Familienessen
von
GOLES
Im Leben eines jedem gibt es Omis.
Omis sind wirklich liebenswerte Geschöpfe, welche auf ihre ganz eigene Art der liebenden Verwandtschaft das reelle greifbare Gruseln lehren.
Wohl erzogen sitzen die Nachkömmlinge bei der Guten am Mittagstisch, wohlwissentlich, das es ihnen danach fürchterlich schlecht gehen wird.
Und das hat selten mit den wunderlichen Gewürzmischungen der alten Dame zu tun.
In unserem Falle muss man vorweg sagen, das Madamchen eine bewegte Geschichte hat und durch Flucht, Krieg und Armut so manches mal hungernd ins Bett ging.
Das erklärt den unheimlichen Drang, nichts von den Nahrungsmitteln verkommen zu lassen, wobei wir wieder bei der Ureigenen Angst diverser Familienmitglieder angekommen sind.
Damals war es uns ein Vergnügen bei ihr zu speisen.
Irgendwie lieferten sich Mama und Omi einen Wettkampf.
Tischte die eine an einem sonntäglichem Miteinander drei verschiedene Gemüsesorten auf, waren bei dem Gegentreffen mindestens vier.
Beim Fleisch war es ähnlich und die Mengen an guter, exquisit zubereiteter Soße stiegen literweise...von Mahl zu Mahl.
Wir Kinder liebten ihre geschmackvollen Zubereitungen und sie liebte es uns dahin schwelgen zu sehen.
Das liebt sie noch Heute...leider!
Im Laufe der Zeit veränderte sich der Zustand ihrer Werke.
Zunächst schrieben wir es dem Verlust unseres Opas zu, denn sein Ableben war ein schwerer Schlag für Omi.
Später dünkte uns aber, das zum Einem die Leidenschaft fürs Kochen dahin war und zum Anderen die Lust am selbigem Tage in der Küche stehen zu müssen.
Dank der guten Einfriertechnik wurden die Mahlzeiten vorher gekocht, dann eingefroren und bei Bedarf getaut, gewärmt und serviert.
Geschmacklich kaum merkbar...Anfangs.
Omis werden eben älter und unsereins wollte sie nicht belasten mit Traditionen.
Wir versuchten sie einfach zu uns, mittlerweile erwachsenen Enkelkinder, einzuladen, doch sie wirkte beleidigt.
In ihren Augen soll alles so bleiben wie es war und fertig.
Nach einer Einladung zum Osterfest war es mein Mann, welcher über Bauchschmerzen und Übelkeit klagte.
Er übergab das Essen an die Keramik und hatte nach drei Tagen intensiver Darmprobleme noch immer keinerlei Erklärung für diesen Vorfall.
"Das lag bestimmt an dem Brokkoli..." mutmaßte er.
Das Problem nun war, wo sollte dieser Brokkoli hergekommen sein, denn soweit sich unser Familienclan einig war, gab es diesen an jenem Tage nicht.
"Ich hatte Brokkoli in meiner Soße!" beharrte mein Gatte weiter...
Nach dem darauf folgendem Weihnachtstreffen erlag die ganze Familie einer geheimnisvollen Magen und Darmgrippe...
Jenes Ereignis rief die familiären Späher auf den Plan.
Von nun an wurde genauer hingeschaut und es kamen einige Unappetitlichkeiten zu Tage.
Die gute Frau stand in der Küche, stapelte die gebrauchten Teller zunächst in eine Ecke ihrer Ablage und wischte die Reste ebenfalls in eine Tubberdose, bevor die Teller im Geschirrspüler verschwanden. IHGITT !!!!
Das erklärte dann im Nachhinein auch den kuriosen Brokkolifund meines Mannes.
Als ob dieses nicht schlimm genug wäre, packte sie die Dose mit den Resten aus Topf und Teller in den Kühlschrank und sagte:
"Wenn meine Nachbarin die Tage zu mir kommt, kann ich ihr etwas Feines anbieten!"
Kam diese Frau nicht, was irgendwie verständlich scheint, landete die Dose nun wieder im Eisfach und wurde zur nächsten Gelegenheit mitverarbeitet.
Eigentlich ist es wirklich ein Wunder das noch niemand ernsthafte Folgeschäden hat erleben müssen.
Die Tatsache, das die Darmgrippe eine Salmonellenvergiftung hätte sein können, hinderte unseren Drang die Dame zu besuchen.
Das Leben meiner Kinder war mir wichtig!
So entstand die Angst geladen zu werden und nicht immer war uns das Schicksal gnädig.
