Ferne Nähe
von
Juuulie
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Ferne Nähe
-Ob es Liebe ist?
Es war letztes Jahr im Mai als sie sich kennen lernten. Bei ihr zu Hause, im Wohnzimmer.
Exakt viertel nach acht war es, als sie zum ersten mal in seine tief blauen Augen blickte. Schöne Augen hatte er.
Es war ein warmer Abend im Mai, dem Wonnemonat. Ein anstrengender Tag war es für sie gewesen. Morgens hatte sie sich schon zu früher Stunde durch die Bruchrechnung im Matheunterricht gequält und dann hatte ihr auf dem Heimweg auch noch der blöde Kerl von gegenüber ein Bein gestellt.
An einem Tag, den sie mit nichts als in sich gekehrter Entspannung ausklingen zu lassen vermochte, erschien er auf ihrer Bildfläche. Um viertel nach acht.
Er war offensichtlich nicht allein gekommen. Schon nach kurzer Zeit hängte sich eine blonde, stark geschminkte Tussi mit meterlangen Beinen an seine Seite und ließ nicht mehr von ihm ab. Unsere Heldin spürte einen Stich im Magen, wenn er die Blonde ansah und dieser seine glühenden Blicke schenkte. Sie starrte ihn ununterbrochen an, als könnte sie ihn beschwören, seine Augen nur ihr zuzuwenden. Aber er schien sie nicht zu bemerken.
Frustriert riss sie eine Tüte Kartoffelchips auf um diese geräuschvoll zu verschlingen. Und auf einmal sah er sie an. Nein, er hatte sie nicht gehört. Das wusste sie genau. Er war ein Superheld, das erklärte er ihr, und sie lauschte andächtig seinen Worten. Er war ein Superheld und musste die ganze Welt und alle Menschen retten.
Sie war beeindruckt. Welch ein Geschenk Gottes, dass sie einen solchen Menschen kennenlernen durfte. Diese himmlisch blauen Augen, die sein beinahe perfektes Gesicht schmückten in Kombination mit der Tatsache, dass er ein Superheld war, waren einfach überwältigend. Ganz abgesehen davon hatte er eine angenehme Stimme, die sich zärtlich in ihren Gehörgang schlängelte und ihr jeglichen Verstand raubte.
Er redete viel, mit all Leuten, die anwesend waren. Manche sahen sehr wichtig aus und bewarfen sich gegenseitig mit Fachbegriffen, andere schienen dem Mann mit den himmlisch blauen Augen nicht gerade wohlgesonnen zu sein und grummelten bösartige Pläne vor sich hin. Sie versuchte, ihn zu warnen vor jenem Bösen. Aber er schien sie nicht zu verstehen. Generell redete er wenig mit ihr. Einige Floskeln hier und da, über Superhelden an sich oder darüber, wessen Leben er als nächstes sichern würde. Würde ihres auch dabei sein?
Er erkundigte sich kein einziges mal nach ihrem Wohlbefinden oder nach ihren Hobbys, ihrem Leben an sich oder ihren Freunden. Er stellte ihr keine einzige Frage.
Gerade wollte sie ansetzen, ihm von ihrem anstrengenden Tag zu berichten, als ihr die blonde Frau zuvorkam, sich den Superhelden schnappte und ihm vor den Augen unserer Heldin einen dicken Schmatzer auf die Lippen drückte. Diese traute dem nicht, was sie da mitansehen musste. Hatte er sie einfach so hintergangen? Oder war es vielleicht nur ein Kuss des Dankes gewesen? Hatte er womöglich gerade das Leben der Blonden gerettet?
Endlich lösten sich die Lippen der beiden voneinander, er hatte keine Zeit mehr, war in Eile, musste noch einige Leben retten. Ein vielbeschäftigter Mann. Unsere Heldin resignierte. Gewiss würde er sich gar nicht für ihre Geschichten interessieren.
Da wandte er sich ihr zu, seine blauen Augen funkelten und er erklärte, dass das ein Fehler gewesen wäre mit der stark geschminkten Tussi. Sie wäre nur seine Assistentin, eine rein geschäftliche Beziehung.
Unserer Heldin fiel ein Stein vom Herzen. Sie fühlte sich ihrem Superhelden gleich ein ganzes Stück näher, er rückte in beinahe greifbare Distanz. Und diese Blonde, ha, die auszuschalten wäre wohl ein leichtes Spiel.
Es wurde so langsam dunkel im Wohnzimmer und unsere Heldin kuschelte sich unter eine warme Wolldecke um weiter den Worten ihres Angebeteten zu lauschen. Wie schön es wäre, wenn er sich jetzt zu ihr unter die Decke legen würden, mit seinen Füßen zärtlich ihre Beine auf und ab fahren würde und ihren Nacken küssen würde. Sie konnte die Gänsehaut regelrecht fühlen.
Wie schön es wäre.
Zu schön um war zu sein, leider. Es war unmöglich.
Bei ihm war es nicht dunkel.
Eine weitere Gestalt drängte sich in die Bildfläche. Eine Person, die niemand hereingebeten hatte, die nur Unheil überbringen konnte.
Die Heldin zog sich die Wolldecke über den Kopf, versuchte sich vor der Gestalt zu verbergen, scheiterte aber jämmerlich.
„Madame, jetzt ist aber Sense. Ab ins Bett mit dir. Schreibst du nicht morgen eine Mathearbeit über Bruchrechnung?“
Die ungeliebte Gestalt verbannte den Superhelden, das blonde Model und alle anderen Besucher mit einem Handgriff aus dem Wohnzimmer und stellte sich vor unsere Heldin. „Ab ins Bett mit dir!“
„Mama...,“ die Heldin war den Tränen nahe und verließ mit hängenden Schultern das Wohnzimmer. Vor ihrem inneren Auge erschien das Profil des Superhelden mit den wunderschönen Augen.
„Wir werden uns wieder sehen“, flüsterte er. „Nächste Woche um viertel nach acht.“ Seine Lippen bewegten sich nicht.
Wahrscheinlich wusste er nicht einmal, dass es sie gab.
Dies ist die überarbeitete Version meiner Geschichte "Großes Kino". Würde mich über Kommentare zur Bearbeitung und zum Titel freuen!
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Kommentare
zOe schrieb am 2008-01-18 21:29:22:
kompliment, das ist dir wunderbar gelungen! genau so ergeht es einem... :D
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