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Kategorien > Humor > Action

Freunde und Helfer

von Andreas Melchner

"4 Kurze, Babsi", hörte ich Savas sagen. Eigentlich hörte ich ihn nicht. Ich las es von seinen Lippen. Ehrlich gesagt war nicht mal Lippenlesen mehr möglich. Savas hatte eine weitere Runde geordert, das ließ sich seiner Gestik entnehmen, die mit jedem Kurzen, der unseren Körper erwärmte, an Ausdrucksstärke gewann. 4 Kurze für 2.
Der Frau hinter der Bar wurde somit der Auftrag zuteil, uns den Rest zu geben. Und das, obwohl Savas und ich schon seit einer Stunde im Koma, dem schwarzen Kommunikationsloch, angekommen waren, in dem man sich schweigend unterhalten kann. Dabei balanciert man weich von Bein zu Bein, mit seinen Augen minutenlang einen Punkt fixierend, ohne etwas zu sehen. Meditative Trance nennt das meine Mutter. Gut, so würde sie das nennen, wenn man den Zustand ohne die Flasche Jägermeister erreicht. Als die Barfrau die 4 Kurzen vor uns aufbahrte, kam mir Sepp Herberger in den Sinn. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.
Irgendwie fand die Barfrau ohne Namen das Babsi nicht so lustig. Aber angesichts der Tatsache, dass wir die Letzten waren, die an ihrer Bar noch für ein paar Euro gut waren, servierte sie die 4 Kurzen mit einem Business Class Lächeln. Business Class Lächeln für Business Class People.
Zack. Auf das Break des Schwarzlichtfeuers rauschte der süßliche Saft den Rachen hinunter. Savas und ich waren bedient. Danke, Frau ohne Namen.
"Ich fahre", sagte ich zu Savas, "Zeit zu gehen, der Laden ist leer." Erstaunlich, dass uns diese Erkenntnis in bestem Kontrast zu unserem Rausch so schleichend ereilte. Denn wir waren tatsächlich die letzten hier. Als wir vor das K2 traten, bemerkten wir, dass es zu schneien begonnen hatte.
Aber Savas hatte ja noch eine Flasche Jägermeister für die Fahrt klar gemacht. Man weiß ja nie, was kommt. Außerdem saßen die Gagen locker. Sein Vater, Controllingleiter, hatte uns ohne seine Kenntnis den Firmen-Daimler samt Kreditkarte hinterlassen. Savas meinte, er hätte den Wagen nur stehen lassen, damit die Nachbarn seiner Frau nicht stecken, dass er Freitag abends nicht daheim ist. Nun war Papa nicht da, und der Daimler auch nicht. Aber das war egal, denn was Papa nicht bedachte, war, dass Mutters Capuera-Kurs eigentlich ein Portugiesisch-Kurs in der Sauna war.
Aber von nix kommt nix. Und so setzte ich mich mit 2 Promille an die Kommandozentrale der Kavallerie mit ihren 300 Pferden, deren schwarzer Glanz von frischem Schneeweiß verdunkelt wurde.
Savas nahm erstmal einen Eröffnungsschluck, ehe er mir die Flasche reichte. Ich war allerdings mit dem elektronischen Schnickschnack beschäftigt, meine Sitzeinstellung zu optimieren, wobei ich mich nicht zwischen Liege- und Formel-1-Position entscheiden konnte. Savas war das einerlei. Er kannte meine Fahrkünste. Außerdem wollten wir beide nur ab in den Frühclub. Beine ausschütteln und das leere K2 vergessen machen.
Irgendwie schon fast schade, dass keiner mehr vor Ort war, der uns samt SL vom Parkplatz wegfliegen sah. Aber auch Stuntmen werden beim Dreh nur von der Kamera verfolgt.
Bis kurz vorm Frühclub lief es fließend. Rauschend. Um 5 Uhr morgens scheint Bochum eine einzige Autobahn zu sein. Aber kurz vorm Frühclub liegt so ein abgefahrener Kreisverkehr. Der ist schön weit geschnitten. Zweispurig. Aus Bochums besseren Tagen. Doch irgendwie waren die Straßen dort in tiefes Weiß gehüllt. Eisig nass. Eisig glatt.
Als ich in den Kreisel einfuhr, wurde Savas wieder wach, weil die 300 Pferde leicht ins Rutschen kamen. Doch anstatt mich anzubluffen, meinte er in freudigster Jagdlaune: "Los! Wollen wir mal sehen, was der Kickdown im Kreisverkehr so zeigt." Und so fing ich an zu kreiseln. Ein 500 SL im Rundflug - Savas war wieder voll da. Er war gar nicht einzukriegen. Und es lief auch echt smooth. Wie im Karussell flogen wir eine Runde schneller als die andere.
Schwer zu sagen, wer die glorreiche Idee hatte. Ich würde sagen, es war Savas, der brüllend "Rückwärts, Rückwärts" forderte.
Kein Problem. Ich stieg in die Hufen. Stellte von "D" auf "R" und mein Fuß schrie nach dem Kickdown. "Ignition" brüllten wir, als der Rückwärtsgang den Wagen wie eine Rakete in Bewegung setzte. Ich riss das Lenkrad herum, um wieder zu runden, doch urplötzlich gab es einen Knall.
Hinter uns war ein BMW in den Kreisverkehr eingebogen, dem ich mit Vollschub in die Beifahrerseite rammte. Glas splitterte, Metall zerbarst. Mir schien es wie eine Vereinigung.
Im Rückspiegel sah ich den Fahrer. Mitte vierzig. Der Schock stand in seinem Gesicht. Irgendwie schien es mir, als säße er auf unserer Rückbank, aber das kam mir nur so vor, weil sich unsere Karre so tief in die seine gebohrt hatte. Um dieser etwas befremdlichen Nähe zu entrinnen, schaltete ich wieder von "R" auf "D" und rollte den Benz an den Seitenstreifen. Von Savas war nichts zu hören. Leider rutschte mein Blick nun von dem Gesicht des BMW-Fahrers auf mein Gesicht im Rückspiegel. Die Situation nahm sich ihren Raum. Zweifelsohne. Um meine Panik zu zügeln, beobachtete ich den BMW-Fahrer. Ich konnte sehen, wie er sein Handy zückte und einen kurzen Anruf machte. Dann begann er, auf unser Auto zu starren, ohne sich zu bewegen. Savas war immer noch sprachlos. Er signalisierte mir allerdings, dass er kapiert hatte, was Sache war, weil er die Jägermeister-Flasche unter den Sitz rutschen ließ.
Ich machte den Motor aus, während mein Blick weiter im Rückspiegel klebte - man möchte meinen, dass mein Leben an mir vorbeizog. Aber dem war nicht so. Mir wurde nur kalt von der Ruhe. Der Ruhe und dem Vakuum in meinem Kopf. Eisige Kälte in unserem Luxusschlitten.
Langsam dämmerte es.
Noch immer nichts.

