Flucht vor der Angst
von
Rosemarie Möller
Elisabeth bewegte sich im Dschungel der Gefühle und fühlte sich machtlos der Gegenwart hingegeben. Eine große Leere machte sich in ihrem Inneren breit. Eine Leere, die sich in der Angst verlor. Angst beherrschte ihr Leben und war allgegenwärtig, denn sie hatte nie gelernt, sie auszutricksen.
Nun saß sie da und fürchtete sich vor dem Alleinsein. Davor, niemanden mehr zu gehören und für niemanden mehr wichtig zu sein, oder gar gebraucht zu werden. Gebraucht zu werden kam ihr so gleich, wie auch geliebt zu werden. Doch letzteres vermisste sie sehr. Dies wurde im Laufe ihrer Beziehung immer weniger. Sie versuchte mit allen Mitteln, die Liebe am Leben zu erhalten und sie neu zu gestalten. Doch je mehr sie sich bemühte, desto weniger Liebe erhielt sie. Es schien, als wäre die Liebe Tod geboren und nie wirklich da gewesen.
Dieses Bewusstsein lies Elisabeth in Gedanken schon des öfteren eine Flucht planen. Sie wollte ihre Koffer packen und heimlich mit ihrer kleinen Tochter verschwinden. Heimlich deswegen, weil es ihr an Kraft fehlte, dazu zu stehen und aus Angst davor, dass sie der Mann, den sie glaubte zu lieben, wieder einmal aufhielt. Sie wusste, er würde sie aufhalten. Er würde ihr wieder viele Geschichten erzählen, um sie vom Gegenteil zu überzeugen. Um seine Liebe zu beweisen, würde er ihr wahrscheinlich wieder etwas kaufen, was sie brauchen konnte, nur damit sie sich im Unrecht fühlte und ihre Koffer wiederholt auspackte. Zu oft hatte sie dieses Spiel schon hinter sich und jedes mal blieb sie. Mit jedem mal wurde ihr klar, das sie ein Stück ihres Mutes sterben lies, so dass die Angst Macht über sie hatte. Dabei will Elisabeth nichts anderes, als lieben und geliebt werden. Doch Angst lässt keinen Platz für Liebe.
Nun saß sie da, auf ihrem Balkon in ihrer kleinen Wohnung und betäubte ihren Kummer mit einem Glas Wein nach dem anderen. Sie wünschte sich einen Weg aus dem dunklen Dschungel der Gefühle. Ihr Wunsch war so stark in ihrem Herzen verankert, das sie nicht wusste, wie und wohin. Ihr war klar, wenn sie nicht endlich ihre Angst überwindet, dann würde die Angst ihr Leben meistern und ihr Wunsch nach mehr Sinn in einer Beziehung würde verblassen. So wären ihre Rufe nach Glück und Harmonie nicht mehr zu hören und der Wein würde sie letztendlich verklingen lassen.
Sie war des Denkens und Grübelns müde und sah zum Sternenhimmel hinauf. So, als könnte sie all ihre Sorgen dort oben vergessen. Der Blick dort hinauf erleichterte ihr Herz. Dieser unendliche Frieden und die wunderschöne Ordnung gaben ihr Hoffnung und sie fühlte sich plötzlich nicht mehr ganz alleine.
Sie fragte sich: „Ob mich von dort oben wohl jemand sehen kann? Ob wohl jemand mein schweres Herz fühlen kann?
Einen Moment hatte sie das Gefühl, ein „Ja“ zu hören. Nun, sie wollte nicht glauben, das sie sich dieses „Ja“ selbst sagte.
Sie fragte sich wieder: „Wenn dort oben jemand sieht und fühlt, was ich fühle, warum sagt er mir nicht, was ich tun soll? Warum muss ich ganz alleine einen Weg finden, wo ich doch nicht einmal weiß, welchen Weg ich wählen soll?“
Es liefen ihr Tränen übers Gesicht und diese waren heiß. Es waren Tränen ihrer Seele, die auf dem Weg über ihr Gesicht von der Kühle der Nacht ihre Hitze verloren. Jede Träne ein Schrei nach Harmonie, jede einzelne ein Verlangen nach Frieden und Sinn für all das, was Elisabeth investierte. Ihr war noch nicht klar, dass diese Tränen ihr die Antwort auf all ihre Fragen geben werden. Sie war sich nicht bewusst, dass Tränen die Sprache ihres Herzens waren, denn sie wünschte sich, sie könnten sprechen. Dabei riefen sie doch förmlich um Hilfe und um Erlösung ihres Kummers.
Nun, wie sollte ein verletzter Mensch mit gepeinigter Seele auch den Ruf seiner inneren Stimme hören, wenn die Angst über dem Selbstvertrauen herrscht. Warten Menschen in dieser Situation denn wirklich auf einen Engel, der ihnen sagt, was sie zu tun haben? Oder wollen sie die Gewissheit und Sicherheit der Zukunft vorher wissen, bevor sie ihre Angst zu besiegen anfangen. Doch dann wäre es kein Sieg über die Angst, denn sie würde mit Sicherheit weiter in uns wirken und wachsen. Auch bei der nächsten Aufgabe, die Elisabeth dann zu lösen hätte, wäre die Angst wieder in voller Lebensgröße da, um sie daran zu hindern.
So lange, bis sie erkannt hat, dass die Angst ihr größter Feind ist. Und wer möchte denn gerne einen Feind bei sich wohnen lassen?
