Geschichte einsenden Links & Rings AGBs Impressum
Kategorieauswahl
Wir freuen uns über jeden Autor, der hier auf Storyparadies.de seine Geschichten veröffentlichen möchte.Da jeder Autor Feedback braucht, sind Kommentare, solange es sich um konstruktive Kritik handelt, möglich und auch ausdrücklich erwünscht. Bitte verwenden Sie zur Einsendung der Geschichten und Kommentare unser Formular und beachten Sie dabei unsere Regeln.
Suche


Kategorien > Mysterie > Schmerz

Frohes Neues Jahr

von Dominik Reeb

1

Quietschend, dem Heulen eines Wolfes in einer kalten Winternacht gleich, bewegt sich das hölzerne Gartentor im Einklang mit dem Wind, der zwischen den Latten durchstreift. Der verwilderte Garten erinnert an das dornenumrankte Schloss aus Dornröschen. Tannezweige liegen verstreut auf der Erde, Büsche und Unkraut wuchern weit und breit. Einem Mahnmal gleich ragt ein verlassenes Haus in die Dunkelheit dieser Nacht. Der Wind fegt durch die Lamellen der Läden und lässt sie sich ab und an öffnen und wieder mit einem, die Stille dieser Nacht zerstörenden, Rumpeln schließen. Der Vollmond dieser Nacht taucht die Szenerie in ein bizarres helles Licht, das die weißen Vorhänge leuchten lässt. Fährt der Wind durch den feinen Seidenstoff fangen sie an zu tanzen und es hat den Anschein, als würden sie dir winken. Leise Musik erfüllt die Luft. Lässt dich zweifeln, ob sie wirklich da ist. Versuchst du ihre Richtung auszumachen stößt du unvermeidlich auf das offene Fenster des Hauses mit den Vorhängen die dir winken und zur sanften Pianomusik tanzen, so wie sie es schon so viele Jahre tun, immer am einunddreißigsten Tag des letzten Monats. All dies lässt dieses Haus so lebendig wirken in dieser eisigen Winternacht, es lädt dich ein einzutreten, eins zu werden mit dem Haus, mit seiner Geschichte, die in dieser Nacht, wie schon in unzähligen Nächten zuvor, in der Luft liegt – zum Greifen nah.

Die schneebedeckte Straße lag im schwachen Licht der Straßenlaternen. Überall waren die Häuser hell erleuchtet. Die Menschen tummelten sich in ihrem zu Hause, allesamt in Feststimmung, das Kommen des neuen Jahres abwartend. Ein paar Kinder tobten draußen im Schnee, zündeten schon voller Ungeduld den ein oder anderen Böller und verschwanden dann wieder in die beheizten Häu-ser. Im Haus mit den großen Tannen im Garten und dem stets offen stehenden Gartentor saß eine alte Frau in ihrem Wohnzimmer und lauschte der Musik, die ihr Plattenspieler hinaus in die Welt trug. Es ist das Haus ihrer Eltern. Nie hatte sie woanders gelebt und seit guten fünfzehn Jahren wohnte sie nun allein in diesem Haus. Ihr Mann, den sie über alles geliebt hatte, war schon vor neunzehn Jahren gestorben und ruhte nun unter der großen Fichte, die seither im Garten an ihn erinnerte. Die alte Frau, dreiundachtzig war sie schon, strebte sich immer gegen ein Altersheim und ihrem sturen Kopf zum Dank, wohnte sie, allen Befürchtungen ihrer Tochter zum Trotz, immer noch in diesem Haus.
So verbrachte sie auch dieses Silvester, wie sie die unzähligen Jahresenden zuvor auch schon ver-bracht hatte, in ihrem Schaukelstuhl, wippte langsam hin und her im Takt des Liedes, bei dem sie sich einst in ihren Mann verliebt hatte. Eine Träne kullerte ihre Wange sanft hinunter über die Fal-ten, die ihr altes Gesicht zierten und von dem Leben kündeten, das hinter ihr lag.
Nach einiger Zeit schlief die alte Frau ein. So merkte sie nicht, dass der Plattenspieler längst auf-gehört hatte sein Lied zu spielen und die Nadel nunmehr seit geraumer Zeit in der Endlosschleife ihre Bahnen zog. Auch der ungebetene Gast, der soeben durch das alte Gartentor, das stets jeden willkommen hieß, schritt entzog sich ihrer Wahrnehmung. Hastig und ohne jeglichen Respekt pas-sierte der Mann, der in dieser Winternacht nicht mehr, als ein dunkler Schatten war, die Fichte, die der alten Frau alles bedeutete. In der rechten Hand hielt er ein Brecheisen, welches er in Kniehöhe baumeln ließ. So bahnte sich der Mann seinen Weg durch den Garten, vorbei an dem Rosenbeet der alten Frau. In einem Akt unvorstellbarer Wut holte er aus und ließ das Brecheisen durch die Rosen gleiten. Eine der geköpften Rosen verhakte sich im Brecheisen und wurde mit getragen in das Haus der alten Frau.
Der Mann fand die alte Frau schlafend in ihrem Schaukelstuhl. In einem Moment völliger Stille, die nur das sanfte Kratzen der Nadel auf der Schallplatte zu durchdringen vermochte, holte der Mann aus und ließ das Brecheisen über der alten Frau niedergehen. Sie zuckte nur kurz und es hatte wieder den Anschein, als würde sie immer noch schlafen, in Gedanken an ihren geliebten Ehe-mann.
Der ungebetene Gast, der diese liebenswürdige alte Frau mit einem Schlag aus dem Leben gerissen hatte, durchsuchte die Wohnung nach Wertsachen, die er nicht fand.
Die grauen Haare der alten Frau begannen sich indes rot zu färben, so rot wie die Rose aus dem Garten der alten Frau, die in ihren Schoß gefallen war. Ein kleines Blutrinnsal floss über die Lehne des Schaukelstuhls und tropfte zu Boden. Ein heftiger Windstoß riss das Fenster des Wohnzimmers auf und ließ die alte Frau in ihrem Schaukelstuhl sanft hin und her schaukeln. Und die weißen Vor-hänge tanzten zu Ehren der alten Frau, die sich nun auf dem Weg zu ihrem geliebten Mann befin-det.

Es hat zu schneien begonnen. Zarte Schneeflocken gehen über dem verfallenen Haus nieder, aus dem noch immer leise das Lied der zwei liebenden Menschen erklingt. Indes haben sich die Bewoh-ner der Straße vor ihren Häusern versammelt und schießen wie jedes Jahr hunderte von Raketen gen Himmel. Sie geben sich die Hand und wünschen sich ein Frohes Neues Jahr!

1

Kommentare

Keine Kommentare vorhanden.

Kommentar hinzufügen



Aufgrund des extremen Mißbrauchs der Kommentarfunktion sind wir leider gezwungen, die Kommentare ab sofort redaktionell zu überprüfen. Wir bitten um Ihr Verständnis.