Da sah ich im Rückspiegel einen Peterwagen anfahren. Savas rutschte tiefer in seinen Sitz. Doch das war gar nicht nötig, denn die beiden grünen Beamten gingen direkt zu unserem Kollegen samt bayerischem Fahrwerk. Nachdem dieser die Scheibe runtergelassen hatte, sah ich, wie er wild gestikulierend zu erzählen begann. Irgendwie formten seine Finger immer wieder eine Kreisbewegung. Als ob er in der Luft ein imaginäres Joghurt umrührte.
Ich fror immer noch. Von dem Rausch nichts mehr zu spüren. Mein Blick verfangen im Rückspiegel. Es hörte nicht auf zu schneien. Aber die Schneeflocken verwandelten sich in Regentropfen, die wie Schweißperlen die beheizte Scheibe herab liefen und Flüsse aus Tränen bildeten. Mein Blick schien sich nun gänzlich zu verlieren.
Da hörte ich die Polizisten kommen. Ich fühlte ihre Schritte. Man konnte hören, wie ihre Stiefel den Schnee unter sich zusammenpressten. Ich ließ die Scheibe herunter.
Dann schaltete mein Gehirn ab. Mir war klar, dass das einzige, was es nun zu hören gab, ein "Bitte folgen sie uns aufs Revier" sein musste. Mein ganzer Körper stemmte sich gegen diesen Satz, und so schaute ich durch den Polizisten hindurch, ohne ein einziges seiner Worte zu verstehen. Dann drehte er sich um und ging zum Wagen zurück.
Savas schloss das Fenster und schrie mich leise an "Fahr los! Mann! Los, fahr endlich los!". In Trance startete ich den Wagen und fuhr los. "Was hat er gesagt, Savas? Was hat er gesagt? Wo soll ich hinfahren?" "Er hat gesagt", hörte ich Savas, "dass der BMW-Fahrer so betrunken ist, dass sie ihn erstmal aufs Revier mitnehmen müssen. Der Typ hat behauptet, wir wären rückwärts Runden im Kreisverkehr gefahren. Und da meinte der Cop, sie bringen ihn jetzt erstmal zum Arzt zum Blut abnehmen. Es würde genügen, wenn wir morgen aufs Revier kämen, um den Vorfall zu Protokoll zu geben."
"Freunde und Helfer", entfuhr es mir, als der süße Saft, den Savas unter dem Sitz hervorzauberte, wieder meinen Rachen hinunterströmte.

