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Kategorien > Fabeln & Märchen >

Fisch und Bär 9

von Darkangel

Freunde

Mit einer Bewegung, flüchtig wie ein Windhauch strich sich die Frau eine
einzelne, goldene Haarsträhne aus der Stirn, und lächelte ihm zu.
"Du bist ein mutiger Bär, daß du dich darauf einläßt," meinte sie, und
bedeutete ihm näher zu treten. Als er an ihrer Seite stand, holte sie mit
ihrer Schlanken Hand aus, und beschrieb einen Kreis der Alles um ihn
einschloß. Sie streckte die Hand über dem Weiher aus, und sprach:
"Blick in dein Spiegelbild, mutiger Bär, dann wirst du finden wonach du
gesucht hast." Und mit diesen Worten verschwand sie. Wieder einmal war es
nicht spektakulär, sondern geschah einfach, von einem Moment zum Nächsten
blieb von ihr nichts zurück als die Andeutung eines silbernen Lachens,
welches im Wind verklang. Die Waldgeister blickten ehrfürchtig herüber und
trauten sich langsam aus ihren Verstecken hervor. Einer nach dem anderen
rannte auf den Bären zu um nur ja nichts von dem was nun passieren sollte zu
verpassen. Der Bär indes trat an den Teich heran, senkte das Haupt und
blickte in die spiegelnden Fluten. Zuerst sah er nichts außer dem Spiel der
Wellen, und wie sich die Landschaft an der Wasseroberfläche brach. Dann
begannen sich Gestalten aus de Durcheinander zu lösen. Er erkannte jetzt
einzelne Bäume und Sträucher, einen Moment später einzelne Wolken hoch über
ihm, und endlich sah er auch sein Gesicht. Zwei dunkle Augen blickten ihn
über eine kräftige Schnauze hinweg an. Die eine Seite seines Leibes war
gewohnt zottig und Braun, und die andere immer noch von silberner Weichheit.




,Das sind wohl die zwei Seiten meines Wesens,' dachte er als er sich in den
Fluten betrachtete, ,Die eine rauh und wild, die andere weich und
verletzlich.' Schließlich wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinem
Spiegelbild zu. Und dann, von einem Moment auf den anderen starrten ihn
nicht mehr seine eigenen Augen an, sondern zwei Augen, kalt und starr,
voller Leibe und Zuneigung, und mit einem belustigten Lächeln in den
silbernen Tiefen. Der Bär starrte fasziniert zurück. Schließlich schwamm der
Fisch aus dem Schatten des Bären hervor, sprang übermütig aus dem Wasser und
tauchte spritzend wieder ein. Der Bär war verwirrt, und erfreut zugleich.
Wie sollte er mit einem Fisch Freundschaft schließen? Er hatte wahrhaft viel
zu lernen.

"Na, was ist denn nun mit dir du dummer Tölpel," klang eine glockenhelle
Stimme vom Wasser her, "Ich warte schon seit Tagen hier auf dich, und jetzt
bist du endlich hier und stehst rum wie versteinert. Komm doch endlich
herein.!"
"Wie kannst du mit mir reden, wo wir doch nicht einmal die selbe Sprache
sprechen?" fragte der Bär der sich bereits auf ein neues Gefühhlschaos
zutaumeln sah, "Und warum hast du hier auf mich gewartet?"
"Fragen, Fragen, Fragen. Warum wir uns verstehen können willst du wissen?
Weil wir Freunde sind, darum. Und warum ich hier warte, willst du wissen?
Weil wir Freunde sind!" erwiderte der Fisch, und sprang erneut hoch in die
Luft nur um dann sofort wieder mit einem lauten Platschen in die Fluten
einzutauchen. Der Bär fand die Antwort zwar sehr schön, aber war sie ihm
noch nicht genug.
"Woher kennen wir uns, ich weiß daß wir uns schon einmal gesehen haben,
sonst hätte ich dich nicht wiedererkannt, aber wie kannst du fragen daß du
mein Freund bist?"
"Kannst wohl nicht aufhören zu fragen, wie? Aber ich will dir Antwort geben.
Wir haben uns schon einmal gesehen, und da kam es über mich. Ich wußte
plötzlich, daß ich dich zum Freund haben wollte. Frag mich bitte nicht woher
ich's wußte, aber dieser Gedanke war beim ersten Blick in deine Augen da.
Ich hoffe, daß reicht dir für's erste. Und jetzt komm endlich herein, damit
ich dir mein Zuhause zeigen kann!" Der Bär wunderte sich nur noch, aber eine
große Zuneigung hatte ihn zu diesem Fisch ergriffen. Er wollte ebenfalls
sein Freund sein, und der Gedanke sein Zuhause kennenzulernen, erfüllte ihn
mit Freude und Aufregung, so nahm er also einen Anlauf und sprang in den
Teich. Das Wasser schlug hohe Wellen und er spürte wiederum die angenehme
Wärme des Wassers. Er spürte auch den Kühlen, weichen Leib des Fisches um
den seinen streichen.

