Familie gesucht
von
Anja Kletschka
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Familie gesucht
Martin schaut aus dem Fenster. Draußen ist es nass und grau. Das Wetter passt zu seinen Gefühlen. Es ist Vorweihnachtszeit, genau genommen der 6. Dezember, und Martin fühlt sich einsam.
Noch nie war er an den Weihnachtstagen ohne Familie. Dieses Jahr aber gibt es niemanden, mit dem er Weihnachten feiern kann. Sein Sohn Lasse musste beruflich nach New York. Ein Projekt, gerade zur Weihnachtszeit, hält ihn dort fest. Und Lasses Familie, seine Frau Stefanie, Sohn Nils und Tochter Emilia sind zu Weihnachten von Lasses Arbeitgeber eingeladen worden. Sie fliegen 2 Tage vor Heiligabend in die Staaten. Martins Frau ist schon vor 3 Jahren gestorben. Alle anderen Verwandten wohnen entweder weit weg oder feiern mit ihrer Familie, so sagen sie. Niemand hat ihn eingeladen. Den Adventskalender hat Martin gar nicht erst aufgestellt, alle Türchen sind noch geschlossen. Natürlich telefoniert er oft mit Lasse und mit seinen Enkeln. Heute zu Nikolaus hat er von Lasse eine liebe Mail mit einem singenden und tanzenden Stutenkerl erhalten.
Trotzig überlegt Martin, über die Weihnachtstage in die Karibik zu fliegen. Dann liegt er am Heiligen Abend eben in der Hitze am Strand und springt zum Abkühlen in den Ozean. Tatsächlich hat er sich schon einen neue Badehose gekauft. Aber freuen, nein freuen kann er sich nicht über seine Urlaubspläne.
Oft denkt er an Weihnachten zurück, als Lasse noch klein war. Bevor der Weihnachtsmann kam, gingen sie gemeinsam in den Stall, um ihren Pferden Halla und Hera, zwei Haflinger, eine Extraportion Möhren zu spendieren. Dazu gehörte es auch, den Stall mit Tannenzweigen zu dekorieren.
Danach begaben sie sich gemeinsam in das festlich geschmückte Haus zurück. Und es dauerte nicht mehr lang, bis die Bescherung begann. Er erinnert sich gerne an die leuchtenden Augen von Lasse, wenn er seine Geschenke auspackte.
Martin greift zum Stadtspiegel. Ein wenig Abwechslung würde ihm gut tun. Er liest gerne über die Vorkommnisse aus seinem Ort. Diesmal steht viel geschrieben über Weihnachtsmärkte und Adventsfeiern. Eine Grundschulklasse hat einen Tannenbaum mit selbst gebastelten Sternen dekoriert. Auf den Bildern sieht er viele glückliche Kindergesichter.
Seufzend blättert er die Seite um und liest die Kleinanzeigen. Die Anzeige springt ihm sofort ins Auge
Suche Familie. Weiblich, 55 Jahre. Ich liebe Harmonie und Gemütlichkeit, Tel. 02303 / 12…
Martin blättert zur nächsten Seite, aber konzentrieren kann er sich nicht mehr. Er blättert zurück und wieder vor und wieder zurück. Sein Blick kann sich nicht von dieser Anzeige lösen. Nein, niemals wird er anrufen. Er hat ja eine Familie, nur, die ist eben gerade nicht greifbar. Und er hat viele Freunde und Bekannte, da er doch im Sportverein, im Chor und im Förderverein zur Erhaltung des Kurparks aktiv ist. Nein, er ist nicht einsam, aber andererseits…. eine Familie ersetzen sie nicht.
Soll er vielleicht doch? Die Telefonnummer ist aus seiner Stadt, man könnte vielleicht nur mal kurz anrufen und ganz schnell wieder auflegen. Gedankenversunken krault Martin den Kopf seines Schäferhundes Dana. Dana schleckt ihm dankbar die Hände ab. Immer wieder schweifen seine Gedanken zu dieser Anzeige.
Er blickt auf Dana: „Soll ich wirklich anrufen?“ Dana schaut ihn mit dunklen Augen an. Martin wird das Herz schwer, wenn er daran denkt, dass Dana in eine Hundepension ziehen muss, während er in der Karibik weilt. Und das über Weihnachten, Nein, das geht nicht!
