Frei und wild Teil 8
von
Zahra Kritar
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8.Kapitel
Der alte Mann, namens Avoh, stand reglos am Fenster und beobachtete wie Tyra zur Küste ging. Ein stürmischer Wind blies kalt durch die Ritzen der vermoderten Holzhütte und hinterließ einen trostlosen Geschmack des Winters. Die Fensterscheiben zitterten und klirrten, als würde ihnen selbst kalt davon werden. Fröstelnd schlang er die Arme um sich und setzte sich vor den Moosbewachsenen Steinkamin, indem ein freundliches Feuer prasselte. Die Hütte ächzte mitleidsvoll, als sei es ihr zu viel, nun auch noch zwei Gäste zu beherbergen. Zwischen morschen Schränke und nassem Holz, das nach Fisch roch, wucherte überall Unkraut. Weiß-Klee, Ampfer und Filzkraut wuchsen in jeder Ecke. Auf Steinen, Möbeln und Decke verbreiteten sie sich und eroberten ihren Lebensraum zurück. Es war doch schon ein merkwürdiges Gefühl nachts aufzuwachen, wenn der Sturm vor der Tür um Einlass winselte und man kein Auge zubekam, und Pfefferminze direkt vor der Nase zuhaben, dass man niesen musste. Jedenfalls sparen wir uns das Geld für Tee, stellte er belustigend fest. Avoh nahm eine verbeulte Blechkanne, die schon vorher hier war, und füllte sie mit eiskaltem Regenwasser von draußen. Er warf ein paar Kräuter hinein, die gleich neben ihm wuchsen, und lehnte sich erschöpft zurück. In dem zerschlissenem Sessel piepste etwas, doch er war zu sehr in Gedanken versunken, um es zu bemerken. Seit einer Woche war er nun schon mit diesem Mädchen allein. In Berlin hatten sie den ersten Flug gebucht und waren hier hergekommen. nach Irland der grünen Insel. Sie war auch jetzt grün, obwohl Winter herrschte. Das hatte wahrscheinlich mit dem Golf von Mexiko zu tun. Egal ob es nun grün war oder Schnee lag, es war kalt. Ganz fürchterlich kalt. Er rieb sich die Hände und hielt sie so nah an das Feuer, wie es nur ging. In Australien war es ihm zu heiß gewesen und hier ist es ihm zu eisig. Was für eine komische Welt. Bei ihm Zuhause war es immer warm. Winter oder so gab es nicht. In diesem Land herrschte ewiger Frühling und das war zwar eintönig aber schön. Auf dem Bergen lag natürlich Schnee, aber auf den unteren Regionen war alles voller Blumen. So war es jedenfalls gewesen, bevor der Krieg begann. „ Bald mein Guter, wirst du deine bezaubernde Tochter wieder sehen, deine Herrscherin und alles wird wieder so werden wie Früher.“ sprach er selbstsicher in den leeren Raum hinein. All die Jahre des alleine seins, hatte er es sich angewöhnt Selbstgespräche zu führen. Vor 14 Jahren hätte Avoh noch belustigend mit dem Kopf geschüttelt, wenn man ihn davon erzählt hätte. Nun war er hier irgendwo in Nordirland und war auf dem Weg nach Hause. Dass er das Mädchen am Flughafen getroffen hatte, zeigte ihm wie Recht er mit seiner Vermutung hatte. Das Weglaufen vor seinen Problemen war schon immer die einfachste Möglichkeit gewesen. Avoh musste noch nicht einmal lange warten. Kaum war er aus Australien angekommen, traf er unverhofft Tyra. Zum ersten Mal sah er sie in der S-Bahn. Er wusste gleich, dass sie es war. Die Ähnlichkeit mit ihrer Mutter war verblüffend identisch. Nur das Tyra jünger und unsicherer wirkte. Trotzdem wollte er sicher gehen und nahm sich vor sie noch etwas genauer ins Auge zu fassen. Er stellte sich schlafend und registrierte jede Bewegung von ihr. Die Zärtlichkeit, mit der sie das Buch anfasste und über seine Seiten strich, erinnerte ihn sehr an Ayera. Wie sie in einigen der weichen Blätter saß und die Bibliothek mit