Freunde
von
Ria Samedi
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„Iih! Ein Marie!“
Rina starrte mich an, als wäre ich ein ekelhaftes Tier, dabei war sie heute Morgen noch meine Freundin gewesen. Sie wickelte sich eine schwarzgefärbte Haarsträhne um den Zeigefinger und wich vor mir zurück, ohne mir auch nur zu sagen, wieso.
Ich biss mir auf die Lippe. Aber so, dass sie es nicht sahen. Weder Rina noch Isa noch die vier Jungen, die ein Stückchen weiter vorne liefen. Niemals würde ich vor denen zeigen, dass ich von so einem simplen, nicht einmal ernst gemeinten Satz beleidigt war. Das wäre ja schön peinlich. Da konnte ich auch gleich mit dem Fuß aufstampfen und heulend zu meiner Mami laufen, nur weil mir irgendwer einen Bonbon geklaut hatte.
„Och nee, nicht du schon wieder“, sagte ich im gleichen Tonfall.
Nur mit dem Unterschied, das Rina wusste, dass ich es nur im Scherz sagte.
„Uäh, jetzt fängt sie gleich wieder an mit ihren dämlichen Sprüchen“, stöhnte Isa.
Ich musste daran denken, dass Isa und ich uns seit der Krabbelgruppe kannten und früher immer die besten Freundinnen gewesen waren. Wie oft ich sie getröstet hatte, wenn eines ihrer Haustiere gestorben war oder sie Liebeskummer hatte.
Wann hatten wir aufgehört uns zu vertrauen?
„Ich hab Hunger“, bemerkte ich zusammenhanglos, nur um die Anderen auf ein anderes Thema zu bringen.
Mit einem wirklich tollen Ergebnis: Isa sah mich angewidert an. „Schon wieder?! Hallo, hast du nicht gerade erst 'ne Pizza gegessen?!“
Dabei brüstete sie sich immer damit, wie viel sie Essen konnte.
„Das war eine Halbe...“ Ich kickte eine der Eicheln vor mir her.
„Na und? Dafür ist Fett drauf wie auf vier Pizzen“, schaltete Tim, einer der Jungs, die ich eigentlich für nett hielt, ein.
Wieso mich diese meine-Essangewohnheiten-sind-ekelhaft-Diskussion irgendwie verletzte, verstand ich auch nicht. Oh, stop – möglicherweise, weil Isa aus jedem unserer Treffen, bei dem mehr als ein Zuschauer anwesend war, irgendeine Diskussion über mich machte. Oder weil sie mir jede meiner Bemerkungen im Mund umdrehte.
„Du riechst nach Pizza“, stellte Rina fest.
Ich hob die Schultern. „Lässt sich leider nicht vermeiden, es sei denn, du steckst mir den Finger in den Hals.“
„Ekelhaft“, befand Rina und sah mich wieder so abfällig an. Am liebsten hätte ich ihr ein Foto von heute Vormittag gezeigt, wie sie fröhlich redend mit mir am Bahnsteig entlang ging. „Iih, Isa, du musst ja jetzt mit der nach Hause fahren!“
Oh mein Gott. Musste das schrecklich sein. Vor allem, da Isa mich jeden Tag bekniete, sie noch bis zu ihrer Haustür zu begleiten, damit sie nicht alleine laufen musste. „Nein, ist ja ekelhaft“, sagte ich in meinem sarkastischsten Tonfall und schoss meine Eichel ein wenig kräftiger nach Vorne.
„Kann nicht einer von euch sie mit nach Hause nehmen?“, fragte Isa und machte eine Geste, als würde sie gleich vor den Anderen auf den Knien darum betteln. Wartet mal... Woran erinnerte mich das jetzt?
Die Jungen drehten sich um. Tim war zuerst dran. „Äh – nee?!“
„Kannst du vergessen. Du hast sie am Hals.“
„Nur über meine Leiche.“
Jans Reaktion kam ein wenig zu spät. Ich mochte Jan. Ziemlich gerne sogar. Er war echt nett, und außerdem kannte ich ihn schon eine Ewigkeit. Ich redete relativ viel mit ihm.
„Igitt.“
Das Wort traf mich wie ein Schlag in die Magengrube.
Was natürlich weder den Jungs noch Isa noch Rina auffiel. Sie drehten sich einfach um und liefen weiter. Als ob nicht wäre. So als wäre die Welt ein schöner Ort und wir alle die besten Freunde. Aber vermutlich hatte ich ihre Idylle kaputt gemacht. Das machte ich ja sowieso fast immer überall. Wohin ich kam verstummten die Gespräche. Die Leute gingen weg. So war das eben – mein Leben, meine ich.
Ich stapfte wortlos zur Seite, durch die klitschnassen Blätter und Büsche im Park, bis ich auf der Straße angekommen war.
Das Beste war, dass die Anderen in zwei Minuten nicht einmal mehr wissen würden, was gerade geschehen war.
So lief das immer.
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