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Kategorien > Gesellschaft > Zum Nachdenken

Finish

von siebenmeilen stiefel

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Auf dem Weg zum Gipfel, sammelte sie ein paar halbwelke Blumen, die im Staub wuchsen – sie wollte nicht ganz mit leeren Händen oben ankommen. Sie hatte sich erstaunlich munter gefühlt, als sie heute Morgen aufgewacht war. Sie hätte nie gedacht, dass sie sich nach all dem noch einmal so fühlen würde. Doch dieses morgendliche Hoch war weggewischt und sie fühlte sich mit jedem Schritt elender. Sie dachte nach.
Wann die Sache aus dem Ruder lief, kann niemand mehr mit Sicherheit sagen. Fest steht nur, dass die Folgen katastrophal waren, es war gut geplant, mit viel Akribie und Gespür für den Nerv der Zeit, aber zu Ende gedacht war es nicht. Einige sagten, erste Anzeichen habe es schon gegeben, als sie anfingen, den Müttern weiszumachen, dass sie ihre Babys nicht auf den Armen oder auf dem Rücken tragen sollten, sondern dass es besser wäre, sich einen Kinderwagen anzuschaffen. Da mag was dran sein, aber Richtig angefangen hat alles mit Sutex40. Eine kleine Pille, 100 Mal schöner als ein Schuss Heroin, 1000 Mal so schön wie ein Orgasmus, innerlicher beglückender als Vater zu werden, atemberaubender als ein Sternehimmel in der Namibwüste, als der Geruch kühler Morgenluft nach einem Herbsturm, als tausend Sonnen und als der erste Flutschfinger mit sechs Jahren. Das Segenreichste an Sutex40 war allerdings, dass sie den zuckersüßen Tod brachte. Als es nach langwierigen Gezanke, zähen Moraldebatten, Diskussion und Ethikgeplänkel endlich den Weg in die Welt fand, wurde es gepriesen als der Messias des zweiten Jahrtausends, löste es doch alle Probleme mit denen sich Politik und Gesellschaft seit jeher konfrontiert sahen. Zuerst waren es die Alten, die vielen Großmütter und Großväter, die in drittklassigen Heimen saßen, und von Gott und der Welt verlassen auf den Tod warteten, die reihenweiße zugriffen. Als diese Zielgruppe erledigt war, versuchte man, dem Mittel mit einer großangelegten Werbekampagne, neue Tore zu öffnen, mit Erfolg.
Als nächstes griffen die Obdachlosen, die Penner und Alkoholiker zu, dann die schwer Kranken, dann die Depressiven. Doch auch die waren bald am Ende und unmerklich wurde die Droge zu einem Selbstgänger, der vor nichts halt machte, und sich vermehrte wie Ratten in den Abwasserkanälen des frühen Londons und Flöhen gleich von einer Subkultur auf die nächste übersprang. Es wurde später dann noch an der Pille herumgebastelt, so dass sie den Tod nicht beim ersten Mal brachte, sondern erst nach mehreren Räuschen, doch zu dem Zeitpunkt war der Drops schon längst gelutscht. Sutex40 war im Gespräch wie eine Zehnerschachtel Bioeier, wie Fernsehen, wie Schach auf dem Computer und weiße Weihnacht, wie eben all die alltäglichen Dinge.

Wirtschaftlich sprengte Sutex40 jeden Rahmen. Die Profiteure, die am Drücker waren, verdienten sich mehr als eine goldene Nase, sie verdienten sich einen Arsch aus Platin. Das Problem war, dass der Wirtschaft irgendwann die Arbeitskräfte ausgingen. Es fing an in den Entwicklungsländern, dort wo es den Menschen schlecht ging, wo man sich ins Paradies wünschte. Und Plötzlich wurde das Paradies greifbar. Ganze Familien gaben sich den letzten großen Kick. Sogar Sterbekinos wurden eingerichtet, zuerst illegal, dann legal. Schließlich schaffte dieser letzte große Kick auch den weg nach „good old Europe“ und nach Amerika. Die Wirtschaft ging total den Bach runter, den Supermärkten gingen die Kassierer aus, in den Krankenhäusern meldeten sich die Schwestern krank, vor dem letzten Schuss. Kurz: Alles brach zusammen. Und um so mehr zusammenbrach, umso mehr Menschen hungerten, umso mehr gaben sie sich den letzten großen Kick. Nur die Hersteller von S40 verdienten noch. Aber irgendwann war auch das zu Ende. Es hieß der Boss des Konzerns ging als einer der ersten. Er muss wohl ziemlich schlau gewesen sein, denn er erkannte früh, wohin das Schiff segelte. Um ans andere Ufer zu kommen bediente er sich aber nicht – ist das Ironie? – S40, sondern einer goldenen Kugel aus einer silbernen 45er Magnum.

Schließlich erreichte sie den Gipfel des Berges und endlich Großmutters Grab. Großmutter, die sie schon immer vor alledem gewarnt hatte, jetzt war sie tot, die Blumen auf ihrem Grab ein Aufschrei vergangener Tage. Und sie, Sophia, war die letzte ihrer Art, die ganze Welt gehörte ihr. Sie blickte über die vertrockneten Felder, die Ruinen, durch die klare Luft über die alten Wälder, die unter den dunklen Gewitterwolken in den ersten gelben Sonnenstrahlen nass und dunkel aufleuchteten. Das alles gehörte jetzt ihr, ihr ganz allein, der letzten ihrer Art. Sie war ganz, ganz allein. Sie weinte. Großmutter hatte immer für sie gesorgt, jetzt war sie tot, und Sophia, erst 11 Jahre, allein. Großmutter hatte immer gesagt sie sei jung, sie solle fröhlich sein, was immer geschähe, sie solle dieses Licht, dieses Glänzen in ihren Augen bewahren, ohne Furcht ohne Zagen es in die Welt tragen, die Welt, die jetzt ihr allein gehörte. Großmutter war eine große Frau, eine große Seele. Jetzt war sie tot. Und wie Sophia so da stand und über die verlassene Landschaft blickte, wusste sie auf einmal, was sie zu tun hatte, sie stieg hinab von dem Berg, unter den Gewitterwolken im Sonnelicht, und die Welt gehörte nicht ihr, sondern sie gehörte der Welt, und das war alles was am Ende übrig blieb. Ein Mädchen, das Sophia hieß.

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