Ewiges Leben
von
Yza
Er sagte: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihnen das noch Spaß macht, es
muss doch immer das Gleiche sein ?!"
Ich bedauerte ihn, obwohl wir nun schon öfter über dieses Thema gesprochen
hatten, war es ihm nicht möglich nachzuvollziehen, was ich meinte. Ich
sagte: "Warum macht es ihnen solche Schwierigkeiten zu verstehen, dass ich
das Leben liebe, und niemals müde davon werden könnte ?"
Er schüttelte ablehnend den Kopf und sagte: "Ich gebe mir ja Mühe, aber
ehrlich, ich blicke auf mein Leben zurück und es war doch immer anstrengend,
die Kindheit, der Krieg, die vielen kleinen Enttäuschungen des Alltags, die
vielen großen Enttäuschungen der Liebe, nein, das will ich nicht noch einmal
erleben und schon gar nicht mehrmals...!"
Wie abfällig er über das Leben sprach, ich sagte: "War es denn nicht so, das
jedes negative Erlebnis ihres Lebens nicht gleichzeitig auch der Anfang zu
etwas Neuem und nicht selten Besserem war ? Denken sie denn ein Leben ohne
Probleme wäre überhaupt lebenswert ? Ich höre von ihnen nur Ängste und
Unverständnis, warum erkennen sie darin nicht die Chance. Eine Chance, sich
weiter zu entwickeln, etwas aufzubauen und vielleicht irgendwann
weiterzuführen ? Merken sie denn nicht, dass ihr Leben sie bis jetzt so
vereinnahmt hat, dass sie nicht einmal mehr Zeit hatten, über die
Möglichkeit ein anderes, ein weiteres Dasein zu führen, nachgedacht zu
haben ?"
Er sagte sofort: "Herr Gott noch einmal, wofür denn ? Gibt es nicht genug
Menschen ?"
Ich sagte: "Ich sehe, sie haben noch nichts erkannt, sie lieben weder ihr
Leben Heute, noch sind sie in der Lage sich zu öffnen, für die große Idee
des Lebens. Es würde ihnen bestimmt leichter fallen, wenn alle so denken und
fühlen könnten, ja natürlich, das wird es sein... Sie haben Angst vor ihren
Mitmenschen und wenn der Tod dann naht, dann sind sie zufrieden ins letzte
Versteck entschwinden zu können.... Das allein ist ihr Gedanke. Sie sehen
nicht mehr die Wichtigkeit ihrer Person, ihres Geistes, sie könnten doch
einer von denen sein, die es anderen Menschen verständlich macht, dass ihre
Ideen zeitlos sind und das sie bereit sind, dafür ein weiteres Leben zu
leben... Aber nein, sie sehen sich ganz klein und unbedeutend, sie haben
Angst vor der Verantwortung für ihr Leben...."
Jetzt war es das erste Mal, dass er begriff worauf ich hinaus wollte, er
sagte: "Ich weiß worauf sie anspielen, natürlich, wenn wir alle wüssten,
dass der Tod nur ein Übergang in ein neues Leben ist, vielleicht würden wir
dann keine Atombomben schmeißen und unsere Umwelt vernichten. Natürlich
könnte man das annehmen, denn so egoistisch, wie wir heute auch sind, würden
wir doch nicht riskieren, dass wir uns unsere eigene Zukunft versauen. Doch
sie glauben doch nicht, dass wir alle so denken würden, so wie es auch jetzt
Unterschiede gibt in der Moral und den politischen Vorstellungen, wird es
mit dem Wissen um ein weiteres Leben, wieder Menschen geben, die daraus nur
Vorteile für sich allein ziehen wollten. Vielleicht würden wir sogar noch
leichtfertiger mit unserem Leben umgehen. Uns ist egal, ob wir die Welt
unserer eigenen Kinder vernichten oder unsere Nachbarn aus dem Weg räumen
müssen, wir brauchen uns doch vor Nichts und Niemanden rechtfertigen. Und
wäre es anders, dann würden wir uns noch vielmehr vor den Mächtigen dieser
Welt rechtfertigen müssen, es wird doch immer Mächtige geben. Wir Menschen
sind doch nicht reif für so eine Wahrheit..."
Ich sagte: "Schön, dass sie mir folgen können. Was ich an ihnen nicht
verstehe, ist, dass sie sich selbst so unwichtig erscheinen. Sie nehmen ihr
eigenes Leben nicht wichtig, sondern das von Anderen, sie dienen ihrem Chef,
zermartern sich den Kopf über alltägliche Probleme, die andere geschaffen
haben, begnügen sich mit dem Konsum von den zeitgemäßen Drogen und dem für
sie erreichbaren Luxus, sie versuchen sich krampfhaft daran zu erfreuen,
aber noch ein Leben mit diesen Dingen würde sie nicht einmal neugierig
machen....da stimmt doch was nicht ? Ich sehe, dass sie keine echten Werte
in ihrem Leben haben. Ist es nicht das Glück des Atmens, das Sehen und
Hören, Schmecken und Lieben, das Gefühl der Freude an sich, was das Leben
lebenswert macht ? Das ist es, was ich meine, dafür könnte ich doch immer
wieder leben und bin neugierig darauf."
