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Kategorien > Spannung > Horror

Finsternis

von Dronte

Genüßlich räkelte Sophie sich auf ihrer Couch und suchte die bequemste Position für die nächsten Stunden. Vor ihr auf dem Tisch stand eine Kanne voll mit dampfendem Tee, der das ganze Haus mit seinem Zimtaroma erfüllte. Gleich daneben lag das neuerworbene Buch und wartete nur darauf, von Sophie verschlungen zu werden. Draußen waren inzwischen die letzten Strahlen der Sonne in einem glühenden Rot erloschen. Vereinzelt tropfte noch Wasser von den Pflanzen und die Luft hatte diesen wunderbaren Geruch nach Erde und Leben, den man nur im Frühling nach einem Regenguß wahrnimmt. Gleich nachdem Sophie heute vollkommen abgekämpft von der Arbeit gekommen war, hatte sie gewußt, dass sie einen 'Wohlfühlabend brauchte. Und der bestand für sie nun einmal aus einem spannenden Buch und einem heißen Tee. Wobei ein Eis natürlich auch nicht zu verachten wäre, fiel ihr plötzlich ein. Einen Moment wog sie die Mühen des Aufstehens und Wiederhinsetzens gegen ihr Bedürfnis nach etwas Süßem ab und
erhob sich schließlich mit einem Seufzer. Merlin, ihr Kater, hatte sich schon vor dem Sofa postiert und nur darauf gewartet, dass sie endlich Ruhe gab, um es sich dann laut schnurrend auf ihr gemütlich zu machen. Sophie lachte auf, als sie den beinahe beleidigten Blicken ihres Katers begegnete und blinzelte ihm entschuldigend zu. Mit beschwingten Schritten verließ sie das Wohnzimmer und steuerte auf den Flur zu. Schon allein die Vorbereitungen auf einen gemütlichen Abend hatten ihre Laune beträchtlich gebessert. Im Flur zögerte sie einen Moment und überlegte, wo sie den Gegenstand ihrer Begierde wohl am ehesten finden würde. Die neue Packung hatte sie nach dem Einkauf in den Keller in die Tiefkühltruhe getragen. Also weiter den Flur entlang und durch die etwas morsche Tür die Treppe hinab. In Gedanken sah sich Sophie schon in ihr Buch vertieft, mit dem Eis in der Hand, vollkommen zufrieden im Wohnzimmer sitzen. Diese Aussicht verbesserte ihre Laune noch etwas und ließ sie ihr Tempo noch etwas steigern. Sie zog die Tür zum Keller auf, ihre rechte Hand suchte und fand den Lichtschalter, woraufhin eine kleine nackte Glühbirne an der Decke die Stufen vor ihr erhellte. Von unten drang kühl-feuchte Luft nach oben. Ein leichter Geruch von Moder mischte sich in das Zimtaroma des Tees. Ganz in Vermutungen über den Inhalt ihres Buches versunken, lief Sophie schnell die ausgetretenen Steinstufen hinab und wandte sich zu der Ecke des Raumes, wo die Tiefkühltruhe stand. Mit einem fast höhnisch klingenden "Pling" gab die Glühbirne an der Treppe ihren Geist auf. Sofort senkte sich Schwärze über den ganzen Raum. Leicht erschrocken blieb Sophie stehen, um sich nicht an einer der zahlreichen Obstkisten zu stoßen, die überall auf dem Boden standen. Fest entschlossen, sich durch eine kaputte, schwer auszuwechselnde Glühbirne nicht die Laune verderben zu lassen, tastete sie mit weit ausgestreckten Armen nach Hindernissen und setzte sich mit kleinen Schritten ind die Richtung in Bewegung, wo sich der Lichtschalter für das