Kommentare

Kämpferin90 schrieb am 2007-01-31 20:41:39:
Die Geschichte ist göttlich!!! :-))))))) Vor allem das Ende ist krass. Ein soches Ende hätte ich ja nun gar nicht erwartet.
luna_mac_aran@gmx.at schrieb:
gütiger himmel... das nennt man schwein...
gut erzählt, aber ich hoffe, daß diese durchaus sehr gut gewählten worte lediglig erstunken und erlogen sind....

lg
luna
goles1@web.de schrieb:
Super!
Stella schrieb:
Sehr grosses Lob an den Erzähler dieser Geschichte!!
Sehr fesselnd und Bildlich dargestellt. Fantastisch geschrieben!Bin begeistert.
Auch ich hoffe schwer, dass dies eine erfundene Geschichte ist! Sie wird sicherlich nicht für den "Rückwärtsfahrer" ohne Folgen bleiben, falls dem nicht so ist!

Aber wirklich toll erzählt! Das verstehe ich unter spannend. Vielleicht etwas lange..

Grüsse Stella
silvia.pohlgeers@ewetel.net schrieb:
coole Story, hätt ich nicht besser schreiben können. Und das Ende kam echt perfekt rüber.

Dickes Lob!
www.sharon@web.de schrieb:
Ich fand die Geschichte zu langweilig,da war garkein Kick dabei!
Kinder würden da garnicht durchblicken!
dooolle@gmx.at schrieb:
Diese Geschichte finde ich unsinnig und pervers, einfach eine schande für die Literatur und der Autor ist kein Vorbild für die Heutige Jugend.
dooolle@gmx.at schrieb:
Nein, war ein kleiner scherz, ich finde die Geschichte schön erzählt, zwar weit hergegriffen, aber trozdem schön. sie ist in keiner Weisse pervers oder eine Schande für die Literatur. Lob an den Autor.. Danke
fabian@heesch@web.de schrieb:
Klasse! Tolle Story! Das Ende hat mich richtig überrscht!
geheim schrieb:
Super. Diese Geschichte bringt es. Ich steh zwar nicht auf soetwas aber trotzdem nicht schlecht. Schreib ruhig weiter.

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