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Frei und wild 10

von Zahra Kritar

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10.Kapitel

Außer das Rascheln der Blätter, ihr stoßweises atmen und das Krächzen von Veneté, hörte man nichts. Kein Vogel sang und die schwarzen Bäume mit dem warmen Rinden schienen jedes Geräusch zu verschlucken. Seit Stunden liefen sie nun schon durch den Wald des Todes und ein Ende war nicht in sicht. Avoh gewährte ihnen gerade eine kurze Pause und Tyra ließ sich stöhnend in das Laub fallen. Die Dohle kam auf sie zu geflogen und hatte kaum noch die Kraft sich an Tyras Arm festzuhalten. Behutsam nahm sie den Vogel und bettete ihn in ihre Winterjacke ein. Veneté schmiegte den kleinen Kopf an den gefütterten Stoff und schloss seine eis farbende Augen. So konnte es nicht weiter gehen. Avoh rannte wie ein Irrer durch den Wald, als wären sie auf der Flucht. Tyra holte tief Luft und sagte, „Avoh ihr habt mir versprochen alles zu erklären, wenn wir in Sicherheit sind.“
„ Mhm.“ brummte er. Seine Laune war mit jede verstrichene Stunde schlechter geworden.
„ Nun ja,“ begann sie unsicher, „ Ich würde gern wissen warum wir in dieser toten Gegend gelandet sind und nicht gleich bei den Elfen.“
„ Ja das würde ich auch gerne wissen,“ Tyra hatte das Gefühl, das er nur mit sich sprach.
„ Als ich mich gerade auf der Schwelle zwischen der Welt der Menschen und Varéda befand, sah ich, wie einer der schwarzen Krieger aus Wut mit seinem Schwert das Buch zerschlug. Möglicherweise hat er dabei unbewusst auf meine Magie eingewirkt.“
Tyra schlug das Buch ihrer Mutter auf.
Da, wo das Schwert die Seiten getroffen hatte, waren Tintenflecke. Die Wörter waren nicht mehr zu entziffern.
„ So eine Gemeinheit,“ rief sie aus und Zorn stieg in ihr auf.
„ Wer waren die? Das sie die einzigste Erinnerung an meiner Mutter beschädigen! Wer tut so etwas?“ schrie sie. Tyra wollte Antworten. Und zwar jetzt.
„ Das ist nicht wichtig.“ sagte er leise.
„ Nicht wichtig?“ brüllte sie ungläubig. Ihre Worte hallten durch den Wald.
Und deutlich hysterisch fügte Tyra hinzu.
„ Ich weiß ja nicht wie es hier ist, aber in meiner Welt möchte man doch bitte erfahren, wer die Mörder sind, die mich umbringen wollen!!! Also sagen sie mir jetzt nicht, dass das unwichtig ist! Tyra schrie aus voller Kehle und Veneté flog erschrocken auf einen der niedrigen Äste, eines Baumes.
„ Du willst wissen wer sie waren.“ stellte Avoh fest.
„ Ja.“ antwortete Tyra heiser.
Er fuhr im ruhigen Tonfall fort, „ Diese schwarzen Krieger, die so versessen darauf sind, dich ins Grab zu bringen kommen aus der Hölle. Kreaturen der Finsternis oder Krieger des Todes, mit allen Namen meint man ihre finstere, schwarze Seele, die aus Blut und dunkler Magie geschaffen wurde. Du kannst alles versuchen, haben sie einmal den Auftrag bekommen ihren Herrn etwas zu bringen, dann werden sie es zu ende führen. Erst wenn dein Herz nicht mehr schlägt und deine Augen blicklos zum Himmel starren, kehren sie zurück. In das Feuer der Hölle und warten darauf von ihren Herren gerufen zu werden. Und wenn es wieder passiert, beginnt das ganze Spiel von vorn. Ein ewiger Kreislauf.“ Tyra hielt die Luft an.
„ Das ist ja schrecklich. Welch ein Wesen würde so etwas in sie Welt rufen?“
Sie suchte den Blick des Vogels, der regungslos auf dem rußfarbenen Ast saß.
Kannst du dir so was vorstellen fragte sie ihn in Gedanken und eine fremde Stimme antwortete Ja.
Tyra riss die Augen auf. „ Du,“ sie zeigte auf die Dohle.
Sei leise, rief es in ihren Kopf. Nicht jeder muss von unserer Beziehung zueinander erfahren.
Als ich dir ewige Freundschaft schwor, bist du mit mir den Handel eingegangen. Nun kann ich in Gedanken mit dir reden, ohne dass jemand davon erfährt.
Das ist nützlich, antwortete Tyra.
Der Vogel erwiderte darauf nichts.
Tyra schaute zu Avoh, der in die Krone der schwarzen Bäume und in den fehlenden Himmel blickte. Als er sich wider umdrehte war sein Gesicht verzehrt vor Erbitterung. In seinen meeresblauen Augen tobte ein Sturm und Tyra wich vor Furcht, über den plötzlichen Stimmungswandel, ein paar Schritte zurück. Doch Avoh beachtete sie nicht und sprach mit gepresster Stimme weiter: „ Menschen, die genauso herzlos sind, wie die Kreaturen der Finsternis. Es widert mich an. Dieses Volk nutzt seine Magie, um andere das Leben zu rauben.“
„ Wer ist dieses Volk?“ Sie sprach leise als befürchtete Tyra, dass jemand sie belauschen konnte.
Die Antwort, die Tyra erhielt, war furchtbar.
„ Das Drachenvolk.“
Sie wollte protestieren. In jedem Buch, das Tyra gelesen hatte, waren die Drachen als starke und königliche Tiere verehrt worden. Sie haben mit dem Guten an ihrer Seite gegen das Böse gekämpft und so war es auch in dem Buch ihrer Mutter. Sie erzählte von den prächtigen Tieren und ihre enge Freundschaft zu den Elfen. Was war in den 16 Jahren geschehen, das die Drachen auf einmal die Feinde der Elfen waren? Avoh beobachtete Tyra genau und nahm jede Regung in ihrer Miene und Körperhaltung wahr. Dann beugte er sich vor und sagte mit verschwörischer Stimme, „ Die Zeiten haben sich geändert. Das friedliche und verträumte Varéda existiert nicht mehr. In dieser Welt herrscht ein Kampf zwischen Leben und Tot.“