"Na endlich, herzlich willkommen in meiner Welt." rief dieser aus der Tiefe
herauf, "folge mir jetzt! Keine Angst es ist nicht weit." Und mit diesen
Worten tauchte er tiefer hinab. Der Bär holte tief Luft und tauchte unter
die Wasseroberfläche. Mit kräftigen Stößen schwamm er in die Tiefe. Das
Licht blieb zurück und der Grund des Teiches, weit unter ihm war erfüllte
von sich sanft wiegenden Pflanzen, und Fischen die aufgeregt zwischen ihnen
hin und her schwammen. Je weiter sie in die Tiefe vorstießen, desto kälter
und dunkler wurde es. Irgendwann bekam der Bär schließlich fürchterliche
Angst, und schrie aus Leibeskräften: "Freund ich habe schreckliche Angst! Es
ist kalt und Dunkel, bring mich bitte wieder zurück." Bei diesem Schrei
entwich die Luft aus seinen Lungen, und stieg in silbernen Blasen zur
Oberfläche auf. Sofort verspürte er die Atemnot. Wie mit einem Schraubstock
wurde seine mächtige Brust zusammengepresst, und vor seinen Augen begannen
bunte Sterne zu blitzen. Verzweifelt versuchte er nach oben zu schwimmen,
doch hatte er die Richtung verloren. Da schoß der Fisch aus dem Dunkel
heran, sprach beruhigend auf ihn ein und stieß ihn in die richtige Richtung.
Nach einer, wie es dem Bären vorkam, kleinen Ewigkeit durchstieß sein Kopf
endlich das Wasser und er holte gierig Luft, füllte seine Lungen mit der
köstlichen Luft die über dem Tümpel lag. Erschöpft und zitternd schwamm er
ans Ufer, stieg aus dem Wasser und schüttelte sich ausgiebig. Dann wandte er
sich um und suchte nach dem Fisch. Der schwamm einige Meter vom Ufer
entfernt auf und ab, und wartete auf seine Rückkehr.

"Zu dir kann ich also nicht kommen." Stellte der Bär fest.
"Aber möglicherweise kann ich dir mein Heim zeigen. Komm schwimm näher, ich
werde dich vorsichtig ins Maul nehmen und zu meiner Höhle tragen. Danach
bringe ich dich gleich zurück."
Der Fisch zeigte sich sofort einverstanden und kam näher geschwommen. Der
Bär beugte sich zum Wasser hinab, öffnete das Maul und der Fisch schwamm
ohne zu zögern hinein. Vorsichtig schloß der Bär sein Maul um den Fisch. Er
versuchte ihn so locker wie möglich zu halten um seine empfindliche Haut
nicht zu verletzen. Dann hob er den Fisch aus dem Wasser und rannte auf
seine Höhle zu. Doch schon nach wenigen Schritten begann der Fisch voller
Angst zu schreien:
"Bär, mein Freund, bring mich bitte wieder zurück, ich kann genau sowenig
hier bei dir sein, wie du bei mir sein kannst." Entsetzt machte der Bär
kehrt und stürmte auf den Weiher zu. In seiner Angst seinen neuen Freund zu
verlieren beschleunigte er nochmals und stürmte auf den Teich zu.

Doch hatte er sich in der Geschwindigkeit verschätzt. Er konnte nicht mehr
rechtzeitig anhalten und fiel mitsamt dem Fisch in seinem Maul ins arme
Wasser der heißen Quelle. Als er sich prustend erhob, standen seine Pfoten
auf festem Boden und die obere Hälfte seine Körpers ragte aus dem Wasser.
Der Fisch hatte sich inzwischen wieder er holt und sauste aufgeregt zwischen
den Beinen des Bären umher.

Und da wurde dem Bären klar was die Frau gemeint hatte er müsse einen Raum
schaffen in dem sie beide sein konnten. Hier war dieser Raum. Die Mitte
zwischen Wasser und Land. Das seichte Brackwasser wo er Luft atmen und sein
Freund Wasser atmen konnte, war der ideale Ort um sich zu treffen und
miteinander zu spielen. Voller Freude, und erfüllt von einem herrlich
leichten Gefühl drehte er sich zum Fisch um und blickte ihm in die
liebgewonnenen Augen.
"Ich glaube ich habe gerade eine ziemlich gute Idee gehabt," sagten beide
zugleich und begannen schallend zu lachen...


Ende

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