins Fleisch. Dann bekam er den heißen Biss. Lange Giftzähne drangen in den Nacken und füllten Arterien mit Gift. Beinahe augenblicklich verlor er alles Gefühl. Seine Gliedmaßen gaben nutzlos nach und er sackte zusammen. Die schwere Spinne machte es sich auf seinem Rücken gemütlich und schlug abermals ihre Zähne in sein Fleisch. Diesmal in die Nierengegend. Er konnte sich nicht rühren. Nicht einmal schreien. Sie pumpte ihre Verdauungssäfte in seinen Körper. Mit einem Zischen, das wie eine Brausetablette klang, brach sein Unterbauch auf und die starke Säure zerfrass das Shirt. Voll verzweifelnden Leidens, flehten seine Gedanken um Hilfe. Eine einzelne Träne ergoss sich aus seinem rechten Auge. Sie lief die Wange hinab, tropfte auf den Fußboden und löste eine Kettenreaktion aus. Dort wo sie auftraf bildeten sich kleine Risse, die immer größer wurden. Bis sie schließlich den ganzen Boden erfassten. Grelles Licht strahlte aus den Rissen. Völlig lautlos fielen die Puzzleteile, zu denen der Boden geworden war, in die grelle Tiefe hinab. Der Gefangene tat es den Teilen gleich und fiel. Die Spinne wurde an ihrem Kabelstrang zurückgerissen und blieb hängen. Aber der Gefangene fiel und fiel. Schon bald sah er den Boden näher kommen. Es waren weiße, harte Fliesen. Der rapide Fall näherte sich dem Ende. Und der Gefangene hoffte, dass damit der Horrortrip ein abruptes Finale haben würde. Er schloss die Augen. Es nutzte nichts. Er konnte durch seine Lider sehen. Die letzten Meter. Kurz vor dem Aufschlag zuckte er zusammen.....


„Sehen sie das? Das habe ich gemeint, Doktor.“
„Dieses Zucken? Das ist normal bei Komapatienten, Schwester Ricarda.“
Die südländische Pflegeschwester schüttelte den Kopf.
„Ich weiß nicht... Seit beinahe acht Wochen beobachte ich immer das gleiche Verhalten. Ob er träumt?“
Diesmal verneinte der Doktor.
„Seine kognitiven Fähigkeiten sind gleich Null. Er denkt nicht und er träumt nicht. Das können bestenfalls Nervenzuckungen sein. Die Hirnstrommessung hat auch nichts ergeben.“
„Aber was ist, wenn seine Seele leidet?“
„Für Seelen, Schwester Ricarda, sind wir nicht zuständig!“

Ende

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Kommentare

petra schrieb am 2008-12-14 22:23:01:
Mein Gott.......
Dieser Zynismus im Schlußsatz : „Für Seelen, Schwester Ricarda, sind wir nicht zuständig!“

Du hast mit einem kleinen Satz ALLES gesagt.

Ich bin erschüttert........Petra
gebbeg schrieb am 2008-11-30 14:36:14:
auf jeden fall eine starke geschichte! kennst du den film sublime? deine geschichte erinnert mich an den film.
Schattenschalk / Raziel schrieb am 2008-11-27 02:22:40:
@Danke Jaehne. Erzogen wurde ich größtenteils durch Clive Barker. Ich glaube, das merkt man, wenn man Barkers Werke kennt. Ich liebe seinen Stil.
Frau Sonnenschein schrieb am 2008-11-26 19:22:29:
und hier kommt " WOW" Nr. 2 . .. echt toll geschrieben. Schrecklicher Gedanke....
Randall Flagg schrieb am 2008-11-26 11:51:17:
woah, nicht schlecht. Etwas kurz, aber mir hat es sehr gut gefallen :D
JJaehne@gmx.net schrieb am 2008-11-26 09:20:08:
wow deine geschichte ist echt der hammer.
mach weiter so.
lg

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