Diese einfachen aber grauenvollen Worte hallten ihr noch Stunden im Kopf. Wie ein Echo, das jedes Mal zurückkehrte, um sie daran zu erinnern, dass auf ihren Schultern eine große Last lag. Und zwar das Land Varéda vor dem Untergang zu retten. Dazu brauchte sie verbündete. Tyra zweifelte nicht daran, das die Elfen auf ihrer Seite standen. Aber wenn sie gemeinsam in den Kampf zogen und in ihren Inneren ein genauso starker Hass tobte, wie sie es bei Avoh gesehen hatte, war es zwecklos. Der Zorn fraß sich in ihre Herzen und so hatten die Elfen schon verloren. Ein Dichter hatte einmal mit weisen Worten gesagt: Das Leben liebt das Gleichgewicht. Wie Ying und Yang. Es würde eine Katastrophe geben, wenn das Elfenvolk und die Dracheén so in den Krieg ziehen würden, wo man das Ende schon vorhersehen konnte. Dennoch musste Tyra ihnen klar machen wofür sie kämpften. Die Elfen sollten nicht kämpfen aus Wut oder Rache zu nehmen. Sie müssen für ihre Familie kämpfen, für ihr Land. So etwas schafft man nur, wenn man an sich glaubt. Die Elfen müssen die Augen öffnen und die schönen Seiten ihres Landes kennen lernen, damit sie wissen, wofür sie das Schwert in das Fleisch des Gegners rammen. Und wenn sie sterben, dann nicht mit Hass, sondern sollten sie sich an die schönen Dinge erinnern, an denen ihnen etwas lag. Was für ein Tot wäre es, wenn man in Zorn und Groll stirbt? Ein sinnloses Opfer und hat man etwas davon? Nein, sondern hinterlässt eine Familie, die am Ende des Krieges das Schlachtfeld absuchen, nach Überlebende. In der Hoffnung den Ehemann, Vater oder Sohn zu finden.
Tyra ballte die Hände zu Fäusten.
Wie sinnlos doch Kriege waren.
Avoh bemerkte, das sie fieberhaft über etwas grübelte.
„ Lass uns eine Rast machen. Du siehst erschöpft aus.“
„ Aber ich dachte wir wollten erst aufhören zu

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