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Kategorien > Anekdoten > Erfunden oder erlebt?

Espresso

von Stift

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Espresso

„Du Schatz“, hörte ich sie von irgendwo her aus den früh morgendlichen, unstrukturierten Weiten rund um den Esstisch zu mir sagen, „bald ist Weihnachten und WIR brauchen endlich auch eine Espressomaschine“.

Sie, heißt eigentlich Gabriele Adele, ist die große Liebe meines Lebens und zu dem noch meine Ehefrau. Gerufen wird sie aber von mir Ele und ihren richtigen Namen, also Gabriele Adele, darf ich sowieso keinem verraten, würde ich ja auch niemals tun. Ele also spricht solche gehaltvolle Sätze samstags morgens noch vor 8 Uhr zu mir. Ganz gefährlich. Bin gerade eben erst aufgestanden, noch vollkommen schlaftrunken, weil sich gestern Abend ausnahmsweise ein guter Barolo in einem meiner feineren Bleikristallgläser rein zufällig verirrt hatte und aus dem ich ihn, tapfer wie ich bin, im Laufe eines gemütlichen Abends retten musste. Solche Heldentaten steigen mir mitunter auch mal zu Kopf. Vor meinem eigenen Spiegelbild gerade noch mal geflohen sitze ich mit einer frisch gebrühten, duftenden Tasse Kaffee am von ihr wie immer liebevoll gedeckten Frühstückstisch. Frische warme, knusprige Brötchen, gute Butter, ein Frühstücksei, Rübenkraut und Leberwurst. All das habe ich schon wohlwollend unterbewusst registriert, nur so richtig online bin ich in diesem Augenblick noch nicht. Das ist genau der Augenblick, den alle Frauen dieser Erde, höchstwahrscheinlich auch alle femininen Wesen unserer benachbarten Welten genau kennen. In diesem kurzen Augenblick in dem ausnahmslos alle Männer nur so vor Wehrlosigkeit strotzen, schlagen sie dann, ihrer absoluten Überlegenheit voll bewusst, erbarmungslos zu. Wohl wissend, dass „Mann“ zwar schon wenige Vitalfunktionen zeigt wie z.B. zum Frühstückstisch schlurfen, trübe in die Gegend stieren oder sich seiner Morgenlatte nicht im geringsten bewusst werdend, nutzen sie die Gunst der günstigen Stunde voll aus. Und sie, Ele, weiß es auch. Sie kann mir in solchen Augenblicken, während ich noch in dieser Zwischenwelt verweile, buchstäblich alles abringen. „Mann “ nimmt zwar das gesprochene Wort als Konglomerat diverser Töne wahr, ist aber, weil „Mann“ sich immer noch in einer Art freien Falles befindend, zu keiner wohl überlegten rationellen Handlung fähig. Die einzigen Worte die ich in dieser brisanten Daseinsphase hervorbringen kann, klingen so ähnlich wie „ Mhhhm Ja oder Mmrrkgk OK“. Worauf Ele schnell antwortet „Gut, dann machen Wir das so. Du kümmerst dich darum. Ja? Klasse!“

Nach ein paar Schlückchen frischen Kaffees beschließen immer mehr meiner trägen Synapsen, sich zu verketten und ihren Job so gut zu machen, wie es um diese Uhrzeit halt geht. Langsam werde ich wach. Willkommen in der Wirklichkeit. Es ist Samstagmorgen. Gleich läuft in der Glotze Wissen macht Ah mit Sharie und Ralph. Diese Kinderwissenssendung ist für mich der Start in ein gelungenes Wochenende, danach geht es zum Einkaufen in die Stadt.

Es ist schon 11 Uhr irgendwas, wir sind vom Einkaufen zurück und pausieren gemütlich beim zweiten Frühstück. „Du wolltest doch so wie so noch mal in die Stadt, um nach einer schönen Espressomaschine zu schauen“ sagt Ele und lächelt mich dabei liebevoll an, „ das trifft sich gut, denn ich will eh noch ein bisschen aufräumen und putzen“.

