Franks Idee
von
Glory Halleluja
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Es war von Anfang an Kalles Idee.
Eine gute Idee, kein Zweifel. Eine simple, so simple, dass selbst Hornochsen wie ihr sie verstehen könnt, hatte Kalle gemeint, als die vier an dem schmutzig-schmierigem Tisch ihres Stammwirtshauses zusammensaßen, Schulter an Schulter, beschienen nur vom flackerndem Licht einer herunterbrennenden Kerze.
Kalle sah ihnen alle in die Augen, eine stumme Frage nach Einverständnis und Loyalität. Zuerst Leonard, dem Feigling, dem schon damals die Hände zitterten, dann Silas, der sein falsches Grinsen bleckte, und schließlich ihm, Frank, der den Blick ebenso flammend erwiderte.
Kalle nickte zufrieden und zog ein schmuddeliges Blatt Papier aus seiner Gesäßtasche. Frank spürte, wie ihm heiß wurde, spürte sein Gewisse und spürte, dass dieses Papier nicht in Kalles Finger gehörte, ja gar nicht für andere Hände und Augen bestimmt war. Als die seines Besitzers. Frank warf verstohlene Blicke über seine Schultern. Das Wirtshaus war leer, bis auf den gläserspülenden Wirt hinter seiner Theke. Erleichterung. Wieder zurück zum Papier.
Kalle hatte es ausgebreitet, sein Zeigefinger fuhr über Kaffeeflecken und Risse und zeichnete die feinen Umrisslinien eines Gebäudes nach.
„ Hier geht es rein, durch diese Tür und den Flur in den Tresorraum, wir schnappen uns alle Geldkoffer, die wir kriegen und nichts wie weg!“
Bamm. Kalle schlug mit der Faust auf die Tischplatte und grinste. „Ich zähl auf euch, Jungs“, flüsterte er. Frank sah ihn an. „ Wir sind dabei“.
Und dann verloren sich die vier in Getuschel, Gemurmel, Geflüster und Gewisper, solange bis die Schatten der Kerze immer länger wurden und sie schließlich verschluckten.
Die Nacht zog auf und sie waren alle da.
In ihrem Rücken der unauffällige Lieferwagen, vor ihnen ein mannshohes Gatter, leuchtend silber im Mondlicht. Dahinter - die Villa.
Frank atmete die kühle Nachtluft ein. Ohne es zugeben zu wollen wünschte er, einer der Männer würde ihn an der Hand nehmen. Er hatte Angst. Zögerte. Konnte er es nicht einfach sein lassen? Der Villa den Rücken zukehren und gehen?
Nein.
Frank dachte an seine Frau Dotti. Dotti mit dem Goldhaar, das sie immer mit einem Tuch zurückbinden musste, wenn sie als Putzfrau jobbte. Dotti, tief über ihr Haushaltsbuch gebeugt, wenn sie rechnete, wie groß die Schuldenwolken waren, die sich mal wieder über dem Ehepaar zusammenbrauten; Dotti mit dem hungrigen Augen, wenn es mittags mal wieder nur die dünne Zwiebelsuppe gab.
Und dann sah er eine andere Dotti, die in feinsten Kleider Pirouetten drehte, Kaviar aus einem silbernen Schüsselchen schlürfte , und eine Dotti, die mit ihm, Frank, zusammen in einer Badewanne in Wellen aus klirrenden Münzen und flatternde Scheinen planschte.
Es gibt gewisse Gedanken in einem Leben, die Menschen zu Verbrechern machen können. Dies war einer.
Frank zog den Dietrich aus seiner linken Hosentasche. Das Schloss leistete keinen Widerstand-nachgiebig klapperte und klirrte es und schwang schließlich auf. Frank verstaute den verbogenen Draht und winkte seine Kumpanen herbei. Mit ihren schwarzen Hosen, Mützen und Pullovern schienen Leonard, Silas und Kalle Pantherfell zu tragen. Die Dunkelheit umschmiegte ihre Gliedmaßen und ließen sie eins werden mit der Nacht.
Der erste Schattenmensch trat vor und zog sich das Halstuch von der Nase; darunter kam ein stoppeliger Bart und mit Tarnfarbe übermalte Wangen zum Vorschein.
