Florean
von
Semiramis
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Diese Angst, diese Angst, die einen manchmal packt und zittern lässt wie ein verängstigtes Tier, die einen als Kind nicht schlafen lässt weil im dunklen, vom mondbeschienen Zimmer überall Monster zu lauern scheinen, diese grauenhafte Angst schlich sich eines Tages einfach in sein Herz und machte es gefühllos und doch anfällig für alle Arten von Schmerz. Es schien wie aus dem Nichts gekommen zu sein, und er wusste auch gar nicht, was dieses Gefühl eigentlich verursacht hatte. Er wusste nur, dass sein Herz plötzlich erstarrt war, jedenfalls fühlte es sich so an, und dass ihm der Atem von einem Moment zum anderen stockte. Panisch sah er sich um. Alles schien so ruhig, war doch immer ruhig gewesen.. Aber auf einmal – dieser ungeheure Schrecken, dieses Grauen – er konnte nicht atmen, die Luft wurde ihm knapp, sein Körper verlangte nach Sauerstoff. Seine Hand fuhr an seine Kehle, als versuche sie einen unsichtbaren Strick fortzuschieben, die Fingernägel schlugen helle Striemen in sein Fleisch. Mit einem Mal sah er Schatten überall, böse umherkriechende Schatten, er brauchte Luft, furchtvoll schlug er um sich, mit lautem Klirren zerbrach das Glas eines seiner Bilder, und die Schatten kamen immer näher, seine Lungen schienen zu bersten, grade streckte eines dieser dunklen Gestalten seine Klauen nach ihm aus – da konnte er wieder atmen, und er atmete, schnell und abgehackt. Ihm war schwindelig. Stöhnend lehnte sich an den Türrahmen seines Schlafzimmers. Es war so kalt, eisig kalt und irgendwie fragte er sich kurz, ob er irgendwo ein Fenster offen gelassen hatte, doch die Gedanken, seine Gedanken schienen auch festgefroren, ihm fiel es auf einmal so schwer Wort an Wort zu reihen in seinem Kopf. Alles schien dunkel zu werden. Er sackte langsam zusammen. „Wo bist du?“ hörte er jemanden rufen, „wo bist du, ich sehe dich nicht, oder, warte – dort? Bist du es? Bist du es?“ Die Stimme klang verzweifelt, unsicher. Und obwohl Florean nichts spürte – er spürte auf jeden Fall seinen Körper nicht mehr – wusste er, dass er noch lebte. Und während sein ganzes Sein von diesem grässlichen Rufen erfüllt war, zogen plötzlich Kindheitsbilder an ihm vorüber, grässliche Erinnerungen, böse Erinnerungen, seine eigenen und fremde, aber immer erfüllt von stetigem Grausen, voll Angst und einem kindlichen Nichtverstehen, dass zu ihm zurückkam, wie ein Boomerang den er weit von sich geschleudert hatte um ihn loszuwerden und der nun wieder zu ihm zurückgekommen war. Die Stimme rief immer noch, sehnend, sehnsuchtsvoll, und sie war die Stimme einer Frau, eines hilflosen Mädchens „Wo bist du? Wo bist du? Bitte, bitte, ich brauche dich, ich brauche dich! Nein!“, plötzlich wurde das Rufen zu einem Schreien, zu einem qualvollen Schreien, dem Schreien eines Kindes, zu einem Wimmern„Nein, nein, nein, nein, komm wieder, verlass mich nicht, verlass mich nicht....“. Und während das Schreien immer leiser wurde, entfernte sich die Dunkelheit und die Bilder und Florean sah wieder Farben, leuchtendes Licht, nach der Dunkelheit so grell. Langsam kam er wieder richtig zu sich. Dieses Gefühl, dass ihn eben noch in die Abgründe alles Lebens und des Todes und was darüber hinaus geht blicken ließ, war gegangen, von seiner Brust genommen wie ein schwerer Stein. Doch was blieb? Stöhnend rieb er sich den Kopf, er hatte ungeheure Kopfschmerzen und wie ein Nachhall hingen die Schreie noch in seinen Ohren. Sich umsehend entdeckte er ein wenig Blut auf dem hellen Parkettboden. Als er auf den Boden gerutscht war musste er seine Hand auf die Glasscherben abgestützt haben. Vorsichtig zog Florean sich einen dicken Splitter aus der Wunde. Leise fluchte er und stand wackelig auf, sich dabei an der Wand abstützend. Zischend verlies die Luft seinen angespannten Körper. Was zur Hölle war das gewesen? Was verdammt noch mal hatten diese Bilder, das Schreien und diese... Angst zu bedeuten? Florean ballte die Hände zu Fäusten, die eine voll von feuchter Röte, warm, lebendig. Er füllte sich wie vergewaltigt, vergewaltigt von etwas, das er nicht verstand, nicht verstehen könnte. „Also was zum Teufel war das jetzt?!“ fragte er laut, rief er, schrie er so laut er konnte. „Bin ich verrückt? Wahnsinnig wie diese Mörder die immer im Fernsehen gesucht werden, Kinder, Alte, Familien mordende Wahnsinnige – oder gehöre ich zu diesen Irren in die Klapse, nichtexistente Stimmen hörend, vor mich herbrabbelnd, in meinem eigenen Geist gefangen, anders als alle anderen?“ Stille antwortete ihm, eine gähnende, leere Stille, und doch wispernd von Tod, Angst und Irrsinn, sich wie ein Mantel der Fäulnis, der Zweifel, um ihn legend.
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