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Kategorien > Seniorengeschichten > Zwischenmenschlichkeit

Finale Buchung / Der Praktikant

von Horst Möller

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Finale Buchung

„Freies Hospiz, Jehnseiz, guten Tag was kann ich für Sie tun?"

„Hier spricht Frau Schmidt, wir hatten gestern schon einmal telefoniert, Herr Jehnseiz."

„Ja, natürlich Frau Schmidt, Sie wollten sich noch ein paar Fragen überlegen, dann mal los, ich hoffe ich kann möglichst viel beantworten."
Er klang engagiert und freundlich, ruhig.

„Bitte erzählen Sie mir kurz etwas über das Freie Hospiz und Ihren Service der finalen Buchung,"
Frau Schmidt klang etwas unsicher und doch konzentriert, erwartungsvoll.

„Nun, die Stiftung Freies Hospiz wurde aus dem Nachlass mehrerer Milliardäre gegründet, wir sind damit unabhängig von Pharmaunternehmen genauso wie von Religionen und Kranken- kassen, trotzdem sind alle gesetzlich verpflichtet unsere Serviceleistung zu unterstützen. Wir finanzieren uns über Spenden und unserer sehr guten Kapitalausstattung. Wir sind auch dabei noch eine gesellschaftsbindende Neuerung durch- zusetzen. Dazu später noch etwas. Das Freie Hospiz ist durch Forschungen zu einem neuen Konzept gelangt. Wir lassen die Menschen freien bewussten Geistes IHR Leben beenden. Dazu können Sie auch auf unserer Webseite die verschiedenen Angebote mit 3D Animation anschauen. Was ist denn Ihre Intension für die finale Buchung, Frau Schmidt?"

„Ach wissen Sie Herr Jehnseiz",
Frau Schmidt klang stabil und gefasst,
"ich habe zum Glück auch kein Krieg miterlebt, habe aber viel gearbeitet, drei Kinder großgezogen und eigentlich für sie gelebt, zwei Männer überlebt und jetzt sterben auch alle Freunde und Bekannte langsam weg oder sind schon so dement mich nicht mal mehr zu erkennen. Das bringt keinen Spaß mehr. Meine Rente lässt auch keine Weltreisen zu, könnte ich körperlich auch nicht mehr. Noch bin ich so fit mich selbst um alles zu kümmern und vor allem mich persönlich über Ihre Freie Hospiz Arbeit zu informieren."

„Und die Kinder und Enkel", warf Jehnseiz ein.

„Die stehen fest im Leben und müssen schon selbst damit fertig werden, besonders in unserer Zeit, denen will ich nicht auch noch zur Last fallen. Ich glaube auch das Sie mich so fit wie ich jetzt noch bin viel schöner erinnern werden, als wenn Sie zusehen müssten wie ich am Tropf in den Hungertod gezögert werde. Habe ich für meinen zweiten Mann noch machen müssen, nicht operabler Darmkrebs im Endstadium. Damals war es unter Strafe gestellt, die vorhandenen Morphiumspritzen auf einmal zu benutzen, er hat fast einen Monat zum Verhungern gebraucht, schlimm, das möchte ich für mich anders geregelt wissen."
Sie machte eine Pause und holte tief Luft.
„Im letzten halben Jahr bin ich dann noch passiver geworden, von manchen Kreuzworträtseln die ich vor zwei Jahren noch vollständig gelöst habe, schaffe ich heute nur noch etwas mehr als die Hälfte. Bevor ich in die Altersdemenz abrutsche komme ich lieber zu Ihnen."