OK, man hätte ihr sicherlich von unseren Ängsten berichten können, doch ihre zarte, labile Person hinderte uns daran. Wir wollten sie nicht enttäuschen, nicht beleidigen, sie nicht in ihrer Ehre kränken und hielten die Klappe.
Meine Wenigkeit besuchte sie jedes Mal voller Hoffnung etwas Frisches aufgetischt zu bekommen, was mal klappte, mal nicht.
Da sah man dann jenen Eisklotz im Topfe schmelzen, der Blick in die Küche wurde Routine, und überlegte krampfhaft was denn passieren könne, damit man es nicht essen müsse.
Eine vorrangegangene Magerkur war mein Glück.
Wir saßen uns am Tisch gegenüber, Omi war so glücklich mir den geliebten Kalbsbraten vorsetzen zu können, und redeten über alles mögliche. Auch über meine Diät.
"Dann hat sich dein Magen verkleinert und du kannst gar nichts mehr vernünftig essen..." stellte Omi mit bedauern fest.
"Stimmt leider, Oma!" antwortete ich in dem glücklichen Moment eine Nudel ohne Soße gefunden zu haben, welche ich mir in den Mund schob.
Ein bisschen verwundert über deren Konsistenz schluckte ich sie herunter.
"Die Nudeln konnte ich Gestern schon vorkochen, meine Liebe!" erzählte Omi und innerlich brach ich zusammen.
Wie konnte man in der Heutigen Zeit Nudeln Warmdünsten, der Aufwand blieb doch der Gleiche. Und das mir, mir alten Mafiabraut!
Zaghaft piekte ich ein Stück Kalbsbraten auf die Gabel, welches umgehend wieder herab flutschte.
Irgendwie ließ sich das Biest nicht greifen.
Es zerfiel in kleinste Stücke bei jedem neuerlichen Versuch es auf das Essbesteck zu befördern.
Genervt schob ich es mit dem Messer auf die Gabel und aß.
Wie man sich fühlt, wenn man weiß...
Wenn ich mich eben noch über die Festigkeit der Nudel gewundert habe, erlebte ich hier ein neues Geschmacksereignis.
Schloss ich die Augen, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen, ob es sich um einen Pilz oder um eine Gurke handelte.
Fakt war leider das es Fleisch hätte sein sollen.
Das normalerweise faserige Tier war absolut nicht mehr zu identifizieren, so zart war es nach wohl mehrmaligem Aufwärmen. Ich überlegte, wann es denn den letzten Kalbsbraten gab und wieviel davon hätte übrig bleiben können. Das war vor zwei Jahren...
Nun schaute ich genauer auf die Speise und hoffte im Stillen:
"Lieber Gott, lass die grünen Punkte Petersilie sein!"
Es klingelte an der Tür und Oma verschwand aus dem Esszimmer.
Suchend schaute ich mich um, fand aber weder Hund noch Katze noch Blumentopf, wo ich das Essen hätte entsorgen können.
"Gut , wir machen wieder Diät!" dachte ich mir.
Draußen im Flur hörte ich zwei alte Ladys über Speisen, Enkel und andere Nettigkeiten plaudern.
Omi verschwand in der Küche um der lieben Frau Nachbarin ebenfalls einen Teller dieser leckeren Spezialität anzurichten und die andere Dame setzte sich zu mir.
Nun wurde mir richtig schlecht.
Diese Madame roch nach ihrem schweißnassen Acrylkleid und Medikamenten, die Haare waren fettig und die Zähne locker.
Eine glückliche Fügung war es, das sie lieber im eigenen Heime essen wollte und der kleine Teufel in mir vermutete, das sie das Essen wohl umgehend im Mülleimer versenkte. Die Beiden kannten sich schon länger!
Omi schob meine Reste vom Teller wieder in eine Plastikdose, füllte die Reste aus dem Topfe mit hinein und gab es mir mit.
"Für deinen Mann. Dann hat er auch etwas worauf er sich freuen kann, wenn er schon immer so eingespannt ist und nicht mitkommen kann, der Arme!"
"Omi, das ist ja so lieb von Dir! Der wird sich riesig freuen!"...und unser Mülleimer auch.
Ich überlegte noch auf der Heimfahrt, welche sich Aufgrund heftiger Magenkrämpfe schwierig gestaltete, das Essen in einem Labor analysieren zu lassen um eine reelle Überlebenschance zu haben...
Ein Telefonat mit meinem wertem Herrn Papa informierte mich über weitere Attacken auf unseren Magen- Darmtrakt.