Er senkte seinen Kopf und schien zu überlegen, dann sagte er nachdenklich:
"Sicherlich, wenn es auch gleichbedeutend wäre, ein neues Leben, in neuen
erfüllenden Umständen zu leben, ja dann, dann wäre ich bereit es noch einmal
zu versuchen..."
Ich unterbrach ihn: "Genau, da sagen sie es ! Ein Leben ist ein Versuch !
....Und wenn wir dann entspannt in die Zukunft blicken würden, wären wir
viel gelassener und würden unsere Taten nicht so überaus wichtig nehmen und
die Veränderungen wären überlegter, ja, vielleicht würde uns dann doch das
ganze Leid und diese selbstzerrstörerische Sucht verlassen, denn wir würden
erkennen, dass es unmöglich ist zu sterben, wir würden uns auch mit Kriegen
nur das Leben schwerer machen, ich denke wir würden darauf verzichten. Jetzt
sterben die Menschen einfach so dahin. Seid fruchtbar und mehret euch ist
die Devise, aber wie wertvoll ist denn so ein Leben noch. Viele sind einfach
nur froh davon erlöst zu werden...."
Jetzt unterbrach er mich: "Kann man das jemanden verdenken...sie sehen doch
Krieg, Mord und Totschlag !"
Ich konnte nur bejahend den Kopf schütteln und sagte: "Sie sagen
es....Niemand achtet das Leben und ebenso wenig den Tod, vielleicht wissen
wir nur so wenig über den Tod, weil wir so unbeherrscht mit dem Leben
umgehen, wahrscheinlich bringt unser Handeln auch das Naturprinzip, das
große Rad des Lebens, von Leben und Tod durcheinander, wie so viele andere
Naturgesetze. Verstehen sie, wir müssen dennoch lernen uns aufrichtig über
unser Leben zu freuen...nein nicht leiden, nach vorne schauen und ich denke
wir werden uns Pforten öffnen, hinter denen uns eine neue Existenz als
kosmische Lebensformen und Wesen erwartet. "
Er sagte überzeugt: "Das macht mir dennoch Angst, was könnte sich nicht
alles Negative von einem Leben in das andere hinüberretten, der Tod wäre
keine Befreiung mehr, tatsächlich man könnte die Hölle ewig erleben."
Er schüttelte sich abgestoßen, ich musste lächeln. Wie tief saß seine Angst
und musste die Enttäuschung sein. Nun gut, ich wusste, dass ich ihm nichts
verkaufen wollte und dennoch wäre es mir lieber gewesen, ich hätte merken
können, dass er nach meinem Besuch etwas überzeugter von dem Leben nach dem
Tode wäre. Bei ihm bräuchte es nur einen kleinen Schritt, er hatte kein
schlechtes Karma, was ihn vielleicht noch länger verfolgen könnte. Das
machte es oft schwierig bei dieser Art von Lehrgesprächen. Man musste
ehrlich mit den Leuten sein und die Aussicht auf ein weiteres Leben, konnte
auch eine Voraussage auf jede Menge Arbeit sein. Die karmischen
Verstrickungen, in denen sich Menschen befanden, sollten bei so einem
Beratungsgespräch kein Geheimnis bleiben. Wir wollten sie erwecken, deshalb
machten wir uns die Mühe sie aufzusuchen, Nacht für Nacht versuchten wir sie
in Tiefe Gespräche zu ziehen. Wir hatten uns nie etwas vorgemacht bei dieser
Aufgabe, es gab positives und negatives Karma, wir versuchten immer alle
Menschen zu erreichen, schließlich waren es unsere Brüder und
Schwestern......doch meistens war es wie bei ihm, sie redeten und dachten
nach, doch dann....Nein, sie waren zu weit weg und vergaßen alles wieder.
Wenn der eine oder andere doch noch etwas von diesen Träumen in seinen
Gedanken behielt, dann konnte es jedoch auch bedeuten, dass er sein Leben
änderte und es mit anderen Augen betrachtete und genau darum ging es. Sie
konnten nur die Möglichkeit des Wiedergeborenwerdens erkennen und wenn sie
bereit dazu waren, ihre Seelen darauf vorzubereiten, machten sie einen
Schritt in die weitere Evolution des Menschen. Bisher hatten nur
außergewöhnliche Fälle den Sprung durch den Ring des Todes geschafft und
tatsächlich, sie sind der Beweis für dieses Gesetz der Natur und für die
Fähigkeit des menschlichen Geistes ewig zu leben.