„Arlarmanlage?“, fragte Kalle und lauschte. Nein, da war nichts, nichts außer der üblichen leisen Musik der Nacht. Kein Mucks aus der Villa. Abwartend thronte sie über dem kleinen Treppenabsatz. Dunkel alle Fenster, hinter denen sich so manche Geheimnisse bergen sollten.
Die vier betraten das Grundstück, schleichend, gebückt und mit wachen Ohren; trotzdem knirschte der Kies, als wolle er die Eindringlinge ankündigen. An der Spitze lief Kalle, natürlich. Er war der Boss, der Rudelführer, das Alphatier. So war das schon immer und würde auch immer so sein. In der Baufirma, in der die vier arbeiteten, war die Aufgabenverteilung ebenfalls gleich: Kalle befielt. Leonard macht. Silas zögert, Und Frank räumt den Dreck weg. Aber wie unterschiedlich sie auch waren, ein Wille hatte sie alle vereint und dafür gesorgt, dass sie in diesem Augenblick die Fassade der Villa erklommen.
Die Efeuranken waren nass und rutschig und verbargen das Rankengitter darunter. Frank krallte sich daran fest, die Höhenangst drückte ihm auf den Magen, aber zurückgelassen werden wollte er nicht. So erreichte er als letztes den Fenstersims, helfende Hände streckten sich ihm entgegen bis er wieder Boden unter den Knien hatte. Vor ihm war nur Leonards gewölbter Rücken zu sehen; durch dessen Finger schien ein riesiger Zirkel zu wirbeln. Gleich einem Messer, das Butter strich, durchschnitt er das Glas, bis es mit einem hauchzartem Klirren einer Luke gleich nach innen fiel.
Sie kletterten in die Schwärze, einer nach dem anderen, und das erste, was Frank auffiel, war der Geruch.
Es roch nach Geld. Nach uraltem staubigem Mahagoni. Nach Büchern, die Jahrtausende überlebt hatten. Nach Goldlack, der von der Tapete abblätterte. Und nach von Leder knarzenden Sofamöbiliar, das einem jeden Normalsterblichen ein Loch in den Geldbeutel brenne würde. Frank blinzelte. Das Innere der Villa schien die Nacht an Dunkelheit noch zu übertrumpfen. Einzig drei Schemen hoben sich ein wenig von ihrer Umgebung ab.
Kalle kniete nieder und kramte den Plan hervor. Silas knipste eine Taschenlampe an und sofort ergoss sich ein Lichtstrahl über das Papier. Frank kniff die Augen zusammen. Jetzt erstreckte sich der gesamte Raum in seinem Sichtfeld. Vorwurfsvoll starrten Adelige aus Gemälden herab. Schwere Vitrinen drückten sich ächzend an die Wände über einem wie ein Schachbrett gefliester Marmorboden.
„ Wir sind hier.“ Kalles Finger tippte auf das zerfledderte Papier. „ Erster Stock. Wenn wir jetzt hier die Treppe nehmen, gelangen wir ins Erdgeschoss, wo-„
Etwas piepste, laut, deutlich und verräterisch. „ Leonard, du IDIOT!“, zischte Kalle und packte Leonard am Kragen. „ Mach dein verdammtes Handy aus!“
Leonard wich zurück; seine zittrigen Finger klimperten über die Tastatur seines Telefons. „ Tut-tut mir Leid, es war doch aus, ich wusste gar nicht, dass es an..“
„RUHE!“ Kalle warf ihm einen wütenden Blick zu. Mit einer Handbewegung wischte er die am Boden liegenden Sachen zusammen. „ Wir könne von Glück reden, wenn das keiner gehört hat! Wir haben eine Mission und du hast sie gefährdet!“ Er bohrte Leonard den Zeigefinger in die Brust. „ Keine Fehltritte mehr! Und jetzt Abmarsch!“ Er schubste die drei in Richtung Treppe. Frank lief an erster Stelle mit der Taschenlampe wie eine Fackel in der Faust; Schatten tanzten an sen Wänden, begleiteten die vier als sie den Treppenstufen folgten, die sich in eine endlose Tiefe zu schrauben schienen…..Frank überlegte, wo die Hausherren sich wohl in diesem Moment aufhielten. Schliefen sie? Waren sie wach? Was würden sie tun, wenn sie wüssten, dass
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