Kellerlicht befand. Zumindest sollte er sich dort befinden. Nach wenigen Schritten blieb Sophie stehen und rief sich noch einmal genau in Erinnerung, wo sie gestanden hatte, als das Licht erloschen war. Die Wand hatte sich nur einen halben Meter zu ihrer Rechten befunden. Sie hätte sie schon beim Ausstrecken ihrer Hände berühren sollen. Nun doch leicht verärgert, von so einer blöden Glühbirne von ihrer Couch ferngehalten zu werden, versuchte sie Einzelheiten ihrer Umgebung wahrzunehmen. Sie musste sich eben gedreht und die Schritte anstatt zur Wand zur Mitte des Raumes hin gemacht haben. Erstaunt erkannte Sophie wie schwarz die Dunkelheit war, die sie umfing. Ihre Augen sollten sich doch inzwischen an die Lichtverhältnisse gewöhnt haben. Aber von Licht war weit und breit nichts zu sehen. Weder ein tieferer Schatten, noch ein Reflex auf einer glatten Oberfläche gaben ihr einen Hinweis darauf, wo sie sich befand. Nachdem sie eine Zeit lang angestrengt in die Schwärze des Raumes gestarrt hatte, hob sie ihre
rechte Hand ganz dicht vor die Augen. Nichts. Ihr Körper sagte ihr, dass sich ihre Hand dort befand, doch ihre Augen sahen nur absolute Schwärze. Beunruhigt drehte sie sich im Kreis, Sie hätte doch wenigstens das Licht sehen müssen, das durch den Spalt unter der Kellertür nach unten fiel. Und selbst wenn auch das Licht im Flur ausgegangen sein sollte, hätte durch die Lichtschächte der Schein der Strassenlaternen nach innen dringen müssen. Doch da war nicht der geringste Schimmer. Verwirrt verharrte Sophie und suchte nach einer logischen Erklärung. Sie war doch nicht etwa blind geworden? Von jäher Furcht erfasst, verdrängte sie den Gedanken wieder. Wenn man blind war, sah man schließlich nicht schwarz, sondern garnichts. Außerdem wäre das Erlöschen einer Glühbirne ein sonderbarer Übergang zur absoluten Blindheit. Bei dem Gedanken, verängstigt und hilflos in einem fünf mal fünf Meter großen Kellerraum gefunden zu werden, musste Sophie beinahe gequält auflachen. Einen Moment lang horchte sie nach dem Brummen der Tiefkühltruhe. Nichts zu hören. Entschlossen streckte sie die Arme wieder tastend vor, um nicht unversehens gegen eine Wand zu stoßen, und begann in irgendeine Richtung loszugehen. Schließlich musste sie ja zwangsläufig irgendwann an den Rand des Raumes gelangen. Auf jeden Fall nach den Gesetzen der Physik. Nach fünfzehn Schritten blieb sie erneut stehen. Tief in ihrem Inneren begann der Teil ihres Selbst sie in Panik zu versetzen, der ihr als Kind immer weißgemacht hatte, unter ihrem Bett würde ein Monster lauern. Sophie spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte und sich alle Haare an ihrem Körper aufstellten. Sie hätte inzwischen auf jeden Fall an eine Wand stoßen müssen. So groß war der Keller nich! Plötzlich verspürte sie das unbändige Bedürfnis, einfach loszurennen. Mit einiger Mühe unterdrückte sie diesen Drang und starrte weiterhin mit klopfendem Herzen in die erbarmungslose Schwärze, die sie umgab. In ihrem Kopf drehte sich ein ganzes Karussell von Gedanken. Es musste einfach eine logische Erklärung
