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Kategorien > Weihnachten > Nachdenkliches

Freude, Freude, große Freude

von Rudolf Wolter

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Freude, Freude, große Freude
Freude, Freude, große Freude, die Worte gingen ihr nicht wieder aus dem Kopf. Das war etwas anderes als das übliche Weihnachtsliedergedudel in den Kaufhäusern. Sie hatte genug vom rotnasigen Rentier, von der Weißen Weihnacht, auch von der Stillen Nacht, die so widersinnig war im Kaufrausch und Trubel der Geschäfte. Aber dieses Lied, seine Worte, sie klangen in ihr nach. Wer da wohl zuständig war im Kaufhaus, die CD's für die Kauforgien zusammenzustellen? War das ein Missgriff gewesen – oder ein unvermuteter Anflug von gutem Geschmack? In ihr hatte dieser Knabenchor etwas ausgelöst. Er sang in ihr immer weiter, auch als sie längst die Warmluftschranke des Kaufhauses durchquert hatte. Freude, Freude, große Freude...
Mit diesem Lied war sie plötzlich wieder da, die große Vorfreude auf das große Fest, die große, ihre Brust fast sprengende Freude ihrer Kindheit, als sie sich den gelben Kinderwagen wünschte oder auch den Kaufmannsladen mit der laut klingelnden Kasse oder den Puppenherd, auf dem sie richtig kochen konnte... Ja, sie war gut vorbereitet worden durch ihre Weihnachtsgeschenke auf ihre spätere Rolle. Einen Staubsauger für Kinder gab es wohl noch nicht. Dabei war es gar nicht ihre Mutter, die wohlbedacht ihr kleines Mädchen zur Hausfrau und Mutter drillen wollte, sie selbst hatte diese Wünsche, wie alle anderen Mädchen aus ihrer Klasse. Sie hatte damals noch nicht die Kraft in sich gespürt, sich diesen Wünschen zu widersetzen, das kam erst später, als sie nach der Schule vor der Frage stand, womit sie ihr Leben verbringen wollte. Der Zufall war es, der sie auf den Weg brachte, eine Werbung der Verkehrsbetriebe und sie ging hin und stellte sich vor, der Personalchef sah sie kritisch über seine halbe Brille an und nahm sie doch. So kam sie in den Führerstand zuerst der Straßenbahn, dann schulte sie um auf die U-Bahn und es hat ihr nie leid getan. Das andere musste sie trotzdem machen, Kinder wickeln, Brei kochen, Staub saugen – woher der nur immer kam, dieser Staub, der sich nicht nur auf die Möbel zu legen schien, sondern auch auf ihre Seele? Nun hatte sie alles hinter sich, den Führerstand, den Mann, die Kinder, nur der Staub war geblieben.
Freude, Freude, große Freude, wieder sang es in ihr. Nun musste sie nur noch das Paket packen für ihre Enkel, die Stoppuhr für den Arm des Enkels, der so eifrig im Schwimmverein trainierte, der mp3 Player für die Enkelin, die so einen weiten Schulweg hatte – sie hatte versprechen müssen, ihn nicht in der Mathestunde zu benutzen, auch wenn sie nicht so gern rechnete. Aber alle hatten so einen kleinen Wegbegleiter, sie sah es jetzt in der Bahn, wenn sie nicht mehr ganz vorn saß sondern mitten unter den Leuten, die sie fast vierzig Jahre durch ihre Stadt kutschiert hatte. Für ihre Tochter hatte sie DVD's gekauft vom Ballett. Sie mochte es noch immer gern sehen, auch wenn es bei ihr nicht gereicht hatte, die Sehnen in ihren Füßen waren zu kurz, so viel sie auch als Kind trainiert hatte. Was hatte das für Geld gekostet, dachte sie, aber es dauerte sie nicht, auch nicht um eine Mark. Ja, manchmal hatte sie damals dem Vater im Himmel alles vor die Füße geworfen, wenn es mal wieder so knapp war und sie nicht wusste, wie sie sie den Urlaub finanzieren sollten, aber dann war doch immer alles gut geworden. Sie kam sich hin und wieder vor, als wäre sie das liebste Kind ihres Vaters da oben, weil es immer gut ging.
Gut, es könnte besser gehen. Das stimmte. Ihre Tochter könnte sie einladen zum Fest. Andere Kinder machten das. Aber sie hatte den Kopf so voll, die Scheidung, der neue Freund, die Kinder, der zögerlich eintreffende Unterhalt von ihrem Ex, da war wenig Platz für eine alte Frau... So wird sie nur für sich die Kerzen anzünden – oder... Ihr kam ein verwegener Gedanke. Da war doch doch die Frau, die immer eine Woche nach ihr für den alten Mann die Treppe machte, sie wohnte nebenan und hatte geklagt, dass ihre Kinder nichts mit ihr zu tun haben wollten, auch nicht zu so einem Fest. Die könnte sie doch fragen, und dann würden zwei alte Damen zusammen eine Flasche Eierlikör leeren, Kemms braune Kuchen knabbern, Weihnachtslieder hören und über die Nachbarn herziehen... Vielleicht mag sie ja auch Fisch, dann könnte es wieder Karpfen geben, mit Meerrettichsahne und zerlassener Butter, Karpfen am Heiligen Abend. Sie ging einen Schritt schneller. Auch wenn es Mut kostete, an einer fremden Tür zu klingeln, warum sollte sie den nicht aufbringen? Und wenn sie nein sagt?
Freude, Freude, große Freude sang es in ihr. Dann werde ich jemanden anders fragen. Es sind so viele allein an diesem Abend aller Abende. Maria und Joseph hatten um ihre Herberge bestimmt an viele Türen geklopft, bevor sie in den Stall durften. Sie erinnerte sich an die Krippenspiele aus ihren Kindertagen. Sie durfte nie die Maria sein beim Spiel auf den Altarstufen, aber sie war trotzdem zufrieden mit ihrem Leben, auch ohne je Maria gewesen zu sein. Maria war ich in meinem Alltag, dachte sie, ich hoffe, ein gute... Sie fand es schon immer gar nicht so falsch, wenn sie in den katholischen Kirchen vor der Maria hinknieten, man muss ja nicht beten zu ihr, aber anerkennen sollte man sie, ein Kind in einem Stall zu bekommen wie so viele Frauen nach ihr... Mit dem Klang des Liedes in ihrem Herzen sah sie sich um, und sie wusste, sie würde nicht allein sein in dieser Heiligen Nacht...

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