Auch ich bin einer von ihnen, nur war ich nie zurückgekommen, doch es wird
geschehen. Würde ich euch aufsuchen, würdet ihr wahrscheinlich ähnlich
denken wie er und morgens, danach, vor dem Spiegel stehend zu euch selbst
sagen: "Pffff, ...so´n Scheiß.... Engel...?? Gibt's doch gar nicht...was ich
so manchmal träume ?!"
Ein, zwei oder drei tiefer gehende Gedanken tauchen in den nächsten Tagen
hin und wieder in euren Gehirnzellen auf, philosophische Bruchstücke aus dem
Bereich Leben und Tod. Der Alltag wird sie verschlucken, bis ich oder einer
von uns euch wieder besucht und sagt: "Hallo, was würdest du sagen, wenn du
wiedergeboren werden kannst ?"
Kommentare
moritz@countingcrows.de schrieb:
Wow, ich bin mir ziemlich unsicher, was diese Geschichte, oder vielmehr Diskussion angeht. Ich finde sie auf jeden Fall ziemlich gut auch wenn sich das Gespräch in eine Richtung entwickelt hat, die ich nicht erwartet hätte... also Wiedergeburt... und nicht nur einfach eine Diskussion über den Sinn des Lebens. Die Frage mit der Wiedergeburt hat sich sicherlich jeder schonmal gestellt, der wenigistens ein wenig über sein Leben nachdenkt. Die einen mehr die anderen weniger... Und diejenigen, die das Leben verstanden haben würden im zweifelsfall erneut Leben wollen. So seh ich das zumindest. Denn all das schlechte was mit dem Leben verbunden ist, ist niemals so viel und so überwiegend, dass das gute einen nicht wieder aufheitern könnte. Was würde ich sagen, wenn ich wiedergeboren werden könnte ?
-Na ja, ein wenig mehr Geld. Ein wenig besser aussehen. Und ein toller Kerl sein.
Das würden sicherlich die meisten sagen, die unzufrieden mit ihrem Leben sind. Aber der der unzufrieden mit seinem Leben ist, hat nur die Aufgabe nicht verstanden. Die grosse Aufgabe die jeder in seinem Leben hat. Nämlich LEBEN.
Würd mich über eine Antwort freuen.
mfg moritz
Sad Man@.gmx schrieb:
Ich bin der verzweifelte Mann und ich hasse das Leben. Wenn wir es rchtig bedenken, wird die Welt jeden Tag ein bisschen schlimmer. Ein bisschen Mehr Terror, ein bisschen mehr Gewalt. Ich persönlich möchte nicht in 100 Jahren, wenn ich immer noch leben würde mit Gasmasken rumlaufen und alle zwei Sekundendamit rechnen erschossen zu werden. Ich hoffe nur, dass ich das nicht erlebe.
ApFeLmUs_5 schrieb:
also ich finde das untypische für die kurzgeschichte ist das es kein offenes ende hat. ich bin zwar erst 14 traue mich aber trotzdem zu sagen das es nicht so wirklich dem entspricht was ich von einer kg weiß denn es ist noicht so kurz und offen wie sonst eigentlich!!!
peperoni86@web.de schrieb:
Vom literarischen her is es echt Klasse,schönre Dialog mit Auflösung am Ende. Nur der Übergang von ewigem Leben und Wiedergeburt ist etwas komisch. Da ist doch ein himmelweiter Unterschied... die Definition müsste klarer sein, ansonsten prima verfasst, aber nicht meine Meinung. Wir Menschen sind nicht für die Ewigkeit geschaffen, wir zerbrechen an dem Verscwinden unserer Zeit und die Wehmut nach vergangenen Tagen würde uns in den Wahnsinn treiben. Nur wenigen fähigen Personen würde das gelingen und eben Engeln.
Amen
gs.ph.2.schmeusser@spamgourmet.com schrieb:
Nett, aber es ist ein Bruch des Themas darin: zuerst geht es darum zu überzeugen, dass das Leben lebenswert ist und danach geht es um Wiedergeburt. Es ist nicht klar, dass Wiedergeburt das Hauptargument sein soll, dass das Leben lebenswert ist. Oder habe ich das falsch verstanden?
hexemadlen@web.de schrieb:
Die idee selbst ist nich schlecht, aber es ist...naja seltsam geschreiebn.
life schrieb:
Spitze geschrieben, toll erzählt. Das Leben ist lebenswert. Die meisten Menschen sehen sehr gerne das schlechte und haben immer die gleiche Anschauungsweise. Sie kommen nicht auf die Idee mal was schönes zu sehen wo mal was schlechtes ist. Jeder sitzt auf dem Stuhl hinterm Tisch und sieht es aus diesem Blickfeld, keiner stellt sich mal auf den Tisch und betrachtet es mal aus einer anderen Perspektive. Deswegen laufen viele Menschen mit Scheuklappen durchs Leben. Schade eigentlich.
Die Kunst ist es, sich einfach mal auf den Tisch zu stellen, wenns nicht rosig ausschaut!
mfg Das Leben
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