Es war einmal ein Power
von
Hildegard Grygierek
Volter und Wattilde verschenken Strom
Auf einer kleinen Insel namens Power-Island am Ende des Atlantiks,
lebten vor gar nicht langer Zeit das gefürchtete Piratenehepaar Volter
und Wattilde. Nachdem das Piratenleben ganz aus der Mode gekommen
war, beschlossen sie sich zur Ruhe zu setzen. Da aber beide noch so viel
Power hatten, überlegten sie den lieben langen Tag wie die überschüssige
Energie denn nur verbraucht werden könnte. Eines morgens, Wattilde war
gerade damit beschäftigt das Frühstück aus dem Meer zu fischen, steckte
ihr eine schnäbbelige Möwe das Neueste vom Tage. Auf der Nachbarinsel
„Millimol“, welche nur eine Kabellänge entfernt lag, weinten aus irgend-
einem Anlass alle Kinder. Ohne lange zu zögern beauftragte Wattilde ihren
Mann, sofort das Floß aus der Garage zu holen. Mit Vollgas jagten sie über
die Wellen, was selbst den vorbeiziehenden Delphinschwarm vor Neid er-
blassen ließ. Ein Wal, der die Hetzjagd gegen den Strom beobachtete, prustete
vor lauter Zorn eine riesige Wasserfontäne in die Höhe. Volter blieb völlig
unbeeindruckt und trat das Gaspedal noch fester durch, so tief, dass es fast
den Meeresboden berührte. Zwar galt auch auf den Weltmeeren eine Geschwindigkeitsbegrenzung, aber grundsätzlich nicht in Ausnahmesituationen.
Auf Millimol angekommen traf es Volter und Wattilde wie ein Stromschlag. Tat-
sächlich weinten alle Kinder um die Wette und auch die Erwachsenen konnten
sich nicht länger zurückhalten. Volter ließ direkt den Insel-Ältesten ausrufen um
endlich den Grund der herzerweichenden Traurigkeit zu erfahren. Während
Wattilde fürsorglich schon mal ein paar besonders verheulte Kinder tröstete, berichtete der
Älteste von dem unglaublichsten Diebstahl aller Zeiten. Des Nachts klauten doch
wahrhaftig skrupellose Diebe den gesamten Strom der Insel. Zuerst bemerkte es
sein kleiner Enkel, da er sich am Morgen mit seiner elektrischen Zahnbürste die
Zähne putzen wollte. Das arme Kind wurde wegen der lahmen Zahnbürste von
Weinkrämpfen direkt geschüttelt. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen.
Kein einziger Inselbewohner konnte vom Radiowecker aus dem Tiefschlaf geholt
werden, was unweigerlich dazu führte, dass weder heißer Kakao noch Toast auf dem Frühstückstisch standen. Tränen kullerten nicht nur aus den Augen betroffener Kinder; Unmengen von Wasser triefte auch aus dem Bullauge regungsloser Waschmaschinen.
Dies hatte wiederum tränenüberflutete Gesichter von unschuldigen Frauen zur Folge. Überaus tapfer bewiesen sich dagegen alle Schulkinder, worüber sich der Älteste beson-
ders stolz zeigte. Weil wegen dem Stromausfall auch der Unterricht ausfiel, schafften
sie es tapfer, sich bis zur letzten Batterie mit Gameboy-Spiele die Langeweile zu vertrei-
ben.
Das einzigste was wirklich noch unter Strom stand, waren die Lehrer. Und natürlich Volter und Wattilde, die in ihrer gesamten Piratenlaufbahn einen derart gemeinen Raub noch nicht erlebt hatten. „Wer Strom klaut ist zu allem fähig“, empörten sie sich und versprachen Abhilfe zu schaffen, noch vor Beginn der Aufbauarbeiten für die Kirmes. „Eine Kirmes ohne Strom, ist wie ein Ozean ohne Wasser“, stimmten alle Inselbewohner zu einem Lied ein, wobei sie Volter und Wattilde jubelnd auf Händen zurück zum Floß trugen. Mit einem Affenzahn paddelten sie mit der Schnelligkeit des Stroms zurück nach Power-Island, um von dort aus riesige Kabel zur Nachbarinsel zu verlegen. Selbstverständlich unter Wasser und auf gar keinen Fall in Sichtweite irgendwelcher hinterhältiger Diebe. Auf einmal waren alle bereit mit anzufassen um der Millimoler Bevölkerung zu helfen; die Delphine, der sonst vor Neid geplagte Wal und eine Robben-Familie mit ihrer anhänglichen Verwandtschaft. Sogar die Kraken ließen es sich nicht nehmen, mit angedockten Stöpseln die Kabel zu ziehen. Für aktuelle Berichterstattung waren die Möwen zuständig, was sie übrigens tratschend gerne taten. Dass es durch so viel Unterstützung noch am gleichen Abend gelang, die ausgebeutete Insel wieder mit frischem Strom zu versorgen, kann man sich wohl denken. Ihre Dankbarkeit drückten die Millimöler mit einem supermodernen Laserschriftzug am Himmel aus:
„K e i n L e b e n o h n e S t r o m“
Volter und Wattilde waren zutiefst gerührt, zumal sie doch bloß ihre überschüssige Energie loswerden wollten. Und wenn sie nicht gestorben wären, würden sie anstelle der Elektrizitätswerke den Strom liefern.
Kommentare
cyb.org@gmx.net.nospam schrieb:
geile geschichte... echt genialer einfall, werd ich auch mal vorlesen =)
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