„Kann ich voll verstehen es geht vielen ähnlich, Frau Schmidt, dann erzähle ich jetzt noch etwas zur finalen Buchung",
sie hörte, er sprach nicht über eine Freisprecheinrichtung sondern wechselte das Telefon in die andere Hand,
„da normalerweise der Mensch in Mitteleuropa in den letzten zwölf Monaten seines Lebens etwa fünfzig Prozent der Krankenkassenkosten verbraucht, war nicht zu erwarten das der medizinisch industrielle Komplex begeistert war und alle Religionen Beifall klatschten, schließlich entziehen wir ihnen extrem viel Wertschöpfungskapital. Einige Religionen sahen in dieser neuen Sterbebegleitung ein zerbrechen ihrer Daseinsberechtigung, wir konnten uns aber rechtlich vollständig durchsetzen. Zudem sind die meisten Lebensläufe heute doch Wirtschaftswunder, satt, großer existenzieller Wohlstand, Beruf, Familie, Frieden, da lässt sich leicht für unser Konzept werben. Da ist nicht mehr die Kriegsgeneration, die noch wirklich Bomben fallen gehört hat, Hunger, Leid und Tod, da hat man dann doch noch eine etwas andere Sichtweise."
Jehnseiz räusperte sich und setzte wieder an:
„Die finale Buchung ist unser erfolgreichster Service, die Krankenkassen sind bei Frauen ab dem fünfundsiebzigsten Lebensjahr verpflichtet mindestens einmal pro Jahr diese Leistung frei zu erbringen, für Sie Frau Schmidt, ist also alles kostenfrei."

„Das hatte ich mir schon gedacht mit meinen zweiundachtzig Jahren",
fügte Frau Schmidt dazwischen.

Jehnseis fuhr mit seinen Ausführungen fort:
„Bei der finalen Buchung besuche ich Sie erst einmal und wir wählen möglichst viele Bilder, Filme und persönliche Erinnerungsstücke aus, auch werde ich Sie ausführlich zu ihrer Person und Ihren Lebensumständen befragen. Sie können Ihre Lieblingsmusik und Filmthemen von Kunst, Natur bis Erotik zusammenstellen, daraus wird ein Programm erstellt welches zur finalen Sitzung gezielt eingespielt wird. Sehen Sie dazu auch unsere Webseite zur Ausstattung des finalen Raumes mit den verschiedenen Entspannungsmöglichkeiten, auf den Wänden und der Decke wird Ihr Wohnraum projiziert damit Sie optisch zu Hause bleiben, die Aufnahmen dazu machen ich bei meinem Besuch. Sie haben dann die Wahl zwischen verschieden Begleitformen, natürlich auch religiöse Rituale und Anwesenheit der Familie oder enger Freunde, wird allerdings nicht mehr oft gebucht. Zum Ausstieg können Sie diverse Drogen Cocktails zu sich nehmen mit Mediatoren Führung. Wir sind zu zwei Hauptlinien gekommen mit Orgasmus oder ohne."

„Was meinen Sie damit",
Frau Schmidt war ganz Ohr.

Jehnseiz spulte die Informationen ansatzlos ab:
„Wenn eine Dysfunktion der Geschlechtsorgane, meist bei Männern, oder nicht wieder aktivierbares Interesse vorliegt, dann empfehlen wir eher MDMA in Verbindung mit Canabis und Psylocibin. Wenn ein Orgasmus möglich sein könnte geben wir gerne LSD mit Canabis, gegebenenfalls noch mit verschiedenen Räucherschalen über die lange Zeit der Sitzung ergänzt. Die Zielführung des Ausstiegs strebt den Orgasmus an, dieses Urgefühl des Fortpflanzungstriebes, die Intensität, verbunden mit der komplexesten Ausschüttung körpereigener Endorphine, Hormone und Transmitter. Nach der im Schnitt zehnstündigen Sitzung folgt der Erschöpfungsschlaf, Sie müssen nicht wieder aufwachen, aber Sie können."

„Wie, ich dachte das ist das Finale",
stieß Frau Schmidt dazwischen.

„Statistisch erleben fünfzig Prozent schon während der Sitzung einen Herzanfall oder Schlaganfall der durch unseren Aus- stiegsschlaf sofort beendet wird. Vierzig Prozent unserer Kunden überleben die anstrengende, intensive mentale Über- wältigung, können sich depersonalisieren, sind dann frei, gelöst, emotionserschöpftbetäubt und sicher alles getan zu haben, diese Kunden buchen auch den Ausstiegsschlaf fest. Alle anderen Kunden buchen den Ausstiegsschlaf nur bei Komplikationen, welche ich schon erwähnt habe."
Jehnseiz, holte tief Luft und mit einem Lächeln in der Stimme sagte er:
„Aus meiner Mediatorenpraxis kann ich von einem netten Kunden berichten, siebenundachtzig, er hat schon dreimal die finale Buchung ohne Ausstiegsschlaf überlebt. Der

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