?!?! Was sagt da diese Frau? Wovon redet sie hier überhaupt? Was und Warum habe ich denn schon wieder nichts mitbekommen oder sogar vergessen? Cool bleiben! Nur nichts anmerken lassen, lächeln, Augen zu und durch. „Klar doch, mache ich gleich, wie versprochen“ sage ich, wobei ich ihr tief in ihre wundervollen Augen blicke. Dabei dämmert es mir langsam. Die von ihr heute Morgen abgesonderten Töne bedeuteten offenbar, dass WIR uns dazu entschlossen haben, zum kommenden Weihnachtfest eine Espressomaschine zu kaufen. Alle unsere Freunde und Bekannten haben schließlich auch eine. Kann ja nicht so schwer sein, denke ich mir und mache mich nach einer weiteren Tasse Kaffe guten Mutes auf in die vorweihnachtlich geschmückte Stadt.

Sind Sie schon einmal in der Adventszeit nach 11 Uhr mit dem Auto in Stadt gefahren, um mal eben eine Espressomaschine zu kaufen, sind Sie das wirklich? Dann können Sie annähernd meine Laune einschätzen, mit der ich mein Auto nach einer 45minütigen Parkplatzsuchodyssee verließ. Die Stadt ist proppenvoll. Der Duft von höllisch heißen Maronen, gebrannten Mandeln, Poppkorn und immer wieder Schwaden von Glühwein schwebt in der kalten Dezemberluft, umhüllt die in Legion ausgeschwärmten, oft gar nicht weihnachtlich gestimmten Weihnachtsmarktbesucher.

Allmählich greift die kollektive Hektik auch auf mich über. Jingle Bells und Last Christmas dringen, schraggelich verzerrt, wieder und wieder aus winzig kleinen, rein akustisch gesehen, grottenschlechten, dafür aber wetterfesten Lautsprechern, die sich gut getarnt in der Weihnachtslichterdekoration verbergen, in meine Ohren. Aus einer Nebengasse höre ich, wie ein Panflöten – Gitarren - Basstrommel Andenindiotrio die Nerven der Weihnachtseinkäufer noch zusätzlich mit „El Condor pasa“ peinigt. Selbst der ein oder andere Bestechungs-Euro und der sehnlich damit verbundene Wunsch, doch bitte die Anden mit ihrem grässlichen Gesang zu verseuchen, zeigt keine Wirkung.

An einer Häuserecke, mitten im größtem Trubel, sehe ich IHN, einen Penner / Bettler. Ein handgeschriebenes Pappschild „Bitte um eine milde Gabe“ hängt leicht schräg, mit einer einfachen Hanfschnur befestigt, um seinen unrasierten Hals. Auf einer alten Pferdedecke halb kniend schaut Er mich nur an. Weiter passiert in diesem Moment nichts. Für die gefühlte Unendlichkeit eines Augenblicks steht die Welt rings um mich herum nun still. Verlegen krame ich nach Kleingeld in meinen Hosentaschen. Im Schatten des Michelberges will ich Ihn doch vor der Kälte oder vorm Verhungern retten. Im Vorübergehen lasse ich ganz schnell einen Euro und ein paar lose Cents auf seine Decke fallen. SEIN Lächeln durchdringt mich, ich spüre es in jeder Zelle, in jeder Faser meines Körpers. „!!!Das kann doch nicht sein!!!“ denke ich und gehe schnell weiter. Mir ist fast schwindelig. Das Gewusel nimmermüder Menschen, der Lärm und die Hektik haben mich längst wieder aufgesogen. Ich blicke verstohlen hoch zur im Dunst gelegenen Michaelsbergkapelle und murmele halblaut vor mich hin „Na, Alter Mann, hast du mich gesehen, ich habe eben was Gutes getan. Jetzt bist Du dran“. Die donnernde Stimme, welche darauf tief aus meinem Inneren kam, nur für mich alleine hörbar, werde ich wohl mein ganzes Leben lang nicht mehr vergessen. „ Danke Mann, echt super Mann, mit einem Euro 30 hast Du doch glatt meinen Sohn, so schwuppdiwupp, vorm Verhungern und Erfrieren gerettet. In welcher Welt lebst du denn so? Hohoho!!!“. Verlegen und mit einer Träne im Auge kämpfe ich mich gegen den geballten Menschenstrom bis zu der Ecke zurück, an der ich nur wenige Minuten vorher unauffällig eine arg milde Gabe habe fallen lassen.
ER war weg.
„Wo ist denn der Bettler hin, der eben hier noch gesessen hat?“ frage

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