Freilassen
von
blacknight99
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Sanft raubte ich ihm das Leben. Ich rang es nieder auf zärtliche Art und Weise. Brachte ihn um, ohne ihn zu töten. Sein Mund war ein Strich, hingemalt von einem minimalistischen Zeichner. Seine Augen lächelten, Funken des Lebens sprühend, so als feierten sie Sommersonnenwende - Untergang und Neubeginn zugleich. Tränen machten mich blind und ließen mich doch schärfer sehen als jemals zuvor. In mein Inneres – versteht sich. Klar umrissen blickte ich auf unser beider Leben, eng umflochtene Seidentücher, die nun in verschiedene Bahnen weiterlaufen sollten. Weiterlaufen – das war es, was wir immer getan hatten. Die Lehrer haben uns mit Steinen beschmissen, die Schüler ebenso, die Behörden erst recht. Aber wir hatten das, was die Anderen nie hatten, gefangen in ihren Netzen aus Gefühlskompromissen und Halbwahrheiten: Freiheit.
Er erkrankte tödlich. Mehr will ich gar nicht sagen. Ich will nicht über die Ungerechtigkeit des Lebens jammern, nicht anklagen, nicht verfluchen. In keinem Moment unseres Lebens sind wir unantastbar, wir sind nur Schattenspiele, flüchtige Umrisse, die eins werden mit der Dunkelheit, wenn das Licht ausgeschaltet wird.
Er ertrug die Schmerzen nicht mehr und so bat er mich in seiner stillen, schweigenden Art das letzte Mal um einen Gefallen.
Ich nickte stumm.
Als ich dem Messer eine ruckartige Bewegung in die Richtung verpasste, auf der es unweigerlich mit seinem Körper kollidierte, fühlte ich mich, als würde ich einen Drachen steigen lassen. Als würde ich meine Hände, geformt zum Gefängnis, öffnen und ein Schmetterling würde aus ihnen entfliegen, durch geschmeidige Flügelschläge immer höher tänzelnd. Seine Augen waren leer, was mich auf wundersame Weise zufriedenstellte. Nichts von ihm war übrig geblieben in dieser zerbrochenen Tonfigur, deren hervorstehende Knochen wie Scherben wirkten. Nichts war zurückgeblieben in diesem Gefängnis aus Schmerzen. Ich hatte ihn freigelassen, hatte die Gefängnistür mit dem Messer aufgehebelt. Selbst im Tod hatte er seine Würde bewahrt, wenn das überhaupt möglich ist. Aber so war er, mein Labrador Tommy.
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