geben! Schließlich hatte sich ihr Keller ja nicht vergrößert, als das Licht erloschen war. Um nicht doch die Kontrolle zu verlieren und kopflos loszurennen, setzte sich Sophie vorsichtig im Schneidersitz auf den Boden. Kalter Steinboden, wie sie erleichtert mit ihren Fingerspitzen ertastete. Sophie wußte, dass Menschen ihre Umgebung und die vergangene Zeit vollkommen anders wahrnahmen, sobald man sie absoluter Dunkelheit aussetzte. Die Schritte, die sie gemacht hatte, musstenihr viel größer vorgekommen sein, als sie in Wirklichkeit gewesen waren. Außerdem neigten Menschen von sich aus dazu, im Kreis zu laufen, falls sie die Orientierung verloren. Wahrscheinlich war genau das passiert und dadurch war ihr der Keller plötzlich so riesig erschienen. Die Wand war vermutlich die ganze Zeit über nur einen Meter von ihr entfernt gewesen. Was immer noch nicht das absolute Fehlen von Licht und Geräuschen erklärte. Oder die Tatsache, dass sie schon längst über eine der Kisten hätte stolpern müssen, die überall
herumstanden, fügte die immer lauter werdende Stimme gehässig in Sophies Innerem dazu. Verärgert schob sie diese nicht gerade hilfreichen Gedanken beiseite und richtete sich wieder auf. Die gemütliche Couch und das Eis waren in weite Ferne gerückt. So lächerlich es Sophie erschien, aber sie spürte, wie sich in ihrem Inneren ihr kompromißloser Überlebensinstinkt regte. Sie wollte nur noch unbeschadet entkommen. Oder wenigstens entkommen. Nochmals streckte Sophie die Arme aus und drehte sich im Kreis, um abzusichern, dass sie sich nicht direkt neben einer Wand befand. Zusätzlich tastete sie mit einem Fuß ihre Umgebung ab. Nichts. Also würde sie es eben systematisch versuchen. Einen Schritt zur Seite, Umgebung abtasten, wieder einen Schritt zurück. Dann einen Schritt zur anderen Seite, wieder abtasten, usw. . Nachdem Sophie auf diese Weise ihre Umgebung abgesucht hatte, stand sie wieder reglos da und starrte in die Dunkelheit. Kalter Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Weder iher Hände noch iher Füße hatten
Irgendetwas berührt. In ihrem Keller gab es keine so große leere Stelle. Überall standen Kisten und Vorratsregale. Jetzt spürte Sophie, wie sich echte Angst in ihr breitmachte. Sie begann unkontrolliert zu zittern. Ihre Augen tränten vor Anstrengung und doch war es, als wäre das Licht mitsamt der Welt, die es beleuchtete von einer gigantischen Dunkelheit einfach verschluckt worden. Von einem Moment auf den anderen brach Sophies Selbstkontrolle zusammen und sie gab der aufkeimenden Panik nach. Wie bei einem Dammbruch übernahmen jahrmillionenalte Überlebensinstinkte die vollständige Kontrolle und sie rannte los. Wahllos in irgendeine Richtung. Ihr Gehirn schrie verzweifelt, dass sie jeden Moment mit fürchterlicher Wucht gegen ein Hindernis prallen würde, doch Sophie lief immer schneller. Und schneller. Und sie prallte gegen kein Hindernis. Völlig erschöpft blieb sie nach einer kleinen Unendlichkeit stehen und rang nach Atem. Um die schreckliche Schwärze nicht mehr zu sehen, schloss sie die Augen. Es machte
keinen Unterschied. Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren. Eine Träne rollte über ihre Wange. Irgendetwas musste passiert sein,sagte ihr bewußtes Denken. Vielleicht war sie die Treppe hinabgestürzt und hatte sich den Kopf angestoßen. Vielleicht war dies der Tod, oder die Hölle. Was war nur geschehen? Ein Traum, es musste einfach ein Traum sein. Sophie ließ sich auf den Boden sinken und legte sich hin. Kalter Steinboden. Wie in ihrem Keller. Falls dies der Tod war, so war er grausam. Und einsam. Wie lange würde sie herumirren müssen? Für welche Sünden hatte sie zu büßen? Ein Traum, es musste einfach ein Traum sein...