glänzenden Augen betrachtete. Vorsichtig, als wäre es ein kostbarer Schatz schlug sie die Bücher immer auf. Tyra behandelte das Buch genau so behutsam und spätestens ab da an, war für ihn keine Zweifel mehr, wer da vor ihm saß. 14 lange Jahre hatte er gesucht. Und nur wenige Stunden später erhielt er sogar eine Kostprobe von ihrer Macht. Eigentlich wollte er einschreiten und die ahnungslosen Jungs schützen, doch dann passierte etwas völlig anderes. Tyra schaffte es doch tatsächlich diese wilde Macht zu bändigen, obwohl sie noch gar nichts darüber wusste. Als ihr Innerer Kampf vorbei war schritt er dazwischen und gab sich als Polizist aus. Was sollte er sonst tun? Das verstörte Mädchen würde doch nicht einfach einen fremden Mann folgen. Und nun waren sie hier. In dieser Einöde. Am Anfang hatte Avoh versucht Tyra zu befragen. Woher sie kam oder wie ihre Familie war. Doch das Mädchen traute ihm nicht und weichte bewusst seinen Fragen aus. Das einzigste das er feststellte war, das Tyra jeden Tag etwas zugänglicher wurde und sich in dieser einsamen Hütte sehr wohl fühlte. Wenigstens ein Anfang brummte er zu sich selbst. Avoh hatte ihr nichts verraten. Weder woher er kam noch wer sie war oder wohin er sie mitnehmen würde. Kein Laut ist über seine Lippen darüber entwichen. Es war eigentlich ihr Schicksaal, doch Avoh war der Meinung das Tyra noch nicht soweit war. Die Kanne begann schrill zu pfeifen und mit Kopfschmerzen schlürfte er seinen bitteren Tee.
Glücklich ging Tyra den steinigen Felsweg hinab. Ihre Turnschuhe rutschten über das lose Geröll und wollten immer schneller voran. Während der Weg immer steiler wurde und Tyra sich an ein paar Büschen festhielt, hörte sie schon das Rauschen vom Meer. Der verborgene Ziegenpfad endete an einer versteckten Küste. Als sie am ersten Tag die Umgebung erkundete, hatte sie ihn entdeckt. Das letzte Stück geriet sie sosehr ins stolpern, dass Tyra vornüber fiel und in den weichen Sand des Strandes stürzte. Sie richtete sich etwas wackelig auf und atmete tief die frische Meeresluft ein. Vor ihr erstreckte sich eine halbmondförmige Bucht. Auf dem dunkelgrauen Wasser sah man weiße Schaumkronen. Donnernd, wie eine Herde von wilden Pferden, schlugen die Wellen gegen die spitzen Felsen. Meterhohe Fontänen spritzten in die Luft und hinterließen einen feinen Nieselregen. Der bewölkte Himmel ließ nicht gutes erahnen. Weit draußen auf dem Meer sah man schon die ersten Blitze aufleuchten. Doch Tyra musste hier her kommen. Hier konnte sie am meisten klar Nachdenken, ohne sich ständige Sorgen zu machen. Wie eine Tänzerin hüpfte sie von einem Stein zum nächsten, bis Tyra auf den höchsten von ihnen angelangt war und selbst die tosenden Wellen sie nicht mehr erreichen konnten. Sie setzte sich auf die raue Steinplatte und murmelte sich in ihre dicke Winterjacke ein. Möwen flogen um sie herum und kreischten hell. Tyra nahm ihre Mütze ab und der Wind jagte durch ihre Haare. Mal nach links, dann nach rechts, nach vorn, nach hinten und wieder nach links flatterten ihre schwarzen Haare in alle Richtungen. Mit der Zunge fuhr sie sich über die trockenen Lippen und schmeckte das Meersalz. Irland, dachte sie, eine bezaubernde Insel. Nie hätte sie sich träumen lassen hier her zukommen. Die grüne, raue Landschaft, in der ab und zu ein verlorener Kalkstein stand oder ein riesiger Rhododendron Busch. Kniehohe uralte Steinmauern, die Schafe und Kühe einzäunten. Berge, deren spitze in einer dicklichen Wolkenschicht
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