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Kategorien > Fantasy > Engel

Es ward ein Leuchten

von Somo

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Der Himmel war klar gewesen in jener Nacht, nur ab und zu hatte ein laues Sommerlüftchen halbherzig eine zarte Wolke vorbei gescheucht. Wie konnte in so einer schönen Nacht etwas so schreckliches passieren? Wie konnte das überhaupt passieren?
Sie hatte auf Sie gewartet, an der Brücke, wie vereinbart. Hatte in den Himmel geschaut, den klaren, und hatte Sterne gezählt, ab und zu auf die Uhr geschaut und sich gefragt, warum Sie nicht kam. Sich sogar ein bisschen über Sie geärgert, wofür sie sich jetzt schämte wie noch nie in ihrem Leben zuvor.
Denn dann hatte ihr Handy geklingelt und Ihre Handynummer leuchtete auf dem Display, darunter Ihr Name „Moana“, daneben das Zeichen für „beste Freunde“. Mit einem genervten „Ja“ hatte sie sich gemeldet und schon mit einer Ausrede wie „Sorry, ich hab’s total vergessen“ gerechnet, doch stattdessen antwortete eine Männerstimme. Sie sagte sein Name wäre Kommissar Tornow, dann fragte er nach ihrem.
„Ich heiße Kirsten, was ist mit Moana?“ Was war geschehen, dass die Polizei Ihr Handy besaß.
„Ihr Vater hat mich gebeten dich anzurufen“, setzte er an.
„Wieso? Was ist mit ihr?“ Schwachsinnige Bilder von Moana als Bankräuberin schossen ihr durch den Kopf. Manchmal hatten sie nur so zum Spaß Einbrüche oder Raubzüge geplant, denn Abenteuer mochten sie beide. Schon damals an den Eisenbahnschienen war ihr Lieblingsspiel Überfall gewesen.
Eine kurze Pause trat ein, in der offenbar jemand anders mit dem Kommissar sprach. Sie verstand nicht wirklich was dieser jemand sagte, doch irgendetwas von unerklärlicher Ursache.
„Hallo?“, fragte sie.
„Ja, entschuldige.“
„Was ist denn jetzt mir meiner Freundin, oder ihrem Vater?“
„Es tut mir sehr Leid, aber deine Freundin hatte wohl allem Anschein nach so etwas wie einen epileptischen Schock oder Anfall, als sie mit ihrem Vater im Auto unterwegs war. Genaues kann ich leider auch nicht sagen. Aber als der Notarzt kam, war es schon zu spät. Es tut mir sehr Leid…deine Freundin ist tot.“
„Was?“
Diese Worte schlugen in sie ein wie tausend Blitze und doppelt so viele Gewehrkugeln zusammen. Sie stand da, schaute auf den Fluss, der unter ihr rasch dahin floss, und hörte die Worte in ihrem Kopf widerhallen, und wieder und wieder und hörte sie auf einmal mit Moanas Stimme, sah Sie die Worte sagen, und Sie lachte dabei. Warum lachte Sie? Ihre dunkelbraunen Locken wippten dabei leicht und in der Sonne sah man sogar den leichten Rotstich. Dieses Gesicht kannte sie wie kein Zweites.
Die Hand, die das Handy ans Ohr gehalten hatte, rutschte langsam hinab und sie starrte auf den Namen und die Nummer, auf das Zeichen. Dann schob sie wie in Zeitlupe den Daumen über den „Auflegen“- Knopf, wagte noch nicht ihn zu betätigen, dachte an Sie, hob das kleine Gerät noch einmal ans Ohr, war sicher, Sie würde am anderen Ende der Leitung sein und ihr erklären, dass das alles nur ein Scherz war. Doch die Leitung war tot. Sie war tot.
Eine Weile lauschte sie dem Besetztzeichen und beendete dann endlich die Verbindung, schaute abermals auf das nun dunkle Display, hörte hinter sich die Bremsen eines Autos quietschen, nahm es aber kaum wahr. Mit einer Hand hielt sie das Gellender umklammert. Ihre Gedanken rasten und waren doch wie gelähmt. Sie sah Sie in etlichen Situationen, lachend, weinend, kreischend, lächelnd, wütend, beleidigt, und hörte Sie wieder die Worte sagen. Dann gaben plötzlich ihre Beine nach, sie rutschte seitlich am Gellender hinunter auf die Knie, ließ das Handy los und es fiel, fiel von der Brücke und landete mit einem lauten Platschen in dem grün schimmernden Fluss, der nicht annähernd so grün war wie Ihre Augen und nur halb so reißend wie der Fluss von Tränen, der Kirstens Gesicht hinunter lief.