Plötzlich schreckte Sophie hoch und hob den Kopf. An ihrer Stirn ertastete sie Druckstellen, dort wo ihr Kopf auf ihren Armen geruht hatte. Ihr war eiskalt. Dann traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag. Sie musste kurz eingedöst sein. Vage erinnerte sie sich daran, von einem Eis geträumt zu haben. Mit viel Schokosoße. Hysterisch lachte sie auf. Also befand sie sich nicht in einem Traum. Oder konnte man im Traum träumen? Wer träumte hier eigentlich? Sophies Körper schmerzte vom Liegen auf dem harten Boden. In ihrem Magen machte sich ein leichtes Hungergefühl breit. Außerdem musste sie zur Toilette. Für einen Augenblick erfaßte sie wilde Hoffnung, dass sie wirklich die Treppe hinabgestürzt und nun aus der Bewußtlosigkeit erwacht war. Sophie sprang auf, rannte wie eine Irre hin und her, immer in der Erwartung, jeden Moment etwas zu ertasten. Nach einer Weile gab sie auf und blieb schwer atmend stehen. Ein leichtes Schwindelgefühl hatte sie erfasst. Ihr Gehirn weigerte sich, weiter über etwas nachzudenken, das es nicht begreifen wollte und konnte. Völlige Hilflosigkeit, gefolgt von kalter Wut machte sich in ihr breit. Ihre Fäuste ballten sich und sie hieb auf die Schwärze ein, die sie umfing. Sie würde sich nicht fertigmachen lassen. Doch es gab nichts, auf das man hätte einschlagen können. Nur absolute, unerklärbare Schwärze, die von allen Seiten auf sie eindrang. Pure Verzweiflung ergriff von Sophie Besitz. Ihre Beine setzten sich ohne ihr Zutun in Bewegung, ihre Arme waren wie bei einem Schlafwandler vorgestreckt. Leicht taumelnd und mit weit geöffneten Augen machte sie einen Schritt nach dem anderen. Immer in eine Richtung. Etwas hatte sie aus ihrer Welt herausgerissen, hinein in diese Dunkelheit, die allen physikalischen Gesetzen spottete. Ihr Gehirn weigerte sich, von den Grundprinzipien abzulassen, die es in den letzten dreißig Jahren gelernt hatte. Es musste eine Wand geben. Irgendwann. Es gab keine andere logische Möglichkeit. Sophie ging weiter, Schritt für Schritt. Hinein in die Finsternis.

Kommentare

Lynn schrieb am 2009-12-17 21:39:21:
Hey:)
Also deine Geschichte ist echt super!
Sie ist wahnsinnig spannend und das ist es, was zählt.
Wahrscheinlich ist es besser, wenn man ein offenes ende macht,
aber ich fänd es trotzdem schön, wenn man wüsste, was passiert ist..
sho wa schrieb am 2006-03-29 16:41:45:
Hai, wie angsteinflößend... Ich betrachte den Keller jetzt misstrauischer...hehe...
Morganlefay@gmx.li schrieb:
Zu dieser Geschichte fällt mir so spontan nach dem ersten Lesen keine negative Kritik ein. Mir hat nämlich erstens gut gefallen, dass sie, nach einem Anfang, bei dem ich persönlich schon alle möglichen Klischees vor Augen hatte,, so ein Ende findet und dass es zweitens nicht irgendeine aus den Fingern gesogene Auflösung über drei Sätze gibt. Außerdem mag ich es meistens, wenn eine Geschichte auf diese Art wage bleibt, so dass man sich als Leser alles mögliche vorstellen kann. Das, meine ich, ist in den Kategorien Horror und Spannung und ähnliches meistens das Beste, schließlich erschreckt einen Menschen nichts mehr, als schemenhaftes Unerklärliches. Jetzt habe ich doch mehr geschrieben als ich wollte.
Abschließende Frage: Ich kann mir beim besten Willen nicht dieses Garnichts vorstellen, welches ein Blinder sieht. Das macht mich wirklich neugierig :) .
Morgan
waldameise77@aol.com schrieb:
ich fand die gschichte sehr gut am anfang etwas aber nur etwas lang aber sonst sehr gut es ist sehr spannend erzählt nur weiter so wie morgan schon gesagt hat es macht neugirig also nur weiter machen ich hoffe es gibt bald eine zweiten teil davon so das wars es grüsst ameise
kim@maikrosoft.org schrieb:
Wow Deine Geschichte ist der Hammer! Sprachlich total gut und auch spannend. Würde in die Luft jumpen, wenn Du weiter machen würdest :]
Kim
Millam schrieb:
Genial!Ich würd aber so gern wissen was weiter mit ihr passiert,aber das muss ich mir wohl selbst ausdenken.
ML schrieb:
Die Geschichte ist super.Nur der Schluss,ist mir ein bisschen zu langweilig.Würde mich freuen wen sie weiter gehen würde.
Nudl schrieb:
sie ist echt langweilig gibts kein gutes ende!
Pussy Cat schrieb:
Echt genial , aber mich stört es irgendwie das kein Monster oder so was auftaucht ! ^^` Obwohl du eher auf Psycho machst und das ist auch ganz gut , also sag ich mal so : Hut ab !!
aqua_schaf@freenet.de schrieb:
gut geschriebene Geschichte

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