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Kategorien > Alltag > Flucht

Flucht vor dem Alltag

von Sebastian Werner Scholz

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Probleme am Arbeitsplatz – Vergessen.
Stress mit der Familie – Vergessen.
Schulden – Vergessen.
Liebeskummer – Vergessen.

Heute werden die Alltagsprobleme vergessen, wenn auch nur für wenige Stunden.

Der Zug ist überfüllt. Es riecht nach Alkohol, Zigaretten und auch Gras. Wildes Geschrei und Gedränge bestimmen die Atmosphäre. Da ein Stimmenchaos herrscht, versuchen die Leute sich zu verständigen, indem sie immer lauter sprechen. Bald ist der Wagon von lautem Geschrei überflutet. Es fällt den Menschen schwer zu atmen, ein wirklich befreiendes Gefühl.
Wildfremde Leute beginnen zu klatschen. Erst wenige, dann immer mehr. Schon bald ergibt sich ein Rhythmus, der zum mitmachen animiert. Es ist einfach, nichts kompliziertes. Jeder kann mitmachen, egal wie unmusikalisch er auch ist. Das ist das schöne daran. Keiner kann davon ausgeschlossen, solange man gewillt ist teilzunehmen. Zu den Rhytmen gesellen sich bald erste zarte Gesänge oder soll man es Gegrölle nennen? Wie beim klatschen werden es stetig mehr. Einfache Lieder werden ständig wiederholt, bis auch jeder genug Zeit hatte sich den Text einzuprägen, auch wenn es manchem bereits sichtlich schwerfällt vernünftig mitzusingen.
Alkohol in rauen Mengen kreisen durch den Wagon. Vom Bier über Mischgetränke bin hin zum harten Schnaps. Der überwiegende Teil konsumiert die Alkoholika in nicht zu unterschätzenden Mengen. Dementsprechend ist auch das Kommunikations- und Orientierungsverhalten der Leute. Die Leute lallen sich gegenseitig zu und viele stehen unsicher auf ihren Beinen. Für die ist es natürlich unangenehm keinen Sitzplatz im überfüllten Wagon erwischt zu haben.

So vergeht die Zugfahrt. Der Alltag spielt inzwischen keine Rolle mehr.

Nach der angenehm unkomfortablen Anfahrt geht es vom Hauptbahnhof in einer großen Menschenmenge zu dem Ziel ihrer Odyssee. Die Leute unterhalten sich wild und überschwänglich über die bevorstehenden Minuten. Unter der Meute macht sich Endzeitstimmung breit. Es wird versucht die überhand gewinnende Vorfreude durch weitere Lieder und durch noch mehr Alkohol zu mildern. Doch inzwischen die meisten vom Fieber gepackt und können es kaum mehr vor Spannung aushalten. Begleitet wird die Menge von mal freundlich, mal grimmig blickenden Grünuniformierten.
Fahnen wehen stolz im Wind und Transparente werden hervorgeholt. Es sind die letzten Meter bis zum Heiligtum. Schon bald kann man die vier hell leuchtenden Türme aus der Ferne erblicken - Ein wirklich majestätischer Anblick. Wenige Schritte weiter kann man die vollständige Festung erkennen. Steile Tribünen strecken sich stolz dem Himmel entgegen. Die Menschenmenge streitet durch das Eingangstor und macht sich auf die Tribünen zu erklimmen. Die Menschen schauen auf das heilige Grün und der Pfiff ertönt mit dem ihre Wünsche und Hoffnungen verbunden sind. Jetzt wird sich die Lunge aus dem Hals geschrien.

Alltagsprobleme sind nun in keinem Kopf mehr präsent. Jetzt zählt nur das hier und jetzt.

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