Elisabeth sagte sich selber, was sie haben will. Sie äußerte ihre Wünsche durch ihre Tränen, doch sie konnte nicht recht daran glauben, dass sie ihre Angst damit besiegen kann. Sie konnte nicht glauben, dass sie in sich die Kraft für einen Neuanfang hatte. Denn diese Kraft erschien ihr momentan nicht anwesend zu sein. Vielleicht glaubte sie, sie verloren zu haben. Doch der Himmel und alles, was sich da oben regte, wusste, dass ihre Kraft im Inneren verborgen bleibt, bis Elisabeth sie endlich in sich weckt.
In der Stimme ihres Herzens fand sich der Weg aus all ihrer Traurigkeit. Diese Stimme wird sie eines Tages deutlich hören und ihr dann auch gehorchen.
Elisabeth saß immer noch auf ihrem Balkon und sah zu den Sternen. Jede Träne, die über ihr Gesicht rollte, verdampfte und versammelte sich in einer kleinen Wolke. Diese kleine Wolke lies sich von dem Wind treiben. Dorthin, wo Elisabeths neuer Weg beginnen sollte. Sie wurde irgendwann so schwer, dass sie plötzlich anfing, sich zu öffnen. Jede einzelne Träne von Elisabeth fiel herab. Sie trafen Bäume, Blätter und das Gras. Sie fielen auf den Asphalt und auf Menschen, die sich dort unten bewegten. Einer dieser Menschen war schirmlos und wurde von vielen Tränen getroffen. Er blieb stehen, sah zum Himmel und genoss ihre Wärme, denn die Tropfen waren warm und voller Gefühl. Sie liefen an seinem Gesicht entlang und ließen ihn die Traurigkeit Elisabeths fühlen. Es durchdrang ihn ein Gefühl der Sehnsucht nach Harmonie, nach Liebe und nach einer Frau, die dies zu schätzen wüsste.
Er blieb so lange stehen, bis es aufhörte zu regnen und der kühle Wind sein Gesicht erfrischte. Er sah zum Himmel, der sich wieder durchschauen lies und sah die Sterne. Jeden einzelnen in seiner Pracht. Sie funkelten, so dass er nicht aufhören konnte, hinauf zu sehen.
Die Sterne waren seine Freude an diesem Abend, denn sie nahmen ihm die Angst, auf ewig allein zu sein. Ihm wurde in diesem Moment klar, das die Frau, die er einmal lieben würde, mit Sicherheit auch diesen wunderschönen Sternenhimmel erlebte. Er wusste, dass sie sehnsüchtig nach ihm suchte. Er wusste aber auch, dass sie nur im Gedanken nach ihm suchte und sich noch nicht auf die Suche machte. Er wusste, dass sie Angst hatte, ihn nicht zu finden und ihr noch nicht klar war, dass ihre Tränen ihn bereits berührten.
So fing er an mit ihr zu reden: „Du weißt nicht, wo ich bin. Du kennst nicht meinen Namen, doch du musst wissen, das ich dich lieben werde. All deinen Kummer werde ich heilen, mit meinen zarten Händen. All deine Sorgen werde ich tragen, mit meinen starken Händen.“
„Komm! Steh auf und gehe mir ein Stück entgegen. Vertraue deinem Inneren und lass dich von niemanden aufhalten, denn ich bin hier und komm die entgegen, sobald ich dich sehe“.
In diesem Moment wurde sein verborgener Wunsch so stark, so dass auch er seine Tränen laufen lies. Er hatte Angst, diese Frau würde ihn nicht ernst nehmen und ihm nicht entgegen laufen.
Seine Tränen liefen herab und sie waren heiß. So, dass auch sie verdampften und sich zu einer Wolke versammelten. Der Wind nahm diese Wolke mit und er kannte ihr Ziel. Dort angekommen verlor auch sie die ersten Tropfen.
Elisabeth war gerade in der Stadt unterwegs und wurde von diesen Regentropfen überrascht. Mitten auf einer Brücke blieb sie stehen, sah zum Himmel und lies die Tropfen auf ihr Gesicht fallen. Es waren weiche Tropfen, warm und samtig. Sie genoss jede einzelne. So, als kämen sie ihr bekannt vor. Sie liefen ihr über ihr Gesicht und verwandelten sich auf dem Weg über ihren Hals hinunter zum Herz in eine Botschaft. Es war die Botschaft ihres Herzens, die sie soeben fand. Sie sah zu Himmel, der mit Wolken überhangen war. Jeder einzelne Tropfen machte ihr Hoffnung und nahm ihr die Angst vor der Zukunft. Ihr wurde klar, dass sie nur Angst hatte, ihre Sehnsucht nicht stillen zu können.
Nun ging sie mit einem Lächeln im Gesicht nach Hause und seither sammelt sie Kraft, für die Reise zu ihrem Glück. Wohin diese Reise geht, ist ihr noch nicht bewusst. Doch langsam verliert sie die Angst davor und die Freude lässt ihr Selbstbewusstsein wachsen.
In Elisabeth wächst nun die Kraft, gegen ihren Feind zu kämpfen, so dass er nur noch ab und zu bei ihr vorbei schaut und versucht, sie zu stärken.
Elisabeth erkennt nun, dass es sich nicht lohnt, vor der Angst zu fliehen, die in ihr wohnt.
Sie sagt sich: „Keine Angst wird mich aufhalten, das zu tun, was ich tun muss, um Frieden und Harmonie zu finden.“
Rosemarie Möller
12. August 2001
Kommentare
nancy3445@aol.com schrieb:
Verstehe ich die Geschichte richtig?
Auch eine Begebenheit? Dann lese ich sie als Rat an viele Menschen.
Ich würde sagen, ein "Wink mit dem Zaunpfahl". Ich habe sie ausgedruckt und werde sie meiner Freundin zum Lesen geben. Vielleicht wirkt sie mehr, wie meine Worte.
Rita Fauter
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