Einen leckeren Mecklenburger Superbraten, mit Trockenfrüchten hatte sie zubereitet...am Mittwoch.
Papi war für Freitag geladen, daher bräuchte sie ihn nicht einfrieren. Das tat sie wohl dann am Samstag, denn Papi, der nette Galan, lud die Dame in ein Restaurant ein, also Vorsicht, den Braten gibt es noch!
Irgend ein armer Tropf wird diese Spezialität essen, sich über die Pilze wundern, welche doch eigentlich Früchte sind...
Gestern rief sie mich an!
Es wird ein familiäres Kaffeetrinken geben, Kuchen backen kann sie super und wird dieser mal aufgetaut serviert, besteht wenig Gefahr.
Man entwickelt eine Schläue, die man nie für möglich gehalten hätte und nichts auf dieser Welt ist prickelnder, als das Gefühl, dem Mittagessen entkommen zu sein.
Kommentare
genervt@gmx.de schrieb:
Eine sehr... kreative Geschichte. Da hofft man ja das du nicht aus eigener Erfahrung heraus berichtest!!!!
Ich hoffe ich muss mir bei meiner Oma keine Sorgen machen.
Nein, ich muss neidlos zu geben: Eine sehr interessante Geschichte die sich sehr gut lesen läßt.
Sorry, ich bin nicht so gut im Komplimente geben.
Freue mich schon auf weitere Geschichten, habe deine Anderen nähmlich auch schon gelesen.
Amitiè maemae
goles1@web.de schrieb:
Danke! Leider ist es so eine Art Tatsachenbericht...
Freue mich das es Dir gefiel.
Gruß
schi_schi2002@yahoo.de schrieb:
Geschichte zum Ablachen! Für eure Familie wahrscheinlich nicht so, da es eine wahre Begebenheit ist?! Aber deine Art traumatische Dinge (hab deine anderen Werke auch schon gelesen!) in so was umzuwandeln, ist einfach große Klasse! Du bist sehr talentiert! Weißt du, keine Ahnung ob es dich interessiert, aber ich denke auch schon die ganze Zeit daran etwas zu veröffentlichen! Die Seite kenn ich seit einem Jahr und bin echt begeistert von dieser Idee! In näherer Zukunft werde ich mir Zeit nehmen und eine Kleinigkeit verfassen! Als Anfang wird es wahrscheinlich ein Leserbrief sein! Hoffe auf deine Anteilnahme und deine Kritik!
lg Olga
goles1@web.de schrieb:
Sobald irgendwo eine "Olga" unter den neuesten Geschichten auftaucht, werde ich es sofort lesen, keine Bange...ich such mich schon dumm und dusselig-Danke das Du mir jetzt erzählst das es Dich noch nicht gibt ;0)))*fg*
Was den Leserbrief angeht...naja, Du hast den Meinigen sicher gelesen und festgestellt, das Leserbriefe, unter Umständen, allerhand lustiges zu Tage bringen können. Viele "Kritiker", egal ob von der positiven oder von der negativen Seite, vergessen, das es eben ein BRIEF ist, keine Geschichte! Leserbriefe rütteln das Geschehen hier im Paradies auf, was gut so ist. Ich denke einen solchen werde ich demnächst wieder ins Rennen schicken und Reaktionen provozieren...kleine Meinungsaustausche via Kommentar machen das Ganze liebenswert, oder? So! Dann hau in die Tasten, wringe Deine Phantasie und lass mich nicht so lange warten;0)))
LG
Goles
schi_schi2002@yahoo.de schrieb:
Sorry, mich gibt es noch nicht! Hab zur Zeit viel zu tun. Versuche gerade mein durchschnittliches leben so gut wie es geht in den Griff zu kriegen! Aber ich versprechs dir, dass wenn es mit meinen Kritzeleien so weit ist, werde ich dir sofort eine Nachricht zukommen lassen! Du hast dann die große Ehre, eine der Ersten zu sein ;o))....
lg Olga
mails_an_laura@web.de schrieb:
Absolut genial! Witzig geschrieben, man liest sich sofort rein.
Außerdem: Danke das du mir gezeigt hast, dass es noch schlimmer geht als bei meiner Oma *fg*
lg
Laura
crazygirlnali15@web.de schrieb:
genial,genial,genial! Das ist noch besser als deine sockenphilosophie!!!!
Schreib doch noch mal was über kleine Kinder oder Großfamilien!
Tine schrieb:
Deine Oma is ja echt voll eklig, aber auch irgendwie ganz omamäßig normal. Hast ne echt coole Geschichte geschrieben.
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