Fortschritt
von
GEEZER
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Wir leben in einem Zeitalter des Fortschritts. Meist nehmen wir den Fortschritt in Form von technisch raffinierten Waren wahr und danken der Moderne für solch bereichernde Innovationen, ohne weiter über die Natur des Fortschrittes nachzudenken. Doch Fortschritt ist mehr als nur ein iPad oder ein Smartphone.
Der heutige Fortschritt ähnelt einer Rationalisierungsbewegung, die von uns allen begeistert mitgetragen wird – bewusst oder unbewusst. Im Zentrum dieser Bewegung steht die Effizienzsteigerung; das Verhältnis zwischen Input und Output soll optimiert werden. Zwar mag das zunächst wie wirtschaftliches Kauderwelsch klingen, aber diese ökonomische Rationalisierung greift weitaus tiefer, als wir es uns vorstellen können.
Betrachten wir zunächst das Naheliegende. Wer kennt sie nicht, die unpersönliche Stimme, die den Anrufer dazu auffordert, spezielle Nummern zu drücken und sein Anliegen zu artikulieren? Der Fortschritt hat die Revolution der Hotlines ermöglicht – der Einsatz einer Maschine soll dem Kunden mehr Beachtung schenken und nebenbei für diesen (Selbstbedienungs-)Dienst einige Cents die Minute kassieren.
Für mehr Ärgernis sorgen die verehrten Banker, die mittlerweile als Inbegriff der Gier gelten. Doch steckt hinter der grundsätzlichen Idee „schnelles Geld durch leichtsinnige Spekulationen“ nicht auch eine Art Rationalisierungswahn? Und dieser Wahn ist nicht nur bei Bankern und Unternehmen vorhanden, nein, wir nehmen ihn nur bei letzteren wahr, weil unser Geld unmittelbar damit verbunden ist. Man kann aber auch auf andere Weise (ir-)rationalisieren. Effizienz ist heutzutage so wichtig, dass die Jugend keine Zeit mehr zum Lachen hat, sondern stattdessen lieber lol-t. Und so kommt es schon mal vor, dass Eloquenz reduziert wird zu kryptologischen Abkürzungen und Twittermeldungen mit einem Umfang von 140 Zeichen. Andererseits benötigt man Redekunst heutzutage sowieso nicht mehr so oft, wie ein Blick auf die zeitgenössische Popkultur zeigt. Popmusik ist bereits zu einer Kakophonie aus elektrisch verfremdeten Stimmen mutiert, deren einziger Inhalt das Feiern und Liebemachen ist. Doch reduzierter Inhalt und reduzierte Kreativität sind genug, um die Mengen zu begeistern und das nötige Geld in die Kasse zu sprudeln – wozu also mehr Aufwand und Tiefsinnigkeit investieren? Letzten Endes werden wir auch in sozialer Hinsicht effizienter – soziale Netzwerke erlauben es uns, über hundert Freunde innerhalb kürzester Zeit zu adden, obwohl wir normalerweise ein ganzes Leben lang brauchen, um einen Freund schätzen und lieben zu lernen.
Überall wird also rationalisiert – ob in der Wirtschaft, in der Kultur oder im Zwischenmenschlichen. Doch langsam wird es Zeit, unsere Ratio richtig einzusetzen, um nicht unbewusst vom Fortschritt wegrationalisiert zu werden.
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