Zögernd greift er zum Telefonhörer und wählt die Telefonnummer. Nach kurzer Zeit meldet sich eine warme, dunkle Frauenstimme: „Isabell Walther“. „Hallo Frau Walther. Mein Name ist Martin Schumann. Sie suchen eine Familie?“
„Ja, die suche ich. Weihnachten steht vor der Tür und meine Kinder sind schon groß und in der Welt verteilt. Leider kann ich aus gesundheitlichen Gründen nicht zu ihnen fliegen. Ich möchte Weihnachten nicht alleine sein und dachte, vielleicht gibt es ja noch jemanden in der Stadt, der auch so denkt,“ erklärt Isabell Walther.
Martin räuspert sich:“ Ja, ähm, eigentlich habe ich ja eine Familie, aber dieses Jahr….“
Isabell unterbricht ihn: „Herr Schumann, ich höre schon, dieses Jahr teilen wir das gleiche Schicksal. Wollen wir uns nicht mal ganz unverbindlich treffen?“
Martin fasst sich ein Herz: “Ja gerne, wo?“
„Ich schlage vor, wir treffen uns im alten Café an der Stadtmauer. Vielleicht morgen, 16:00 Uhr?“
Nachdem Martin aufgelegt hat, ist er beschwingt und aufgeregt zugleich. Was wird Isabell Walther für ein Mensch sein?
Am nächsten Tag ist Martin schon 10 Minuten früher im gemütlichen Café. Sein Blick hängt an der Eingangstür. Da, die Tür öffnet sich und eine Frau tritt ein. Gut sieht sie aus. Dunkle Haare, nicht ganz sportlich, aber nicht dick und mittelgroß. Aber das auffallend Schönste ist ihr liebes Gesicht.
„Herr Schumann?“ Sie bleibt an seinem Tisch stehen. „Ja, Frau Walther?“. Er schiebt ihr einen Stuhl zurecht. Nach einer kurzen Verlegenheitspause stellen sie sich gegenseitig Fragen, über die nicht vorhandene Familie, über den Beruf, über Hobbys und und und. Sie merken schnell, dass sie viele Gemeinsamkeiten haben. Beide lieben lange Wanderungen, Urlaube auf Texel und in der Toskana, Rotwein vor dem Kamin und so weiter.
Isabell und Martin beschließen, sich noch einmal zu treffen. Sie planen einen langen Spaziergang im nahen Naturschutzgebiet zu machen und das gleich am nächsten Wochenende, am 2. Advent.
Pünktlich zum verabredeten Spaziergang schlägt das Wetter um. Es wird kalt und Schnee fällt herab. Die Stadt verwandelt sich in eine wunderschöne Winterlandschaft.
Auf ihrem Spaziergang erfahren sie noch mehr über sich. Gemeinsam lachen sie über Dana, die ausgelassen im Schnee tobt. Die Welt sieht auf einmal viel erfreulicher aus.
Es folgen noch einige Spaziergänge, Weihnachtsmarkt- und Cafébesuche und Telefonate. Beide sind sich einig, sie feiern Weihnachten zusammen. Dieses Jahr soll es bei Martin sein.
Am Morgen des Heiligen Abends trifft Martin mit Vorfreude, aber auch mit etwas Wehmut, die Vorbereitungen.
Ja, er freut sich darauf, Weihnachten mit einem lieben Menschen zusammen zu feiern. Er ist überglücklich, die Weihnachtstage nicht alleine in der Karibik zu verbringen müssen und dafür Dana bei sich zu haben.
Er schaut auf den alten kleinen verschneiten Stall herüber und überlegt, vielleicht doch wieder ein Pferd, nein besser zwei, dort einzustellen. Jetzt, wo er in Pension ist, hat er doch wieder mehr Zeit und seine Enkel würden sich ein Bein abfreuen. Ja, der Gedanke gefällt ihm immer besser.
Morgens in aller Frühe hat er schon für die Feiertage eingekauft. Heute, am Heiligen Abend, haben Isabell und Martin beschlossen, Fondue zu machen. Am 1. Weihnachtstag gibt es Roastbeef auf Rucola mit Spinat-Gnocchis und am 2. Weihnachtstag bereitet Isabell eine leckere Entenbrust in Orangensauce zu.
Das Fleisch für das Fondue ist bereits in Rotwein und Orangensaft eingelegt. Baguett und kleine
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