Fisch und Bär 2
von
Darkangel
Baumfrau
Als das Singen der Vögel den Bären weckte, wunderte er sich zuerst über die
ungewohnte Helligkeit die ihn umgab. Dann erst nahm er den schwachen Duft
von Tau und Sonnenstrahlen wahr. Erstaunt sah er sich um. Wo war er? Als er
das nahe Gebüsch und die ihn umgebenden Bäume eindringlich gemustert hatte,
begann er sich zu erinnern. Die Suche. Er war fort, fort von zu Hause, fort
von seiner Höhle. Und er hatte sich verirrt. Aber das Bild, welches ihn zu
diesem Entschluß getrieben hatte war immer noch da. Tief im Dunkel seiner
Gedanken, in den Tiefen seiner ureigensten Geheimnisse verborgen, blickte es
nach oben, und traf ihn mit seinem Blick direkt in das verwundete und
verstörte Herz. Nachdem er eine Weile versucht hatte sich zu orientieren
machte er sich weiter auf den Weg. Immer der Nase nach, dachte er, irgendwo
werde ich schon ankommen. Langsam, Schritt für Schritt, bahnte er sich
seinen Weg durch das Gehölz. Erstaunt nahm er die verschiedenen Pflanzen,
die stetig wechselnden Gerüche und das geheimnisvolle Spiel von Licht und
Schatten auf dem Boden, wahr. Bei jedem Schritt wirbelte er Wolken von
Blütenstaub auf, die seine Beine bald wie mit einem goldenen Schein umgaben.
Wie war das alles wunderbar. Hatte es so etwas zu Hause auch gegeben, nie
war es ihm aufgefallen. Das Gezwitscher der Vögel klang hier um so vieles
verheißungsvoller als auf der Lichtung vor der Höhle. So wanderte er eine
lange Zeit vor sich hin, hing seinen Gedanken nach und erfreute sich an der
Schönheit der Natur um ihn her.
Schließlich gelangte er an eine Lichtung, die verborgen hinter dichten
Schlehenhecken im verblassenden Sonnenlicht funkelte. Mitten auf der
Lichtung stand der schönste Baum den er je gesehen hatte. Eine mächtige
Eberesche breitete ihre Äste, einem Baldachin gleich über die Lichtung.
Umrahmt von Wildrosen und Klematis bildeten die kräftigen Zweige eine Laube
die zum Verweilen einlud. Das dunkle Grün der Blätter, denen die herbstliche
Luft noch nichts anzuhaben schien, verstärkte die blutrote Farbe der in
dichten Trauben bis zum Boden hängenden Beere. Allerlei Getier hatte es sich
im Schatten dieses Baumes gemütlich gemacht. Vögel zwitscherten und sangen
in den Ästen. Verfolgten sich durch die Krone, stoben in die Luft, drehten
Pirouetten und verschwanden wieder im dichten Laubwerk, nur um kurze Zeit
später wieder davon zu schnellen. Mäuse und Eichhörnchen balgten sich
zwischen den Blumen, zu Füßen dieses Königs der Bäume. Fasziniert stand der
Bär im Schatten, und wagte kaum zu atmen, als ein Windstoß die Krone der
Eberesche schüttelte und der Gesang er Vögel und das Gequieke der anderen
Tiere schlagartig verstummte.
Im breiten Stamm des Baumes tat sich eine Öffnung auf, und ein Mensch trat
daraus hervor. Das goldene Haar fiel der Frau bis zu den Knien und schien
sie in ein Gewand aus Spitze und Seide zu hüllen. Sie hob eine schlanke,
zierliche Hand vor das Gesicht, beschattete ihre Augen und blickte zum
Himmel empor. Dann begann sie mit glockenheller Stimme zu singen. Der Bär
spürte einen Stich im Herzen, der Gesang drang tief in seine Seele und
berührte ihn eigenartig. Während die Frau sang, drehte sie sich im goldenen
Abendlicht und sah schließlich genau in seine Richtung, wo er halb verborgen
von Schlehen und Ginsterbüschen da am Waldrand stand. Als ihre Augen die
seinen trafen lächelte sie, und von einem Moment auf den Anderen hatte die
Melodie die sie sang auch einen Text den der Bär verstehen konnte.
Sonnen licht,
Mondenschein,
einer ist ganz allein.
Weiß noch nicht,
was er sucht,
was er findet ist verflucht.
Findet er's
Läßt er's geh'n,
kann's noch nicht ganz versteh'n.
Hält er's fest
Wird's zwar sein,
doch er bleibt ganz allein.
Dann schenkte sie dem Bären noch ein Lächeln und trat wieder in den Baum
zurück. Verwirrt und traurig blieb er zurück. War es nicht hier wo er sein
sollte? Mußte er noch weiter? Zögernd trat er an den Baum heran, legte eine
Tatze an die rauhe Rinde und versuchte die Öffnung zu finden hinter der die
Frau verschwunden war. Doch unter seine Pranken spürte er nur die raue Rinde
des Baumes. Enttäuscht setzte er sich auf die Hinterbeine und gab ein lautes
mißmutiges Brummen von sich. Die Vögel in den Zweigen antworteten ihm mit
entrüstetem Gezeter. Die Mäuse und Eichhörnchen blieben außer Reichweite der
Bärentatzen stehen und beobachteten, stets zur Flucht bereit, den braunen
Riesen, der da wie ein Häuflein Elend am Stamm des gewaltigen Baumes lehnte
und leise weinte. Schließlich, die Sonne war weit über den Himmel gewandert
und begann bereits hinter den Baumwipfeln zu verschwinden erhob sich der
Bär, ging zum Rand der Lichtung drehte sich noch einmal um und verschwand
dann, einem lautlosen Schatten gleich in den Tiefen des Waldes. Als sich
eine sanfte Brise aus der Nacht erhob und die Blätter der Eberesche im
letzten Tageslicht blitzen ließ, schien der in den Zweigen gefangene Wind
eine leise Melodie zu summen, und einzelne Worte hallten über die nun im
Dunkeln liegende Lichtung:
Geh voran,
bleib nicht steh'n
irgendwann wirst du versteh'n.
Dann senkte sich Schweigen über die Öffnung im Dickicht des Waldes, und nur
der klagende Ruf einer Eule ließ die in ihren behaglich warmen Nestern und
Höhlen schlummernden Eichhörnchen und Mäuse, sich ängstlich enger aneinander
drängen.
In der kalten Stille des Baches schwamm der Fisch einem silbrig glitzernden
Schemen gleich seinem fernen Ziel entgegen. Unbeeindruckt von den reißenden
Stromschnellen und den gefräßigen Raubfischen strebte er seinem
Bestimmungsort entgegen. Er wußte was er zu tun hatte. Er hatte es vom
ersten Moment an gewußt.
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