Viel zu oft dachte sie an jene Nacht, in der ihre beste Freundin gestorben war, und sie in einer nun völlig aus der Bahn geworfenen Welt alleine zurückgelassen hatte. Fünf qualvolle Monate waren es nun schon, in denen sich Kirstens noch recht junges Leben dramatisch geändert hatte. War sie früher ein aufgewecktes, lustiges, eigentlich ganz normales 16jähriges Mädchen gewesen, so hatte sich alles ins Gegenteil gekehrt. Mit anderen Leuten wollte sie kaum noch etwas zu tun haben, seien es alte Freunde oder völlig Fremde. Zu groß war die Angst, noch jemanden zu verlieren und schon gar nicht wollte sie so tun, als wäre alles wieder beim Alten, als gäbe es ein erfülltes Leben ohne Moana, das war sie ihr schuldig, glaubte sie.
Überhaupt glaubte sie nun mehr als zu wissen. Gott, den sie früher als alberne Märchengestalt ausgelacht hatte, war auf einmal zu einem Hoffnungsschimmer am schwarzen Horizont geworden. Vielleicht war Moana nun bei ihm, vielleicht, ganz sicher sogar, ging es ihr dort besser, lebte bis ans Ende der Zeit im Paradies. Das hatte ihr auch ihre Mutter erzählt, die sich anscheinend sehr große Sorgen machte. So große, dass Kirsten eines Tages als sie nach Hause kam den Tee schlürfenden Pastor auf der Couch vorfand, mit dem sie später ein sehr erstes tiefgehendes Gespräch über Tod und den lieben Gott führte. Das war ihr doch etwas zuviel des Guten, denn dass Gott ein alter gutmütiger Mann mit weißem Bart war, der alles überwacht und liebt, konnte der Pastor ihr wirklich nicht mehr einreden. Wäre es so, hätte er Moana nicht so jung und auf diese Weise aus dem Leben gerissen.
Dafür, dass es ihr im Himmel genauso gut ergehen möge wie auf der Erde, betete sie hin und wieder, wenn es ihr besonders schlecht ging.
So auch an diesem Abend. Sie kniete vor dem Fenster und schaute hinauf in den dunklen Himmel. Die Hände zum Gebet verschränkt und alle anderen Gedanken aus ihrem Kopf vertreibend fing sie an, auch wenn sie dachte, dass das Ganze ziemlich kindisch war:
„Lieber Gott, ich will dich nicht stören, du hast bestimmt genug zu tun. Aber ich wollte noch einmal über Moana sprechen. Sie ist…war ein so guter Mensch, so nett und liebenswürdig. Bitte gib ihr einen guten Platz an deiner Seite und sorge gut für sie…und sag ihr, dass ich mich sehr darauf freue sie wieder zu sehen. Ich vermisse sie so.“
Sie machte ein Kreuzzeichen, löschte das Licht und ging zu Bett.
In letzter Zeit träumte sie immer absurdere Sachen, die sie nicht selten mit der Realität vermischte. Da waren helle Räumen mit Büchern und Schriftrollen, die überall verstreut auf kleinen Tischen oder in Regalen an den Wänden standen. Leute, die von einem bläulichen Licht umgeben waren, blätterten mal hier mal da eine dicke Schwarte durch oder schritten einfach nur verträumt die Regalreihen ab.
Duzende Male war sie die miteinander verbundenen Räume schon durchwandert, doch nur einmal hatte Kirsten sogar selbst eine alte Schriftrolle aufnehmen können und diese aufgeregt entrollt. Doch die schön geschwungenen goldenen Buchstaben setzten sich zu ihr unbekannten Wörtern zusammen, die sie nicht einmal aussprechen konnte. Unerklärlicherweise fühlte sie sich beim durchlesen jedoch wesentlich besser und leichter, als ob dort eine lustige Geschichte

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